Kommentar um "5 vor 12"

Gehäufte Fehler im Pandemie-Management

Warum das Pandemie-Management der Politik immer unverständlicher und aus „3 G“ in Wahrheit in vielen Fällen „1 G“ wird.
Coronavirus - Debatte um 2G
Foto: Robert Michael (dpa-Zentralbild) | Aus „3 G“ ist längst „2 G“ geworden. Mehr noch: Überall dort, wo nun statt eines Schnelltests nur noch ein PCR-Test akzeptiert wird, um als „negativ getestet“ zu gelten, wird aus „2 G“ in sehr vielen Fällen „1 G“.

Seit heute sind die sogenannten Bürgertests, mit denen sich Menschen auf eine Infektion mit dem Virus SARS-CoV-2 testen lassen können, kostenpflichtig. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) begründete dies gestern erneut mit „Fairness“ gegenüber den Steuerzahlern. Da der Staat mittlerweile jedem ein Impfangebot gemacht habe, seien die Bürgertests künftig nur noch für Personen kostenlos, für die es bislang keine Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) gibt. Ein Vorgehen, auf das sich Bund und Länder am 10. August geeinigt hatten.

Welle der infektiösen Geimpften

Bedauerlicherweise machen Bund und Länder damit erneut einen schwerwiegenden Fehler beim Management der Pandemie. Einen, der Land und Leute in der prognostizierten vierten Welle teuer zu stehen kommen könnte. Denn bei Licht betrachtet ist das regelmäßige Testen auf eine Infektion mit SARS-CoV-2 nach wie vor im Interesse aller, einschließlich der Geimpften.

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Der Grund: Auch Geimpfte, die den vollen Impfschutz besitzen, können, weil keiner der COVID-19-Impfstoffe „sterile Immunität“ gewährt, weiterhin sich und andere mit dem Virus infizieren. Mehr noch: Seriösen Studien zufolge können vollständig Geimpfte an ihre Mitmenschen sogar dieselbe Virenlast weitergeben wie Ungeimpfte. Lediglich auf der Zeitachse sind sie etwas weniger lang infektiös als Ungeimpfte. Bereits im September warnte Alexander Kekulé, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie am Universitätsklinikum Halle, daher: „während die häufig proklamierte ,Welle der Ungeimpften‘ anhand der Tests und Krankenhauseinweisungen sichtbar und berechenbar ist“, rausche die Welle der infizierten Geimpften nun „wie ein Tarnkappen-Bomber durch die Bevölkerung“.

Impfdurchbrüche bei "Silver Agern"

Wie richtig der Virologe damit liegt, zeigen auch die jüngsten Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI). Das musste in seinem aktuellen Wochenbericht vom 7. Oktober die Zahl der Impfdurchbrüche deutlich nach oben und – folgerichtig – die Wirksamkeit der Vakzine empfindlich nach unten korrigieren. Demnach geht das RKI nun von 67.661 „wahrscheinlichen Impfdurchbrüchen“ seit Anfang Februar aus. Besonders betroffen sind davon die „Silver Ager“. Im September, genauer in den Kalenderwochen 36 bis 39, betrug die Rate der wahrscheinlichen Impfdurchbrüche bei den symptomatischen Über-60-Jährigen, satte 52,6 Prozent. Mit anderen Worten, mehr als jeder Zweite, der in dieser Altersklasse Symptome zeigte und anschließend positiv auf COVID-19 getestet wurde, besaß den vollen Impfschutz. Für die Altersgruppe (18-59 Jahre) liegt die „geschätzte Impfeffektivität“ laut RKI nun nur noch bei „ca. 80 Prozent“. Bei den Über-60-Jährigen beträgt sie derzeit noch „ca. 77 Prozent“.

Großteil der Genesenen wird gar nicht als genesen anerkannt

Damit nicht genug: Schwer nachvollziehbar ist auch der Umgang mit „Genesenen“. Und das ist noch höflich formuliert. Denn laut den von Bund und Ländern beschlossenen „Drei-G-Regeln“ gilt als „genesen“ nur, wer einen positiven PCR-Test vorweisen kann, der älter als 28 Tage und jünger als sechs Monate ist. Bei einer Erkrankung, die wie COVID-19 jedoch in rund 80 Prozent der Fälle symptomfrei verläuft, wird auf diese Weise nur ein Bruchteil der tatsächlich Genesenen erfasst. Antikörpertests, mit denen sich die Menge der Antikörper (Titer) bestimmen lassen, die ein Organismus im Kampf gegen eine Infektion gebildet hat und die Aufschluss darüber gäben, wie gut oder auch – wie schlecht – ein Genesener gegen eine erneute Infektion geschützt ist, werden als Nachweis für eine überwundene Infektion bisher gar nicht akzeptiert.

Die Folge: Aus „3 G“ ist also in Wahrheit längst „2 G“ geworden. Mehr noch: Überall dort, wo nun statt eines Schnelltests nur noch ein PCR-Test (Kosten: rund 50 Euro) akzeptiert wird, um als „negativ getestet“ zu gelten, wird aus „2 G“ in sehr vielen Fällen „1 G“. Das aber schüttet nicht nur Wasser auf die Mühlen von Verschwörungstheoretikern, sondern vermehrt auch außerhalb der Lager von Impfverweigerern und Impfskeptikern die Unzufriedenheit der Bürger mit der Politik. Soll es dabei nicht bleiben, müssen die Politiker in Bund und Ländern endlich anfangen, ihre Hausaufgaben besser zu machen.

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