Berlin

Ahmad Mansour: Kritik an den Islamverbänden

Ahmad Mansour kritisiert seit langem die Rolle der Islamverbände. Jetzt hat der Psychologe ein Buch darüber geschrieben, wie er sich das Zusammenleben in Deutschland vorstellt.

Debatte um Islam
Was Integration bedeutet, das muss nach Ansicht von Ahmad Mansour künftig anders buchstabiert werden. Der Blick sei immer noch zu theoretisch und zu wenig auf die konkreten Menschen ausgerichtet. Foto: Armin Weigel (dpa)

Herr Mansour, was bedeutet es, solidarisch zu sein in diesen Zeiten?

Solidarität bedeutet, Demokrat zu sein und zu wissen, dass jegliche Form von Extremismus uns alle als Gesellschaft betrifft. Wir brauchen viel mehr Miteinander. Wir müssen zusammenhalten, die Sorgen der Menschen ernst nehmen und uns einander zugewandt zeigen. Und wir müssen offener und ehrlicher über Rassismus sprechen als bisher. Es braucht eine Debatte, die frei ist von Tabus und Vorurteilen. Der Diskurs der gesellschaftlichen Gruppen muss geprägt sein von gegenseitiger Anerkennung und Flexibilität im Denken.

„Wir haben die Kunst verlernt, wie Brüder zu leben“, sagte Martin Luther King 1968. Haben wir diese Kunst zwischen den verschiedenen Kulturen und Religionen jemals beherrscht?

"Wir benötigen die Empathie als Kitt, der die Gesellschaft
zusammenhält, dringend, um unsere Demokratie zu stabilisieren"

Wir haben Probleme im Zusammenleben. Das zeigt sich auch in den vielen sozialen und kulturellen Ghettos, wie sie beispielsweise in den Berliner Stadtteilen Zehlendorf oder Neukölln zu finden sind. Darüber hinaus habe ich, bezogen auf unsere Gesamtgesellschaft das Gefühl, dass die Empathie in allen gesellschaftlichen Schichten in den letzten Jahren deutlich geringer geworden ist. Das hat etwas zu tun mit der Art, wie wir beispielsweise in den Sozialen Medien kommunizieren, aber auch mit der Erziehung in den Familien. Dazu kommt der Leistungsdruck, den wir in der Schule und der Arbeitswelt erfahren.
Wir benötigen die Empathie als Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält, allerdings dringend, um unsere Demokratie zu stabilisieren und gemeinsam gegen Extremismus zu wirken. Nur wenn wir permanent im Gespräch miteinander bleiben, lassen sich Vorurteile abbauen.

Haben Terrorakte wie der in Paris mehr mit Religion oder mehr mit Terrorismus zu tun?

Nach der Zerschlagung der Strukturen des IS im Nahen Osten hatten viele gehofft, dass sich das Terrorismusproblem abschwächen würde. Man hat dabei übersehen, dass es immer noch, jetzt stärker auf lokaler Ebene, Radikalisierungstendenzen vor allem auch bei jungen Menschen gibt. Durch den intensiven, wichtigen Blick auf den Rechtsextremismus hat man zum Teil die Sicht auf die Gefahren des Islamismus vernachlässigt. Der Anschlag auf den Lehrer in Paris zeigt aber: Der Islamismus ist weiterhin da, barbarisch und mörderisch. Wer es ignorieren will, weil es nicht in sein enges Weltbild passt und wer einen Wettbewerb darin sieht, welcher Extremismus schlimmer ist, der wird diesen Kampf nicht gewinnen. Dabei muss man sich doch einfach nur die Frage stellen: Was ist das für ein allmächtiger Gott oder Allah, der Hilfe von barbarischen Terroristen braucht, um seine Ehre, seinen Propheten oder seine Religion vor Kritik und etwas Satire zu schützen? Das ist kein Ausdruck von Stärke, sondern von Verunsicherung und Schwäche.

