Bioethik: Ideologiefreies Sprechen nur schwer möglich

Der Heidelberger Medizinethiker Axel W. Bauer erklärt im Gespräch mit der „Tagespost“, warum Biopolitik immer zugleich auch Sprachpolitik ist. Ein Beispiel ist der Themenkomplex der sogenannten „Sterbehilfe“.
Heidelberger Medizinethiker Axel W. Bauer
Foto: Andreas Kobs

Für den Heidelberger Medizinethiker Axel W. Bauer ist Biopolitik immer zugleich auch Sprachpolitik. In der Biopolitik gehe es darum, ethisch umstrittene Projekte der modernen Medizin und der Naturwissenschaften gegen gesellschaftlichen Widerstand zu verwirklichen, meint Bauer im Gespräch mit der „Tagespost“. „Es kommt dann strategisch nicht zuletzt darauf an, die jeweiligen Vorhaben in der Öffentlichkeit möglichst positiv darzustellen.“ Begriffe, die angenehme Assoziationen weckten, würden dabei als wirkungsvolle kosmetische Hilfsmittel eingesetzt, „während man die unerwünschten Aspekte des jeweiligen Themas nach Möglichkeit ausblendet“, so der Medizinethiker. „Wer frühzeitig die dominanten Begriffe prägt, der erringt in der Regel die Herrschaft über den biopolitischen Diskurs.“

Bauer, der von 2008 bis 2012 Mitglied im Deutschen Ethikrat war, nennt als Beispiel den Themenkomplex der sogenannten Sterbehilfe. Seit 1871 gebe es in Deutschland den Tatbestand der „Tötung auf Verlangen“, der mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe bewehrt sei. Ethiker, Juristen und Politiker, die diese Handlungsweise „entkriminalisieren“ wollten, sprächen stattdessen lieber von „aktiver Sterbehilfe“. „Das klingt viel sympathischer“, so Bauer. Hier wirke eine sedierende Sprachpolitik, die das Wort „Tötung“ geschickt auszublenden verstehe, meint der 63-Jährige.

Ein ideologiefreies Sprechen über bioethische Phänomene wie den menschlichen „Embryo“ oder kontrovers diskutierte Handlungen wie „Abtreibung“ und „Euthanasie“ hält Bauer für schwierig. Bei bioethischen Fragestellungen überlagerten sich stets natürliche Tatsachen, also die Beschreibung physischer Sachverhalte, und institutionelle Tatsachen wie moralische Bewertungen in einer kaum zu entwirrenden Art und Weise. „Unsere Begriffe enthalten gleichsam immer schon jene normative ,Richtungsangabe', die wir dem jeweiligen Phänomen in ethischer oder biopolitischer Hinsicht zuweisen wollen.“

Das ausführliche Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der „Tagespost“ vom 19. April.
DT

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16.10.2020, 07  Uhr
Stephan Baier
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