Henning Höne hat in seinem Beitrag „Neustart für den islamischen Religionsunterricht“ mit dem Anliegen, junge Menschen vor der Radikalisierung zu schützen, recht. Mit seiner Schlussfolgerung liegt er jedoch falsch: Sein Vorschlag, den islamischen Religionsunterricht durch ein bekenntnisunabhängiges Fach für alle zu ersetzen, würde genau das Gegenteil bewirken.
Denn junge Muslime setzen sich ohnehin mit ihrem Glauben auseinander. Die entscheidende Frage ist bloß, wo. Unsere an der Universität Münster durchgeführte Evaluation des islamischen Religionsunterrichts zeigt deutlich: Junge Muslime suchen heute vor allem in den sozialen Medien nach Antworten auf ihre religiösen Fragen. Dort stoßen sie aber auf die Angebote unkontrollierter, oftmals radikaler Prediger und Influencer. Wer den islamischen Religionsunterricht abschafft, überlässt die religiöse Bildung Instagram und Tiktok, die dann das Vakuum füllen.
Ethikunterricht klärt nicht die Frage der Identität
Die Alternative zu schlechter Theologie ist nicht keine Theologie, sondern bessere Theologie. Ein Ethikunterricht für alle kann die religiösen Fragen, die junge Muslime beschäftigen, nicht von innen beantworten. Die Frage der Identität bleibt offen.
Der islamische Religionsunterricht kann Schülerinnen und Schülern hingegen helfen, existenzielle Fragen für sich zu beantworten: Wer bin ich als Muslim? Wer sind wir als Muslime? Was erwartet mein Glaube von mir? Wie verhält sich der Islam zu Fragen meines Alltags? Wie kann ich zugleich Muslim und Demokrat sein? Ein guter islamischer Religionsunterricht nimmt den Glauben ernst und hilft zugleich, ihn kritisch zu befragen. Er bietet eine aufgeklärte Lesart an, die den ideologischen Angeboten auf ihrem eigenen Feld entgegentritt. Die Jugendlichen lernen, Propaganda aus dem Netz von Theologie zu unterscheiden. Der islamische Religionsunterricht ist nicht das Problem, sondern vielmehr eines der wirksamsten Mittel der Prävention von Radikalisierung.
Hinzu kommt: Der bekenntnisorientierte Religionsunterricht ist ein Grundrecht (Art. 7 GG) und ein Zeichen der Anerkennung. Er sagt den muslimischen Kindern: Ihr gehört dazu, euer Glaube hat in der öffentlichen Schule denselben legitimen Ort wie jeder andere. Ihn abzuschaffen hieße, den Islam zum bloßen Sicherheitsproblem zu erklären. Das wäre das völlig falsche Signal und kein guter Beitrag zur Integration.
Verengung auf Ditib
All das heißt nicht, dass alles bleiben soll, wie es ist. Ich teile viele der Kritikpunkte und würde sie sogar schärfer fassen. Der Religionsunterricht braucht klare, verbindliche Vorgaben gerade bei den heiklen Themen: Geschlechtergerechtigkeit, Antisemitismus und der Umgang mit digitalen Medien gehören verpflichtend in den Kernlehrplan, damit Lehrkräfte nicht auf sich allein gestellt sind, sondern eine klare Orientierung haben. Dafür brauchen wir Lehrkräfte, die gelernt haben, ihre eigene Tradition selbstkritisch und reflektiert zu lesen. Dafür ist die universitäre islamische Theologie da.
Die Debatte verengt sich außerdem zu oft auf die DITIB und ihre Nähe zur türkischen Regierung. Diese Sorge ist berechtigt, aber sie ist nicht das ganze Problem. Es gibt weitere Moscheegemeinden mit zum Teil sehr konservativen Haltungen. Wenn man einen einzigen Verband zum Sündenbock erklärt, macht man es sich zu einfach. Entscheidend ist etwas anderes: Der Religionsunterricht muss die Vielfalt der Muslime in Deutschland widerspiegeln – und die ist weit aufgeschlossener, als die derzeit am Religionsunterricht beteiligten Verbände es vermuten lassen.
Unterricht nicht den Verbände ausliefern
Der richtige Weg ist weder, den Religionsunterricht abzuschaffen, noch, ihn komplett an die Verbände auszuliefern, sondern ein staatlich verantwortetes, wissenschaftlich fundiertes und plural verankertes Modell des konfessionellen islamischen Religionsunterrichts zu stärken.
Ein solcher Religionsunterricht erzieht zu dem, was Höne zu Recht einfordert: zu eigenständigem Denken, zu Mündigkeit, zu gemeinsamen Werten. Nur erreicht er das nicht, indem er den Glauben aus der Schule verbannt, sondern indem er ihn hereinholt und ihn dazu befähigt, sich selbst zu befragen. Wer junge Muslime stark machen will gegen die Verführer, muss ihnen einen Ort geben, an dem sie ihren Glauben durchdenken können. Diese Orte dürfen wir nicht aufgeben.
Der Autor lehrt als Professor für Islamische Religionspädagogik und Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster.
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