Man hat das Gefühl, dass die von Ihnen geforderte Solidarität gegenüber Rassismus, Antisemitismus und Hass nicht über die politischen Lager hinweg besteht. Gibt es da einen Bruch im gesellschaftlichen Konsens?

"Es wäre wichtig, Rechtsextremismus und Islamismus
nicht durch verschiedene Brillen zu betrachten,
sondern sie in einem gleichen Maße
zu analysieren und Lösungen anzubieten"

Das Gefühl teile ich. Es hängt damit zusammen, dass wir unsere Debatten zu oft eindimensional als Richtungsdebatten aus der linken oder rechten Ecke führen. Dabei wäre es wichtig, Rechtsextremismus und Islamismus nicht durch verschiedene Brillen zu betrachten, sondern sie in einem gleichen Maße zu analysieren und vor allem Lösungen anzubieten.

Inwieweit werden die Gefahren des politischen Islams unterschätzt oder bewusst aus der Debatte ausgeklammert?

Es trifft zu, dass die Gefahren des politischen Islams und die des islamistischen Terrors in der tagesaktuellen Debatte zu oft nicht laut genug artikuliert werden. Insbesondere das linke Lager legt da oft eine große Zurückhaltung an den Tag. Und ich habe sogar eine Erklärung dafür, warum das so ist. Vielfach ist man in Sorge, dass man sich mit einer deutlichen Positionierung auf das Spielfeld rechter Parteien und Gruppen begibt. Den Anschein will man natürlich vermeiden. Gesellschaften, in denen die politischen Ränder am lautesten sind, während die Mitte schweigt, verlieren allerdings ihre demokratische Basis.

Führen wir die falschen Debatten?

Nein, aber wir sehen in unseren Diskussionen zu oft nur die Spitze des Eisbergs, die spektakulären, erschütternden Anschläge. Darüber vergessen wir, was im Alltag passiert. Gerade in Brennpunktschulen herrscht oft eine Einschüchterungskultur vor, die eine differenzierte Betrachtung bestimmter Themen unmöglich macht. Dazu gehören beispielsweise der Nahost-Konflikt, das Judentum oder die Kritik am Islam. Es sind oft junge Menschen, die in Deutschland geboren oder aufgewachsen sind, und dennoch demokratische Grundprinzipien wie Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit und das Recht auf Religionskritik ablehnen. Sie sehen ihre Religion oft als ihre einzige Quelle der Stärke und empfinden jedes Hinterfragen als persönliche Beleidigung, die eine Reaktion erfordert. Deshalb müssen wir die Schulen zu Orten der Demokratie machen, in denen wir auch permanent eine Debattenkultur einüben.

Sie haben zuletzt gefordert, die islamische Welt müsse sich entscheiden, ob sie eine Kultur der Mündigkeit sein will, die Zweifel und Fragen zulässt, oder eine der Offenbarung mit festgelegten Antworten. An welchen Orten muss so eine Debatte geführt werden?

Eine solche Debatte muss an vielen Orten geführt werden und das wird sie auch. In vielen Ländern geschieht das übrigens viel aktiver als in Deutschland. Mein Islam hat keine Angst vor Kritik, vor Karikaturen und auch nicht vor Satire.

"Als muslimischer Demokrat muss man die Spannung
zwischen Meinungsfreiheit und Religion aushalten,
wenn man in einer freien demokratischen Gesellschaft leben will"

Als muslimischer Demokrat muss man die Spannung zwischen Meinungsfreiheit und Religion aushalten, wenn man in einer freien demokratischen Gesellschaft leben will. Ich bin Muslim und stelle die Meinungsfreiheit über meine Religion. Das ist der Deal. Und er ist nicht verhandelbar.

Sind die deutschen Islamverbände willens, eine solche Debatte zu führen?

