Ernährung & Klimawandel

Ernährungsweise als Schicksalsfrage

Im Zuge der Klimadebatte kommt auch unsere Ernährungsweise auf den Prüfstand: zu viel Fleisch, zu viel landet im Müll. Wir müssen umdenken.   
Fresh healthy groceries in a paper bag
Foto: (56807452) | Gesunde Ernährung ist nicht nur ein Beitrag zum Klimaschutz, sondern auch gegen den Welthunger.

Die Art, wie wir uns ernähren, hat nicht nur unmittelbar Auswirkungen auf unsere Gesundheit, sondern auch auf Umwelt und Klima. Diese Erkenntnis gehört seit Jahren zur Allgemeinbildung. Das Gebot der Stunde lautet: Weniger Fleisch essen, denn die Nutztierhaltung ist ein Faktor im Klimawandel. Sie erzeugt etwa "15 bis 20 Prozent" aller vom Menschen verursachten Treibhausgase, so Andreas Michalsen in seinem Bestseller "Mit Ernährung heilen" (2019). Die Fleischproduktion sorgt nicht nur   wie jede andere Industrie   für CO2-Emissionen, sondern vor allem auch für die Freisetzung des besonders schädlichen CH4 (Methan).
Fleisch muss etwas Besonderes sein.

Europäer haben besonders großen Fleischhunger

Das Gebot der Stunde geht an unsere Adresse. Ein Durchschnittseuropäer konsumiert doppelt so viel Fleisch wie der Durchschnitt der Menschen auf der Welt. Ein Deutscher isst im Schnitt so viel Fleisch wie sieben Indonesier oder 22 Inder. Jeder Deutsche verursacht mit seiner Ernährung etwa 0,6 Tonnen CO2-Äquivalente. Eine vegetarische Ernährungsweise kann diesen Wert halbieren, eine vegane sogar um 80 Prozent reduzieren. Für immer mehr vor allem junge und vor allem weibliche Personen ist das die Lösung, oft zusätzlich motiviert durch den Gedanken des Tierwohls.

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Doch es würde schon einen nennenswerten Beitrag zum Klimaschutz leisten, wenn man sich dazu durchringen könnte, weniger Fleisch zu essen. Menschen, die sich das vorgenommen haben, nennen sich mitunter "Flexitarier". Sie essen nur dann Fleisch, wenn es  bei Einladungen etwa  angeboten wird, kaufen selbst jedoch keine Fleisch- und Wurstwaren. Oder sie verzichten periodisch auf Fleisch  einmal die Woche oder in der Fastenzeit.

Fleisch als etwas Besonderes

Während der fleischlose Tag in Europas Kantinen seit einigen Jahren ein hart umkämpftes Gebiet ist, weil er Hebel einer kulturellen Umgestaltung der okzidentalen Lebenswelt zu sein scheint, ist er in der Kirche seit Jahrhunderten Realität. Die Abstinenz von Fleischspeisen an allen Freitagen des Jahres (bewegliche Hochfeste, die auf einen Freitag fallen, ausgenommen) sowie am Aschermittwoch und am Karfreitag ist geltendes Kirchenrecht (Can. 1251 CIC). Der Tenor dieser Strategien: Fleisch wird wieder zu etwas Besonderem (zum sprichwörtlichen "Sonntagsbraten"), für das man auch gerne bereit ist, mehr Geld auszugeben.

Essen wir Menschen hingegen weiter so viel Fleisch und Milchprodukte wie bisher, dann werden sich die weltweiten Emissionen aus der Landwirtschaft bis zum Jahr 2070 verdoppeln. Wenn das auf der Pariser Klimakonferenz 2015 beschlossene "Zwei-Grad-Ziel" doch noch erreicht werden soll (momentan sieht es eher nicht danach aus), sind Fleisch und Milchprodukte in Zukunft zwar noch erlaubt, sollten aber nicht mehr täglich auf dem Speiseplan stehen.

Mehr Geschmack, weniger CO2

Und: Wenn Fleisch, dann Bio. Die artgerechte Haltung entlastet die Tiere durch Reduzierung vermeidbaren Leids, die Nachfrage nach regionalen Bio-Produkten befördert deren Marktfähigkeit. Was hat man davon? Mehr Geschmack, mehr Gesundheit, weniger Gewissensbisse  und weniger CO2.

Beim Thema Fleischkonsum bahnt sich zudem eine technologische Lösung an: die künstliche Erzeugung von tierischem Muskelgewebe aus Stammzellen. Das Verfahren steckt noch in den Kinderschuhen, könnte aber bereits in einigen Jahren die Fleischproduktion revolutionieren, meint Michalsen. Derzeit ist der Produktionsprozess noch extrem teuer, ein Hamburger käme auf mehrere tausend Euro. Doch technische Innovationen zeichnen sich durch raschen Preisverfall aus, wenn sie einmal serienreif geworden sind und in Massen produziert werden. Das ist auch beim "Kunst-Fleisch" zu erwarten. Allein: Will man das essen? Oder verzichtet man nicht lieber öfter mal auf das Schnitzel, um dann ab und zu ein Stück "echtes" Fleisch umso mehr genießen zu können?

