Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Karlpreis

„Die Sudetendeutschen sind eine natürliche Brücke“

Der frühere tschechische Kulturminister Daniel Herman bekennt im Tagespost-Interview, dass die Vertreibung ein Akt der Rache war, und nicht der Gerechtigkeit.
Daniel Herman
Foto: Stephan Baier | Der frühere tschechische Kulturminister Daniel Herman erhält den „Europäischen Karlspreis“, die höchste Auszeichnung der Sudetendeutschen Volksgruppe.

Der „Tschechoslowakismus“ sei „etwas Künstliches“ gewesen, und die Vertreibung der Deutschsprachigen der „erste Schritt zur Sowjetisierung“. Der frühere tschechische Kulturminister Daniel Herman lässt im Tagespost-Exklusivinterview aufhorchen. Er ist „zutiefst davon überzeugt, dass die kulturelle Identität dieses Landes eine Symbiose aus drei dominanten Kulturen ist: der tschechisch-böhmischen, deutsch-böhmischen und jüdisch-böhmischen“. Diese Symbiose habe die kulturellen Fundamente des Landes geprägt, sagt er im Gespräch in seiner Heimatstadt Budweis.

Lesen Sie auch:

Hohe Auszeichnung

Herman, der am kommenden Samstag in München mit dem „Europäischen Karlspreis“, der höchsten Auszeichnung der Sudetendeutschen Volksgruppe, geehrt wird, ist überzeugt: „So etwas wie Kollektivschuld gibt es nicht. Es gibt nur Menschen mit individueller Verantwortung.“ Das habe er in seiner eigenen Familie leidvoll erfahren. „Ich stamme aus einer halb-jüdischen Familie. Viele meiner Verwandten wurden in Konzentrationslagern ermordet.“ Aus der tragischen Geschichte seiner Familie habe er gelernt, dass man nie nach ethnischen Kriterien urteilen dürfe. „Das jedoch war nach dem Krieg der Fall.“

Vertreibung ein Tabu

Die Vertreibung der Sudetendeutschen sei in der Zeit des kommunistischen Regimes tabuisiert gewesen. „Erst in den letzten 30 Jahren können wir darüber offen reden.“ Heute würden in Tschechien gerade die jungen Menschen verstehen, „dass das, was damals geschah, ein Akt der Rache war und kein Akt der Gerechtigkeit“.

Daniel Herman wirbt für Versöhnung, ja für Freundschaft: „Wir gehören zusammen!“ Deutschland sei für Tschechien der wichtigste Nachbar und Handelspartner, mit zahlreichen Schul- und Gemeindepartnerschaften. „Die Sudetendeutschen spielen dabei die Rolle einer natürlichen Brücke. Unser kulturelles Erbe verbindet uns.“ 

DT/sba

Lesen Sie das vollständige Interview mit dem ehemaligen tschechischen Kulturminister Daniel Herman am Donnerstag in Ihrer „Tagespost“.

Themen & Autoren
Vorabmeldung Sudetendeutsche

Weitere Artikel

Zum Pessimismus „genetisch unfähig“: Bernd Posselt, Präsident der Paneuropa-Union Deutschland und Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, ist 70 Jahre alt geworden.
10.06.2026, 10 Uhr
Stephan Baier

Kirche

Paris bereitet dem Papst einen begeisterten Empfang. Das zeigt: Die Kirche in Frankreich ist lebendiger als gedacht.
30.09.2026, 21 Uhr
Guido Horst
Gott vergibt, die Natur nicht. Warum das Zeugnis der Kirche für die Würde des Menschen in bioethischen Fragen unverzichtbar ist.
30.09.2026, 06 Uhr
Stefan Rehder
Ausgerechnet Hamburgs Erzbischof Heße soll künftig die DBK-Kommission für Familie, Jugend und Erziehung leiten. In seinem Erzbistum tobt ein erbitterter Streit um genau diese Themen.
29.09.2026, 14 Uhr
Sina Alsayed