Tut sich da was bei den gesellschaftspolitischen Kulturkämpfen? Gewiss, es mag nur ein zartes Pflänzchen sein, das da gerade heranwächst. Aber umso mehr ist Obacht geboten, damit es nicht zertreten wird. Es deutet sich an, dass es einen neuen Trend zur Sachlichkeit hin gibt. Weg vom polemischen Lager-Pingpong, wo es schon längst nicht mehr um argumentative Überzeugung geht, sondern nur noch darum, die jeweils andere Seite zu provozieren.
Es mag pathetisch klingen: So eine Haltung endet letztlich im geistigen Bürgerkrieg. An dem kann aber niemand ein Interesse haben. Denn auch dann, wenn nur mit Worten scharf geschossen wird, kann es Tote geben. Eine absterbende Diskurskultur hat schwerwiegende Folgen für die gesamte Gesellschaft. Die Kulturkampf-Scharmützel kosten Kraft und Energie und sie erzeugen auch Schmerzen und Leid. Die kreative Kraft, die hier investiert wird, die fehlt an anderen Stellen, wo sie dringend gebraucht wird.
Die großen Fragen, die geklärt werden müssen
Wie wird sich in den nächsten zehn Jahren die Arbeitswelt verändern? Wovon werden wir in Zukunft leben? Vor allem aber: Woher kommt das Geld ins Portemonnaie? Und wenn wir dann alt und krank sind, was passiert mit uns? Das sind die großen Fragen, die geklärt werden müssen. Aber wir bewerfen uns mit Gendersternchen.
Drei Beispiele, die Hoffnung machen. Beispiel 1: Drei Bundesländer, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, wollen durch einen neuen „Prüfmechanismus“ erreichen, dass beim sogenannten Selbstbestimmungsgesetz „offenkundiger Missbrauch“ verhindert wird. Dass es diesen Missbrauch gibt, sieht jeder, der einigermaßen aufmerksam die zahlreichen Beispiele verfolgt hat, die genau diesen Missbrauch dokumentieren: Der spektakuläre Höhepunkt ist der Fall Marla Svenja Liebich. Wird es hier ein Einlenken geben? Ziehen andere Bundesländer mit? Siegt die Realität über utopische Ideologie?
Beispiel 2: Der Bischof von Essen steht wahrlich nicht im Ruf, irgendwie reaktionär zu sein. Franz-Josef Overbeck gilt schon eher als Vertreter des Reformflügels innerhalb der Bischofskonferenz. Umso aufmerksamer sollte man auf die Zwischentöne achten, die bei einem Podiumsgespräch mit dem Bischof vor einigen Tagen herauszuhören waren. Overbeck verteidigte die Bedeutung des Argumentes, plädierte für eine konstruktive Konfliktkultur. Und mahnte: „Bleiben wir doch normal.“ Eine klare Absage an ideologische Übersteigerungen, freilich von rechter wie von linker Seite. Die Botschaft war klar: Wenden wir uns wieder den eigentlichen Problemen zu, die die Menschen in ihrem Alltag berühren. Und vor allem: Lösen wir sie.
Gibt es auch noch Hoffnung für den ÖRR?
Beispiel 3: Donnerstagabend, ZDF: In der Talkrunde mit Markus Lanz sitzt auch Harald Martenstein. Seit seiner AfD-Rede gilt er vielen als Inbegriff eines bösen Rechten. Doch er ist ganz selbstverständlich zu Gast. Und genau in dieser Selbstverständlichkeit liegt das Positive. Martenstein wird zugestimmt, er wird kritisiert – so wie bei jedem anderen Diskutanten auch. Gibt es auch noch Hoffnung für den ÖRR?
Die Alternative zum Bürgerkrieg ist der Burgfrieden. Die Einsicht, die dahintersteht: Bei allen weltanschaulichen Unterschieden gibt es etwas, was uns verbindet, nämlich das Bekenntnis zur gemeinsamen Burg, in der wir leben und die uns schützt. In ihren Mauern kann sich jener Pluralismus entwickeln, der die weltanschaulichen Unterschiede bestehen lässt. Die Menschen, die hier leben, die Bürger eben, dürfen nach Façon selig werden. Nur die Grundfesten der gemeinsamen Burg dürfen dabei nicht angegriffen werden.
Die extremen Pole der Kulturkampf-Lager wollen aber jeweils die gesamte Burg für sich. Solche 100-Prozent-Lösungen zielen auf das jeweilige ideologisch favorisierte Paradies. Die Burg ist aber nicht dafür da, Erlösung zu bringen. Sie bietet den Schutz dafür, dass jeder, glaubend, denkend oder auch zweifelnd, für sich herausfinden kann, wo er denn seine Erlösung finden kann.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.