Qualität statt Quantität

Nicht nur die Qualität, auch die Quantität der Lebensmittelproduktion ist ein Hebel beim Klimaschutz. Man sollte nur soviel einkaufen wie nötig. Die massenhafte Vergeudung von Nahrungsmittel ist ein Unding. Zwischen einem Viertel und der Hälfte aller Lebensmittel werden weltweit weggeworfen; die Hälfte dieser vernichteten Nahrung ist zum Zeitpunkt des Wegwerfens noch genießbar, so Wolfgang König in seiner "Geschichte der Wegwerfgesellschaft" (2019). Das ist schlecht für Mensch, Umwelt und Klima.

Auch hier gibt es Gegenbewegungen. Einige Menschen schließen sich zusammen, um systematisch zu "containern", d.h., sie holen sich genießbares Essen aus den Mülltonnen von Supermärkten. Es sind Straftäter   nach geltendem deutschen Recht. Zugleich sind es moralische Heldinnen und Helden der Idee ökologischer Effizienz und Suffizienz. Auch einige Kirchenvertreter sehen das so. Der Jesuit Jörg Alt hat sich medienwirksam für das Containern eingesetzt und wurde selbst aktiv. Nach einer Anzeige wegen "besonders schweren Diebstahls" legte er ein umfassendes Geständnis ab, um einen Gerichtsprozess gegen sich zu erwirken.

Freiwillig vor Gericht

Als die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth das Strafverfahren im Mai überraschend einstellte, wehrte sich Pater Alt dagegen. Er sieht darin eine ungerechtfertigte Privilegierung seiner Person. Er will den Prozess und darin schließlich ein Urteil, das am Ende dazu führt, "containern" als "Essen retten" zu entkriminalisieren: "Ich habe diese Tat begangen, um auf Missstände in unserem Rechtssystem aufmerksam zu machen und den Gesetzgeber gebeten, hier Abhilfe zu schaffen.

Dies ist bis jetzt nicht erfolgt. Das bedeutet, dass andere Menschen ohne vergleichbaren institutionellen Schutz nach wie vor angezeigt, angeklagt und verurteilt werden können", so der mutige Jesuit in einer auf Facebook veröffentlichten Erklärung.

Positive Wirkung auf die Gesundheit

Zu diesen spektakulären Aktionen gibt es die großartige Initiative der "Tafeln", die seit Jahrzehnten in vielen Städten organisiert sind, zunehmend auch im ländlichen Raum. Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sammeln Lebensmittel vom Obst- und Gemüsegroßhandel, von Supermärkten und Bäckereien und verteilen sie an soziale Einrichtungen und Bedürftige. So vermeiden sie tagtäglich, dass die Müllberge weiter anwachsen, helfen Menschen in Not und schützen das Klima.

Zurück zum ersten Gedanken: der Gesundheit. Eine unausgewogene, zu sehr auf tierischen Fetten basierende Ernährungsweise, die den Körper nicht mit allen notwendigen Nährstoffen versorgt oder bestimmte Stoffe im Übermaß zuführt, kann sich negativ auf den "Body-Mass-Index" und infolgedessen schädlich auf das Herz-Kreislauf-System auswirken. Als Nebeneffekt hätten wir als "Flexitarier", die bewusst einkaufen, individuell mit einem besseren Gesundheitszustand zu rechnen und kollektiv insbesondere mit einem Rückgang von zivilisationsbedingten Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck. Das wiederum würde das chronisch klamme Gesundheitswesen finanziell spürbar entlasten.

Gesunde Ernährung für Klimschutz und gegen Welthunger

Eine fleischarme Ernährungsweise ohne Verschwendung ist also ein wichtiger Beitrag zur individuellen Gesundheitsvorsorge und zum Klimaschutz. Zudem bietet sie die Chance, den Welthunger zu besiegen. Der in dieser Frage unverdächtige Deutsche Verband Tiernahrung beziffert den Anteil der landwirtschaftlichen Nutzflächen, die weltweit für den Anbau von Tierfutter verwendet wird, mit 60 Prozent. Ein Großteil davon könnte bei einer Umstellung unseres Speiseplans von Weide- zu Ackerflächen werden, genutzt für den Anbau von Getreide zur Herstellung von Grundnahrungsmitteln für den Menschen.

Es liegt also an uns beziehungsweise an unserer Ernährungsweise, ob wir ganz zentrale Probleme des 21. Jahrhunderts lösen werden oder nicht. Die Ernährung ist längst zur Schicksalsfrage geworden. Wir sollten sie beantworten, ehe uns der Appetit vergeht.

 

Lesen Sie eine ausführliche Analyse des Koalitionsvertrags in der kommenden Ausgabe der Tagespost.

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