Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Interview mit Klaus Zierer

„Der Unterricht muss Kindern eine Heimat geben“

Pädagogik-Professor Klaus Zierer erklärt, warum der Religionsunterricht Kindern zuerst den eigenen Glauben vermitteln muss. Erst danach ist ein Dialog mit anderen Konfessionen möglich.
Der Pädagogik-Professor Klaus Zierer
Foto: privat | Die „Süddeutsche Zeitung“ nannte Klaus Zierer einmal den „Debattenkönig der Bildungspolitik“. Der 50-jährige Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg meldet sich immer wieder öffentlich zu Wort.

Die Gefahr, dass sich Klaus Zierer in den Elfenbeinturm der Wissenschaft zurückziehen könnte, ist nicht gegeben. Der „Debattenkönig der Bildungspolitik“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ einmal den 50-jährigen Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg genannt hat, meldet sich immer wieder öffentlich zu Wort. Der Katholik hat sich auch mit dem Religionsunterricht beschäftigt: 2024 veröffentlichte er zusammen mit Thomas Gottfried „Ehrfurcht vor Gott. Über das wichtigste Bildungsziel einer modernen Gesellschaft“, 2013 erschien von ihm zusammen mit Kardinal Reinhard Marx „Religion und Bildung“. 

Herr Professor Zierer, in meiner Kindheit hieß es immer: „Kopfrechnen: schwach, Religion: sehr gut“. Damit sollte ausgedrückt werden, dass Religion ein Fach sei, das nur irgendwie nebenbei laufe, aber nicht wirklich ernst zu nehmen sei. Wenn heute ein Unternehmer jemanden einstellen will, würden Sie ihm raten, auch auf die Religionsnote zu schauen?

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Ich finde schon, dass er die Note beachten sollte. Denn für ihn ist nicht nur interessant, ob jemand gut in Deutsch oder Mathematik war, sondern auch, ob er einen Wertekosmos besitzt, ob er gewissenhaft und loyal ist, sich über bestimmte Fragen austauschen kann. Aber der von Ihnen zitierte Spruch stimmt heute häufig auch noch: Es zählt nur das, was gemessen werden kann. In der Schule ist das nicht nur im Umgang mit Religion, sondern auch mit Kunst oder Sport zu spüren. Dabei wird die integrative Kraft der Bildung vernachlässigt: In der bayerischen Verfassung gibt es den Bildungs- und Erziehungsauftrag zur Ehrfurcht vor Gott. Wir bilden ja nicht dadurch eine Gesellschaft, dass wir alle so gut rechnen und lesen können, sondern dadurch, dass wir in der Lage sind, uns mit Werten auseinanderzusetzen, diese zu reflektieren und darüber zu diskutieren und zu streiten. Der christliche Religionsunterricht ist deswegen kein Beiwerk, denn unsere Gesellschaft steht in der christlich-abendländischen Tradition.

Der Täter, der den Anschlag auf den CSD in Berlin verübt hat, hatte einen islamistischen Hintergrund und ist in Deutschland aufgewachsen. Hätte ein guter islamischer Religionsunterricht ihn davor schützen können, so in den Extremismus abzugleiten?

„Ich würde schon sagen, dass ein
institutionalisierter Religionsunterricht
vor so einer Radikalisierung schützen kann"

Das Wichtigste zuerst: So ein Anschlag ist eine Katastrophe, ein abscheulicher Akt. Mit Blick auf Ihre Frage würde ich schon sagen, dass ein institutionalisierter Religionsunterricht vor so einer Radikalisierung schützen kann. Wir müssen aber genau hinschauen, ob das, was in der jeweiligen Religion verkündet wird, im Einklang mit unseren Grundrechten steht. Was ebenfalls beachtet werden sollte: Religionsunterricht sollte nicht werteneutral sein. Ich persönlich stehe bestimmten Inhalten, für die der Christopher Street Day eintritt, durchaus kritisch gegenüber. Diese Kritik muss geäußert werden dürfen. Gerade auch dann, wenn sie religiöse Gründe hat. Es kommt dann aber noch ein anderer, entscheidender Wert dazu: der Respekt und die Achtung vor anderen Meinungen. Genau das kann der Schüler im guten Religionsunterricht lernen.

„Identität“ ist heute ein Begriff, der über vielen Debatten kreist. Früher schien durch Milieu und Herkunft geklärt, was diese Identität ausmacht. Heute ist sie zur Frage geworden.

Die eigene Identität zu bestimmen, wird für die jungen Leute heute immer schwieriger. Früher sind die Kinder zum Beispiel in einem Dorf zwischen Familie, Schulen und Vereinen aufgewachsen. Da ging alles in die gleiche erzieherische Richtung. Das ist heute alles weggebrochen. Das Lebensglück wird heute größtenteils im Materiellen gesucht. Das zeigt sich auch bei den Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen in den sozialen Medien: Die Jungen suchen bei Tiktok nach Videos über Bodybuilding und die Mädchen Schminktipps. Die Frage nach Sinn und Orientierung bleibt aber. Und sie ist auch die zentrale Dimension für den Religionsunterricht. So kann man sogar eigentlich sagen: Heute wird ein guter Religionsunterricht noch nötiger gebraucht als früher. Aber in der Unterrichtsrealität wird das nicht aufgegriffen.

