Kolumne

„Veggie Days“ gegen den Welthunger?

Konsumverzicht sollte nicht staatlich geregelt sein. Not täte aber durchaus ein ebenso globales wie individuelles Umdenken.
Weizen
Foto: Arne Dedert (dpa) | Als eine der Folgen des Krieges in der Ukraine wird sich die weltweite Hungersnot noch verstärken.

Der Ukraine-Krieg lässt die Sorge um weltweite Hungersnöte wachsen. Im schlimmsten Fall könnten durch das Wegbrechen der Getreide-Exporte aus der Ukraine und Russland etwa 35 Millionen Tonnen an Weizen fehlen und die Zahl der Hungernden weltweit um über 100 Millionen auf eine Milliarde Menschen ansteigen. Darüber hinaus führt Getreidemangel immer wieder zu neuer Gewalt – man denke nur an Länder in Nordafrika sowie im Nahen und Mittleren Osten, wo es immer wieder zu bürgerkriegsartigen Unruhen kommt, wenn Brot fehlt oder teurer wird.

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Um das zu verhindern, werden aktuell verschiedene Alternativen angedacht. So überlegt man, die Handelswege aus Russland heraus für Lebensmittel-Lieferungen offen zu halten und Schiffstransporte von Getreide weiterhin zu ermöglichen – zum Nutzen des Aggressors. Auch die weltweite Nachfrage nach Getreide könnte man drosseln, indem die Verwendung von Pflanzen für Biokraftstoffe und Biogas eingeschränkt wird – auch wenn das die Energie- und Kraftstoffkrise befeuern und die Preise weiter in die Höhe schießen lassen könnte.

Solidarität kann bereits im Einkaufswagen beginnen

Eine Frage wird in diesem Zusammenhang aber bislang nicht gestellt: Müssen wir wieder eine stärkere Hinwendung zu pflanzlichen Nahrungsmitteln vollziehen und bereit sein, auf unsere tägliche Portion Fleisch oder Wurst zu verzichten? Früher aß man ja auch weniger und seltener Fleisch. Klar ist dabei: Erzwingen kann und darf man das nicht. Einen gesetzlichen Zwang zum „Veggie Day“ darf es nicht geben, Konsumverzicht sollte nicht staatlich geregelt sein. Not täte aber durchaus ein ebenso globales wie individuelles Umdenken: „Friday for Future“-Bewegte könnten bei ihrem Essen beginnen! Und Christen sind am Freitag eh schon zum Verzicht auf fleischliche Produkte aufgefordert. Auch wenn man den Fleischverzicht nicht staatlich verordnen oder spirituell begründen möchte, so sprechen doch auch wichtige ernährungsökonomische und sozialethische Gründe dafür.

Weniger Fleisch schafft Platz für Getreide

Einsparung beim Fleischkonsum hat nämlich große Folgen für die Getreideerträge: Würde es etwa gelingen, die Schweinefleischproduktion in Deutschland um 30 Prozent zu drosseln, würde daraus eine Ackerfläche von einer Million Hektar frei werden, auf der dann fünf Millionen Tonnen Getreide angebaut werden könnte, zeigte jüngst eine Studie.

Wie gut der weltweite Hunger trotz des Ukraine-Krieges begrenzt werden kann, hängt auch von den Maßnahmen im Rest der Welt ab: Eine Konzentration auf wichtige Grundnahrungsmittel, Eindämmung der Nachfrage und der Lebensmittelverschwendung wie auch die Auflösung von Lagerbeständen etwa in der EU, den USA oder China könnten die Lage entspannen. Denn letztlich ist Hunger auch in Kriegszeiten keine Frage der fehlenden Kalorien – es ist eine Frage der fehlenden Solidarität!

Der Autor ist Hauptgeschäftsführer des Hilfswerks Renovabis. Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

 

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