Totalitarismus

Die desaströse Geschichte der Utopien geht von Robespierre bis zu den „Woken“

Neu sind die "Woken" nicht. Sie wiederholen in unserer Zeit lediglich den totalitären Albtraum der Französischen Revolution, mit der die Vergangenheit, also die Geschichte und damit der Mensch ausradiert werden soll. So beschreibt es ein Rechtsprofessor.
Maximilien Robespierre
Foto: Wikimedia (gemeinfrei) | Wie in der französischen Revolution wollen auch die heutigen "Woken" alles vergangene auslöschen. Im Bild: Maximilien Robespierre gemalt von Pierre Rock Vigneron.

Was die Utopie kennzeichnet, sei nicht nur ihre Zielsetzung, das heißt: eine Welt zu gestalten, die für das Paradies auf Erden gehalten werde, stellt der Professor für Öffentliches Recht, Frédéric Rouvillois, in einem Beitrag für L’Incorrect fest. Es „sind auch die Mittel, die sie einzusetzen empfiehlt, um dorthin zu gelangen: die Hindernisse auszumerzen, den Boden zu bereiten, die Feinde zu beseitigen und dafür jegliche Erinnerung an die Vergangenheit zu tilgen, in der die Gegner eine beherrschende Position innehatten“.

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Volle Härte

So werde mit aller Härte „reiner Tisch gemacht“. In dieser Hinsicht unterscheide sich der „totale Manichäismus“ der Woken (eine Formulierung der Historikerin und Philosophin Chantal Delsol) nicht von dem der Jakobiner des Jahres 1793 oder der Roten Garden der chinesischen Kulturrevolution. Daher könne man versuchen, folgert Rouvillois, „durch die Beobachtung der Praktiken ihrer Ahnen – denn es handelt sich dabei sehr wohl um Ahnen und nicht um simple Vorläufer – die Logik des Woken zu beleuchten: Was tut er, und was würde er tun, wenn sich keiner ihm in den Weg stellt“.

Der Woke setze letztendlich auf Gewalt: „gegen die Menschen, aber auch und vor allem gegen die Namen und Dinge, die aus diesen Menschen eine Gemeinschaft machen“. In der Antike habe es die „damnatio memoriae“ gegeben, erläutert Rouvillois, die darin bestanden habe, „sorgfältig alle Spuren eines verstorbenen Oberhauptes, Konsuls, Kaisers oder Pharaos, ja sogar die einer Stadt, eines Volkes oder einer Zivilisation auszulöschen, wie es Rom mit Karthago tat“. Die Absicht dabei sei keineswegs gewesen, „eine abhanden gekommene Bedrohung zu tilgen“, sondern es sei darum gegangen, jegliche Erinnerung an diese Gefahr und an die von jenen erlittenen Demütigungen, die nun an der Macht sind, auszulöschen.

Doch das, was damals „eine außergewöhnliche Vorgehensweise“ gewesen sei, „wird in den in die Tat umgesetzten Utopien, die seit der Französischen Revolution in voller Blüte stehen, ein alltägliches Instrument, ein unerlässliches Vorspiel: es brauche, wie Jean Servier (in Histoire de l’Utopie, 1967) bemerkt, ‚ein jungfräuliches Erdreich, um hier das geläuterte Jerusalem zu errichten‘“.

Denkmale fallen

Daher habe die Nationalversammlung während der Französischen Revolution, so fährt Rouvillois fort, ein Dekret angenommen, mit dem die „ersten Wogen des Vandalismus“ gerechtfertigt werden sollten: „Es ist wichtig für den Ruhm der Nation kein einziges Monument fortbestehen zu lassen, das an die Ideen der Sklaverei erinnert“, hieß es darin. Manche hätten sich dem „in Freude hingegeben“, schreibt Rouvillois, „doch die Höllenmaschine setzt sich erst nach den Aufständen vom 10. August 1792 in Bewegung – ein Dekret, das kaum vier Tage später, am 14. August angenommen wurde, fordert die sofortige Zerstörung von Denkmälern ‚welcher Art auch immer‘, die an die Feudalherrschaft erinnern könnten“.

„Die heiligen Prinzipien der Freiheit und der Gleichheit gestatten es nicht im Geringsten, die für den Hochmut, das Vorurteil und die Tyrannei errichteten Monumente noch länger unter den Augen des französischen Volkes stehen zu lassen“, betont der Erlass. Oder es sei, wie es Rouvillois formuliert, all das zerstört worden, „was an das Ancien Régime und die ‚vierzehn Jahrhunderte der Sklaverei‘ erinnert“.

Königtum canceln 

Elf Monate später, im Juli 1793, forderte eine weitere Verfügung die Gemeinde von Paris auf, „alle bildhauerischen oder gemalten Gegenstände auf den öffentlichen – nicht-kirchlichen wie religiösen – Monumenten“ zu zerstören, „die die Attribute des Königtums darstellten“. Zumindest sei es dabei um jene Denkmäler gegangen, die – so Rouvillois weiter – „den Hämmern und Meißeln der Sansculotten wie durch ein Wunder entgangen waren, und deren Taten der Zerstörung als tugendhaft, heroisch und republikanisch Beifall finden. Einige fordern, das Schloss von Versailles dem Erdboden gleichzumachen, so wie man Dächer und Dachreiter der Sainte Chapelle abgerissen hatte“.

Ähnliches habe sich dann nach der Oktoberrevolution abgespielt, als die russischen Machthaber „ein Kloster in Leningrad zum Museum für die Emanzipation der Frauen umgewandelt, in den leerstehenden Räumlichkeiten der Kathedrale Unserer Lieben Frau von Kazan das Museum des Atheismus eingerichtet und die Christ-Erlöser-Kathedrale gesprengt hatten“.

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Alles vergessen machen

1798 habe unter dem Direktorium ein Abgeordneter erklärt, er hoffe, „dass die uns nachfolgende Generation“ die Möglichkeit haben werde, „nicht zu wissen, dass Frankreich von Königen regiert wurde“. Die Notwendigkeit, alles aus der Vergangenheit abzustreifen, sei sogar so weit gegangen, dass die Revolutionäre den berühmten „republikanischen Kalender“ etablierten, um sogar noch im Alltag den „alten Aberglauben vergessen zu lassen“, sowie – so schreibt Rouvillois – „die verabscheuten Werte, die Feiertage, die Riten, die Gebräuche und die verfluchten Namen: man kann daher verhaftet und verurteilt werden, weil man sich ein gutes neues Jahr am 1. Januar gewünscht hat – ein Monat und ein Tag, die es nicht mehr gibt. Die es nicht mehr geben darf. Die niemals existiert haben!“

Alles zerstören

Und so verhalte es sich auch mit den Woken: dass sie davon träumten, sämtliche Abenteuer von Tim und Struppi zu verbrennen, bevor man „alles Übrige in Angriff nimmt, das heißt, 99 Prozent der Kulturproduktion vor dem 21. Jahrhundert. Und eines Tages werden sie unvermeidbarer Weise verlangen, dass Gott der Vater, das letzte Symbol des weißen Paternalismus, durch eine farbige Frau, oder noch besser, durch einen Transgender-Mestizen ersetzt wird. Ein Austausch, der mit der kompletten Zerstörung all dessen Hand in Hand geht, was zu der Annahme führen könnte, dass man dies auch anders verstehen konnte“. DT/ks

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