Das sind sie nach meiner Auffassung nicht. Deshalb wäre die Bundesregierung gut beraten, bei den Fragen der Integration umzudenken: Wir brauchen im Dialog um den besten Weg weniger Lobbyisten und weniger islamische Verbände, sondern mehr kritische Stimmen und Praktiker! Wir müssen Individuen integrieren und weniger versuchen, die Integration in Gruppen zu denken. Die Islamverbände vertreten zum Teil Werte, die den Menschen ein emotionales Ankommen erschweren, statt es zu ermöglichen. Warum die Bundesregierung in Fragen der Integration an ihnen festhält, erschließt sich mir nicht.

Welche gesellschaftlichen Gruppen können dazu beitragen, Solidarität herzustellen, und welche Rollen können die christlichen Kirchen dabei einnehmen?

"Alle gesellschaftlichen Gruppen sind gefragt,
wenn wir Solidarität herstellen wollen"

Alle gesellschaftlichen Gruppen sind gefragt, wenn wir Solidarität herstellen wollen. In vielen Bereichen funktioniert das ja bereits sehr gut.
Die Kirchen sind als wichtige gesellschaftliche Instanz mit einem Wertehintergrund einer der Partner in der Debatte, die wir führen müssen. Gefragt sind aber auch, wie bereits erwähnt, die Schulen.

Wo gibt es bei den Kirchen im Umgang mit dem Islam Defizite? Braucht es hier eine neue Debattenkultur?

Ahmad Mansour

Es braucht vor allem die Bereitschaft, die religiösen Elemente der Ideologie und die daraus resultierenden Werte anzusprechen und zu analysieren. Die christlichen Kirchen können aus ihrer Geschichte heraus einen wichtigen Beitrag dazu leisten. Sie haben im Mittelalter und davor selbst Zeiten erlebt, in denen sie geglaubt haben, ihre Religion mit Gewalt verbreiten zu müssen. Ihr Weltbild und ihre Herangehensweise haben sich im Laufe der Jahrhunderte – bei aller weiterhin berechtigten Kritik an ihnen – gewandelt. Es ist aber für den Dialog zwischen den Religionen von zentraler Bedeutung, ihn ehrlich und nicht aus einer Position falsch verstandener Toleranz und Rücksichtnahme zu führen.

In der Corona-Pandemie hat man das Gefühl, dass die Solidarität zu oft hinter Egoismen zurücktritt. Wäre nicht gerade jetzt mehr Zusammenhalt gefragt?

"Ich glaube, dass wir vor allem in der ersten Phase
von Corona großartige Solidarität gezeigt haben"

Ich glaube, dass wir vor allem in der ersten Phase von Corona großartige Solidarität gezeigt haben. Wir waren füreinander da. Wir haben an die Schwachen und die Älteren gedacht. Wir haben unser Leben dermaßen eingeschränkt – das war einmalig. Und man hat gemerkt, wie viel Motivation und Potenzial vor allem junge Menschen haben, und das sollten wir uns nicht nur für Corona erhalten, sondern für viele andere Situationen auch.

Integration ist für Sie immer ein großes Thema. Ist es ein Beleg gescheiterter Integration – außerhalb von Corona-Zeiten – Frauen den Handschlag zu verweigern?

Selbstverständlich ist es das. Und vor dem Hintergrund fand ich die jüngste Entscheidung des Verwaltungsgerichts Baden-Württemberg zutreffend, das die Ablehnung des Einbürgerungsantrags eines libanesischen Oberarztes bestätigt hat, der sich weigert, Frauen die Hand zu geben. Jemand, der einer Frau aus religiösen Gründen nicht die Hand gibt, wertet sie zum Sexualobjekt ab. Da verbietet sich die Einbürgerung von selbst. Wir brauchen eine Leitkultur, die nicht aus Oktoberfest oder Feierabendbier besteht, sondern Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit und Gerechtigkeit – also die zentralen Grundrechte unserer Verfassung im Fokus hat.

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