Politik

„Ethisch nicht vertretbar“

Organspende: CSU-MdB und Arzt Stephan Pilsinger lehnt die Widerspruchslösung ab. Von Stefan Rehder
Stephan Pilsinger.
Foto: Markus Hammes | Stephan Pilsinger (CSU).

Herr Pilsinger, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach wollen die Widerspruchslösung einführen, um die Zahl der Organspender zu erhöhen. Demzufolge wäre im Falle eines diagnostizierten Hirntodes jeder ein potenzieller Organspender, der einer Organentnahme vorher nicht ausdrücklich widersprochen hat. Sie halten das für keine gute Idee. Warum?

Das hat verschiedene Gründe. Zunächst bin ich ganz grundsätzlich der Meinung, dass nichts zu sagen keine Zustimmung sein kann. Eine Organspende muss immer freiwillig sein. Darauf weist schon der Begriff der „Spende“ hin. Die Einführung der Widerspruchslösung wäre daher ein Paradigmenwechsel. Sie würde eine Pflicht zur Organspende begründen, der sich die Bürgerinnen und Bürger nur durch den rechtzeitig erklärten und dokumentierten Widerspruch entziehen könnten. Meiner Meinung stellt dies einen unzulässigen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht von Menschen dar. Deshalb halte ich die Widerspruchslösung – rein ethisch betrachtet – für nicht vertretbar. Aber das ist noch nicht alles ...

... bitte, fahren Sie fort!

Zudem löst die Widerspruchslösung gar kein Problem. Ihre Einführung wäre daher auch fachlich falsch.

Weil?

Weil Studien, wie die der Universität Kiel, aber auch eine Expertise des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages eindeutig belegen: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen dem Erfolg der Organspende und der Einführung der Widerspruchslösung. In keinem einzigen Land. In Schweden ist die Zahl der Organspenden nach Einführung der Widerspruchsregelung sogar gesunken. Auch die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) führt die niedrige Zahl der Organspenden in Deutschland auf organisatorische Mängel zurück. Und auch ich habe das im Krankenhaus selbst so erlebt.

Klären Sie uns auf?

Ich habe erlebt, dass sich aufgrund der zunehmenden Arbeitsverdichtung im Krankenhaus niemand mehr zuständig fühlt, potenzielle Organspender zu melden. Und wenn das Krankenhaus dann noch mit der Entnahme von Organen Defizite macht oder es gar keine Neurologen gibt, die einen Hirntod feststellen können, dann ist auch klar, dass es aufgrund solcher Mängel auch bei zur Organspende bereiten Patienten gar nicht zu einer Organentnahme kommen kann.

Gesundheitsminister Spahn hat im Sommer den „Entwurf eines Gesetzes für eine bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei der Organspende (GZSO)“ auf den Weg gebracht. Müsste man dessen Erfolg nicht erst abwarten, bevor man eine Debatte über einen System- oder, wie Sie sagen, Paradigmenwechsel lostritt?

Das sehen Sie vollkommen richtig. Ich persönlich bin der Meinung, dass wir uns erst einmal die Ergebnisse der neuen Maßnahmen ansehen sollten, bevor wir weitere Schlüsse ziehen. Und ich bin fest davon überzeugt, dass die von Jens Spahn auf den Weg gebrachten Maßnahmen zur Stärkung der Organspende in Krankenhäusern zu einer deutlichen Verbesserung der Lage führen werden. Und wenn man vernünftig handelt, dann müsste man die erst einmal abwarten und dann entscheiden, ob und gegebenenfalls was noch zu tun wäre.

Angenommen, es gäbe noch etwas zu tun. Was könnte das dann sein?

Ich persönlich würde ein Modell ähnlich wie das der USA favorisieren, wo jeder bei der Ausstellung des Führerscheins nach seiner Haltung zur Organspende gefragt wird. Bei uns könnte jeder bei der Verlängerung seines Personalausweises danach gefragt werden, ob er Organspender sein möchte oder nicht. Es muss dann auch die Möglichkeit geben, zu sagen, ich möchte mich nicht entscheiden. Bei manchen muss die Entscheidung dazu erstmal reifen, bevor sie sich festlegen. Zudem gibt es aberauch Menschen gibt, die intellektuell oder auch psychisch nicht in der Lage sind, eine solche Entscheidung zu treffen. Solche Menschen würden durch die Widerspruchslösung indirekt zu Organspendern gemacht und das fände ich grundsätzlich ethisch falsch.

Befürworter der Widerspruchslösung könnten hier einwenden, durch die „doppelte Widerspruchsregelung“, die auch den Angehörigen das Recht einräumt, einer Organentnahme zu widersprechen, ließen sich solche Fälle vermeiden. Oder nicht?

Gut, das Sie das ansprechen. Ich habe eine zeitlang auf einer Palliativstation gearbeitet. Ich habe da mit vielen Menschen zu tun gehabt, die sich sehr schwer damit getan haben, zu entscheiden, ob bei ihren Angehörigen lebensverlängernde Maßnahmen durchgeführt werden sollen oder nicht. Und mir ist aufgefallen, dass sich die Menschen leichter tun, deren Angehörige vorher schriftlich festgelegt hatten, ob sie lebensverlängernde Maßnahmen wollen oder nicht. Ich denke, das lässt sich auch auf die Organspende übertragen.

Inwiefern?

Aktuell muss ich Menschen in einer Extremsituation fragen: „Darf ich die Organe Ihres Ehegatten, Ihrer Tochter, Ihres Sohnes entnehmen?“ Bei der doppelten Widerspruchsregelung würde sich nur die Frage ändern. Da müsste ich sie umkehren und dann fragen: „Darf ich die Organe Ihres Gatten, Ihrer Tochter, Ihres Sohnes nicht entnehmen?“ Und Menschen in einer solchen Extremsituation, beispielsweise nach einem Autounfall, mit so etwas zu konfrontieren und indirekt zu nötigen, ihre Angehörigen als Organspender freizugeben, das finde ich falsch.

 

Zur Person

Der direkt in den Bundestag gewählte Abgeordnete Stephan Pilsinger vertritt dort den Wahlkreis München West/Mitte. 2017 errang der erstmalig angetretene CSU-Politiker aus dem Stand 33,4 Prozent, 10,2 Prozent mehr als der zweitplatzierte Kandidat der SPD. Der Arzt und praktizierende Katholik ist ordentliches Mitglied der Ausschüsse für Gesundheit sowie für Familie, Senioren Frauen und Jugend des Deutschen Bundestags.

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