Bam, das hat gesessen: „Am Liberalismus gehen die Völker zu Grunde.“ Der Satz stammt von Arthur Moeller van den Bruck (1876–1925). Ein rechter Intellektueller aus der Zwischenkriegszeit, Vordenker der sogenannten „Konservativen Revolution“. Für ihn war der Liberalismus eine vergiftete geistige Kraft, die die Substanz eines Volkes angreift. Zu westlich, zu universalistisch, zu individualistisch. Heute steht der Mann bestenfalls noch in Fußnoten von historischen Werken. Nur im intellektuellen Vorfeld der AfD erfreut er sich einer gewissen Beliebtheit, ein neurechter Klassiker sozusagen.
Was hat das mit der FDP zu tun? Anfang der 50er Jahre führten die Freien Demokraten gerne Veranstaltungen am Hermannsdenkmal durch. Die Parteijugend blies in Fanfaren, und überhaupt sah das Ganze ein bisschen nach Hitlerjugend aus. Das war schon deswegen nicht verwunderlich, weil tatsächlich einige Parteifunktionäre ihre ersten politischen Schritte in der braunen Jugendorganisation gemacht hatten. Bei so einer Versammlung war es wahrscheinlicher, auf einen Teilnehmer zu treffen, der seinen Moeller van den Bruck gelesen hatte, als Adam Smith. Statt von der unsichtbaren Hand träumten da wohl noch manche lieber vom höchst sichtbaren zackigen Marschschritt. Das alles in einer FDP, die gleichzeitig mit Theodor Heuss einen echten Liberalen süddeutscher Prägung, einen Zivilisten vom Scheitel bis zur Sohle, als ersten Bundespräsidenten stellte.
Die FDP bestand schon immer aus verschiedenen Flügeln
Dieser historische Ausschnitt soll zeigen: Die FDP bestand schon immer aus verschiedenen Flügeln. Sie konnte sie dann zusammenhalten, wenn sie nicht das hohe Lied auf den Liberalismus in Reinform sang, sondern ihre Funktion innerhalb des bürgerlichen Lagers begriff. So sehr man heute die Nase über die martialischen Auftritte der FDP-Pimpfe rümpfen mag, man darf nicht vergessen: Das alles hatte eine integrierende Wirkung, darin liegt durchaus ein historischer Verdienst. Es gab eben eine Vielzahl von ehemaligen Nationalsozialisten, es waren vor allem auch junge Männer, die gerade aus dem Krieg gekommen waren, die nun politisch heimatlos waren. Sie wollten aber auch Anschluss an die sich neu formierende bürgerliche Gesellschaft, keine Outsider werden. Indem die FDP nun hier diesem Klientel habituell entgegenkam, hat sie mit dazu beigetragen, dass diese Leute nicht bei Extremisten landeten und sich radikal gegen die junge Bundesrepublik stellten. Natürlich war diese Taktik auch damals innerhalb der FDP hoch umstritten. Theodor Heuss etwa hielt davon gar nichts. Aber heute, mit dem Abstand von fast acht Jahrzehnten, kann man doch etwas abgeklärter auf diese Zeit schauen.

Auch heute steht die FDP vor einer Integrationsaufgabe. Und wenn die Partei sie lösen würde, dann könnte sie sich auch Verdienste um das bürgerliche Lager erwerben. Natürlich sind die Zeiten heute anders, auch das Klientel ist anders. Allerdings geht es auch hier darum, Wähler zu binden, die sonst politisch heimatlos werden könnten oder weiter nach rechts wandern. Die bürgerlichen Wähler, die von Friedrich Merz enttäuscht sind, weil sie sich durch dessen „Links ist vorbei“-Wahlkampf betrogen fühlen, gleichzeitig aber auch nicht zur AfD überwechseln wollen – sie bestimmen das Beuteschema der Kubicki-FDP.
Klare Sprache, klare Kante, kein akademisiertes Rumgefasel
Nach dieser Strategie ist es clever, wenn der neue FDP-Chef bei Nius auftritt, jenem Sender, den Robin Alexander so schön als AfD-nahen Boulevard bezeichnet hat. Denn auf diesem Boulevard wird einem Kubicki hinterhergeschaut, unter Umständen sogar hinterhergepfiffen. Denn auch das Beuteschema, das diese Wähler in Bezug auf einen Lieblingspolitiker haben, entspricht Kubicki. Klare Sprache, klare Kante, kein akademisiertes Rumgefasel. Ein Mann, der seine existenzielle Freude an Freiheit verkörpert. Gleichzeitig aber trotzdem niemand vom radikalen politischen Rand, bürgerlich, seriös, auch beruflich erfolgreich als Rechtsanwalt.
Jeder, der sich Sorgen darüber macht, dass unsere Demokratie in Schieflage geraten könnte, muss Kubicki für sein Projekt die Daumen drücken. Denn um diejenigen, die er jetzt ansprechen will, kümmert sich sonst keiner. Wenn dieses Klientel rechts rüberfällt, dann wird die bürgerliche Mitte noch schwachbrüstiger. Erkennt diese Aufgabe aber auch seine FDP? Wahrscheinlich eher indirekt. Kubicki müsste schnell eine Wahl gewinnen. Aber in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, da war die FDP schon immer schwach, ziemlich unwahrscheinlich. Gibt es dort überhaupt so ein bürgerliches Klientel? Dann schon eher in Nordrhein-Westfalen. Aber da sind die Wahlen erst im nächsten Jahr. Kann Kubicki so lange warten?
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