Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Leitartikel

Die USA treten als Führungsmacht ab

Egal ob Trump, Biden oder ein anderer im Weißen Haus sitzt: Die USA werden auf der weltpolitischen Bühne nicht mehr die Hauptrolle spielen.
Joe Biden, der amerikanische Präsident
Foto: IMAGO/Samuel Corum / Pool via CNP /MediaPunch (www.imago-images.de) | Über den November 2024 hinaus muss man die Frage aufwerfen, wer denn überhaupt noch Vertrauen in Amerika als Schutzmacht hätte, wenn weiterhin jemand wie Biden an ihrer Spitze stünde, von dem man nie weiß, ob er ...

Amerikas weltpolitische Vormachtstellung neigt sich dem Ende entgegen. Das hat die TV-Debatte zwischen dem amtierenden US-Präsidenten Joe Biden und seinem Herausforderer Donald Trump wie unter einem Brennglas gezeigt.

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Die tragische Figur in jenem Schauspiel war Biden. Ganz Washington diskutiert noch Tage später über seinen katastrophalen Auftritt, mit dem er all die Kritiker bestätigte, die schon länger behaupten, seine kognitiven Fähigkeiten hätten sich rapide verschlechtert – vom gebrechlichen körperlichen Zustand ganz zu schweigen. Auch im linken Lager überwog nach dem Duell die Erkenntnis: Der 81-Jährige scheint nicht mehr in der Lage zu sein, sich den Herausforderungen des Amtes weitere vier Jahre zu stellen.

Wer hätte noch Vertrauen in Amerika als Schutzmacht?

Selbst bis zur Wahl wird Biden die Position der USA massiv schwächen, allen voran in den zwei größten Krisengebieten, der Ukraine und dem Nahen Osten: Der russische Präsident Wladimir Putin kann sich getrost in dem Wissen zurücklehnen, dass er es bis November mit einer „lame duck“ zu tun hat, einem quasi machtlosen Joe Biden, dem auf dem außenpolitischen Schachbrett kaum noch gewinnbringende Züge gelingen dürften. Und auch Israels Premierminister Benjamin Netanjahu wird sich kaum in den nächsten Monaten auf einen von der Biden-Regierung entworfenen Friedensplan für den Nahen Osten einlassen, wenn absehbar scheint, dass der US-Präsident schon bald wieder Trump heißt.

Über den November 2024 hinaus muss man die Frage aufwerfen, wer denn überhaupt noch Vertrauen in Amerika als Schutzmacht hätte, wenn weiterhin jemand wie Biden an ihrer Spitze stünde, von dem man nie weiß, ob er gerade einen seiner guten oder seiner schlechten Tage hat. Die Ironie an der Geschichte: Im Vollbesitz seiner Kräfte wäre Biden als überzeugter Transatlantiker angesichts der multiplen globalen Krisen prädestiniert, um die USA auf dem internationalen Parkett anzuführen. Er ist in gewisser Weise der letzte seiner Art, ein Politiker einer längst vergangenen Epoche, eines längst vergangenen Jahrhunderts. Eines amerikanischen Jahrhunderts, das nun mit Biden zu Ende geht.

Selbst wenn Biden entgegen aller Erwartungen die Reißleine ziehen und Platz für einen jüngeren Demokraten machen sollte: Einen wie ihn, der seinen internationalen Partnern bedingungslosen Beistand versichert, gibt es in der Partei nicht mehr. Insbesondere die Proteste des linken Parteiflügels gegen Bidens Nahost-Politik haben gezeigt: Nicht nur die Republikaner, auch die Demokraten weisen isolationistische Tendenzen auf, die sich mit dem Heranwachsen einer jüngeren, noch linkeren Generation nur verstärken werden. 

Europa muss sich von den USA emanzipieren

Für den Isolationismus steht derzeit jedoch kaum einer so sehr wie Donald Trump, der dem Weißen Haus so nahe ist wie nie seit seiner Niederlage 2020. Auch in der TV-Debatte stellte er dies wieder unter Beweis, etwa mit vagen Andeutungen, er werde den Krieg in der Ukraine schnell beenden – ohne jedoch konkrete Ideen zu entwickeln oder den Aggressor klar zu benennen. Auch wenn man nicht über jedes Stöcken springen muss, das Trump seinen Kritikern hinhält: Unter ihm wird Amerika auf der weltpolitische Bühne nicht mehr die Hauptrolle spielen. 

Für die Europäer kann das nur eines heißen: Sie müssen sich von den USA emanzipieren, müssen lernen, auch militärisch auf eigenen Beinen zu stehen – ohne das freundschaftliche Verhältnis und die grundsätzliche Bereitschaft zur konstruktiven Zusammenarbeit aufzugeben. Das sagt sich leicht und ist doch so schwer, wenn man betrachtet, wie weit Europa derzeit davon entfernt ist, auch nur mit einer Stimme zu sprechen. Doch es bleibt nichts anderes übrig, als sich auf den raueren Wind vorzubereiten, der über den Atlantik wehen wird. Die 90 Debatten-Minuten haben einen Vorgeschmack auf das gegeben, was kommt.

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