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Es ist auch unser Krieg

Seit tausend Tagen hält die Ukraine einem brutalen Eroberungs- und Vernichtungskrieg stand – aus vielen Wunden blutend, doch zum Überleben in Freiheit entschlossen.
Mariupol
Foto: (www.imago-images.de) | Da war der Krieg erst drei Monate alt: Foto einer russischen Nachrichtenagentur aus dem zu Beginn des Krieges heftig umkämpften Mariupol.

Seit tausend Tagen sieht sich die Ukraine einem massenmörderischen Krieg ausgesetzt, einem Krieg, der an vielen Fronten geführt wird: nicht nur an einer mehr als tausend Kilometer langen Frontlinie im Osten des Landes, sondern landesweit gegen die Zivilbevölkerung. Täglich regnen Kampfdrohnen, Raketen und Gleitbomben auf die Ukrainer herab – auf Schulen, Kindergärten, Wohnsiedlungen, Krankenhäuser und zivile Infrastruktur. Millionen Menschen wurden aus ihren Häusern, Dörfern und Regionen vertrieben. Hunderttausende Soldaten starben auf beiden Seiten. Zehntausende Kinder wurden ihren Eltern entrissen und nach Russland verschleppt.

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Seit die handstreichartige Einnahme Kiews im Februar 2024 scheiterte, setzt Wladimir Putin auf Zerstörung und Zermürbung: Das Nachbarland, das einfach nicht kapitulieren will, das sich zäh gegen den Vergewaltiger wehrt und seine Identität aus vielen Wunden blutend trotzig behauptet, soll offenbar in einem langfristigen Abnützungskrieg ruiniert werden. Und tatsächlich handelt es sich um einen asymmetrischen Krieg, denn die Ukraine ist ausgeblutet und erschöpft, doch Russland verfügt scheinbar über unerschöpfliche Ressourcen an Soldaten, Waffen und Geld. 

Moskau braucht Nordkorea, China und den Iran

Blickt man genauer hin, so wird offenkundig, dass Putin mit seinem ideologischen Kolonialkrieg nicht nur die Ukraine, sondern auch Russland zerstört: Mehr als 800.000 junge Russen haben sich der Zwangsrekrutierung durch Flucht ins Ausland entzogen, rund 600.000 wurden im Krieg getötet oder schwer verwundet. Der Kriegsherr im Kreml ist auf Söldner angewiesen, aktuell etwa auf die 11.000 Nordkoreaner, die bereits im Kursker Gebiet für ihn kämpfen. Obwohl Russland längst auf Kriegswirtschaft umgestellt hat und die Waffenproduktion das Bruttoinlandsprodukt künstlich nach oben zieht, kann Putin seinen Krieg nur mit Hilfe iranischer und chinesischer Drohnen sowie nordkoreanischer Munition führen. Wirtschaftlich hat Putin sein Land ganz an China ausgeliefert.

Dennoch bekommt die Ukraine von ihren westlichen Verbündeten „zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig“, wie ein erfahrener Kriegsreporter warnt. Noch immer glauben allzu viele im Westen, dass eine militärische Schmach für Putin das gefährlichste Szenario heraufbeschwören könnte, dass der Freiheitskampf der Ukraine nichts mit dem Rest Europas zu tun habe und dass man sich mit dem Kreml schon irgendwie arrangieren könne. Mit Donald Trump tritt in wenigen Wochen ein selbstbewusster „Dealmaker“ auf die Bühne des Weltgeschehens. Und schon sprießen die Ideen, welche Gebiete die Ukraine abtreten, welche Verpflichtungen das Kriegsopfer auf sich nehmen und welche Zugeständnisse an Putin man machen müsse, um endlich Frieden zu haben.

Putin will eine neue Weltordnung

Doch ein Zurück zum Status vor dem 24. Februar 2022 wird es für Europa und die Welt nicht geben. Nicht etwa, weil die Ukrainer sich einer Kapitulation beharrlich widersetzen, auch nicht, weil sie auf einem Frieden in Freiheit und Gerechtigkeit bestehen, sondern weil Putins Kriegsziele mit der Krim und dem Donbas keineswegs erreicht sind. Wer seinen Kritikern nicht glauben will, sollte zumindest ihm selbst glauben: Seit Jahren sagt Putin offen, dass es ihm nicht allein um Territorien gehe, sondern um eine „neue Weltordnung“, die er gegen den „kollektiven Westen“ etablieren will. Wie diese aussähe, lässt sich in Russland und bei seinen Verbündeten China, Iran und Nordkorea bereits studieren. Das ist letztlich der Grund, weshalb Putins Krieg gegen die Ukraine irgendwie doch „unser Krieg“ ist.

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