Woran liegt das?

Der Religionsunterricht kann nur dann klar sein, wenn auch die Kirche, die ihn trägt, eine klare Position vertritt. Aber wo ist denn heute noch so eine katholische Stimme zu hören? Ich war kürzlich bei einer Veranstaltung zur Zukunft des Faches, da war auch ein Bischof mit dabei. Geredet wurde dort viel über interreligiöse Projekte. Ich habe mich dann zu Wort gemeldet und einen Gegenakzent gesetzt: Guter Religionsunterricht muss den Kindern zuerst einmal eine Heimat geben. Erst einmal muss ich wissen, wer ich bin und woher ich komme. Ich muss mich mit meinem eigenen Glauben beschäftigen. Erst in einem zweiten Schritt kann ich dann den Blick öffnen. Wenn man sich vor diesen Grundlagen drückt und nicht richtig Position beziehen will, dann landet man am Ende in einem etwas seltsamen Sozialkundeunterricht, der auch an dem vorbeiläuft, was die Kinder eigentlich verlangen. Die wollen nämlich Orientierung bekommen. Nur, ich habe das auch bei meinen eigenen drei Kindern erlebt, die wenigsten Religionslehrer scheinen dazu bereit zu sein, in dieser Weise zu unterrichten.

In Niedersachsen startet jetzt mit dem neuen Schuljahr interkonfessioneller Religionsunterricht. Was halten Sie davon?

„Ich habe überhaupt nichts gegen den Dialog
zwischen den Religionen oder auch den Konfessionen.
Aber man darf mit diesem Diskurs nicht zu früh einsetzen"

In der Erziehung kommt es immer auf das Timing an. An unterschiedlichen Zeitpunkten sind unterschiedliche Dinge gefordert. Ich habe überhaupt nichts gegen den Dialog zwischen den Religionen oder auch den Konfessionen. Aber man darf mit diesem Diskurs nicht zu früh einsetzen. Erst einmal müssen die Kinder ihren eigenen Glauben kennenlernen. Wenn ich nicht weiß, was meine eigene Religion ausmacht, wie soll ich denn dann in einen Dialog eintreten können?

Die Sinnsuche beschreiben Sie als eine Eigenschaft, die jeden Menschen umtreibt. Das heißt, wenn die Kinder nicht in der Schule oder der Kirche solche Inhalte finden, suchen sie sie woanders?

Ja, zum Beispiel in den sozialen Medien könnten sie auch auf falsche Propheten stoßen. In diesem Zusammenhang finde ich interessant, dass aktuell oft sogenannte christliche Influencer angegriffen werden, weil sie angeblich zu radikale Positionen zum Christentum vertreten. Ich würde hier vor zu schnellen Urteilen warnen. Es zeigt sich hier nur: Die Suche nach Sinn, auch die Suche nach Sinn durch den Glauben, ist auch bei jungen Leuten durchaus vorhanden. Wenn sie aber bei den klassischen Anbietern keine Antworten finden, suchen sie die woanders. Hier müssten bei den Kirchen Alarmglocken klingeln. Sie sollten sich fragen, ob sie sich nicht auch wieder auf diesen Kern konzentrieren sollten. Solche Influencer pauschal zu verteufeln, hilft sicher nicht weiter.

Wie könnte die Kirche denn in die Offensive gehen?

Es gibt ein schönes Sprichwort: Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Das ist Kindern zum Beispiel ganz unmittelbar verständlich. Nehmen Sie die Erstkommunion. Den Kindern muss vermittelt werden, dass es nicht nur eine Feier gibt und davor und danach sie nie in der Kirche auftauchen müssen. Sie müssen lernen, dass die Feier der ersten Heiligen Kommunion auch mit Pflichten verbunden ist. Das muss in einer gewissen Bestimmtheit vermittelt werden, das wirkt dann auch. Wenn aber so eine Wischiwaschi-Haltung herrscht, dann haben auch die Kinder kein Interesse. Kinder haben Freude daran, sich anzustrengen. Das gilt in der Schulbildung generell. Kinder freuen sich, wenn sie mit ihren Leistungen glänzen können. Wenn ich versuche, Glaubensfragen tiefgründig zu reflektieren, dann ist das anstrengend. Für die Schüler, aber auch für die Lehrer.

Die Lehrer sind doch sowieso die Schlüsselfiguren. Die theoretischen Konzepte mögen noch so ausgefeilt sein, sie müssen es letztlich umsetzen. Wie schauen Sie auf das aktuelle Lehrpersonal?

Wir haben generell ein Problem in der Lehrerbildung – das schlägt natürlich auch beim Religionsunterricht zu Buche. Die Lehrer werden vielfach zu Einzelgängern sozialisiert, zu Fachidioten gemacht und gerade für das, was einen guten Lehrer ausmacht, ist kein Platz: Er muss bei den Kindern und Jugendlichen Debatten erkennen und führen können. Man muss wahrscheinlich ganz von vorne anfangen: Religionslehrer sollten sich die Frage stellen, was ist meine Aufgabe und was macht guten Religionsunterricht wirklich aus. Ich habe es bei meinen Kindern erlebt, dass manche Lehrer gesagt haben, das, was in der Bibel stehe, sei alles Schmarrn.

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Sebastian Sasse Religionsunterricht

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