Kriegsfolgen

Ukrainekrieg: Eine globale Hungerkrise droht

Putins Ukrainekrieg sorgt vor allem in Asien und Afrika für schwere Verwerfungen.
Ukraine-Konflikt - Hungerkrise im Jemen
Foto: dpa | Seit Kriegsbeginn sind die weltweiten Weizenpreise um 80 Prozent gestiegen – auch im Jemen drohen wichtige Zutaten bald auszugehen.

Auch wenn hierzulande als Folge des völkerrechtswidrigen Angriffs von Putin-Russland auf die Ukraine das Speiseöl im Supermarkt knapp wird: Die Nahrungsmittelversorgung ist nicht in Gefahr, sind sich Experten und Politik einig. Mit dramatisch steigenden Preisen wegen des Kriegs fürchten dagegen viele Menschen in Afrika, ihre Familien bald nicht mehr ernähren zu können. Russland und die Ukraine sind für Länder wie Kenia Hauptlieferanten von Weizen oder Mais. Aber auch in der arabischen Welt und in einigen Ländern Asiens dürfte der Krieg in der Ukraine spürbare Auswirkungen haben. Darüber hinaus droht die Gefahr einer weltweiten Hungerkrise. Die Ukraine kann nicht liefern wegen des Krieges, zudem will Russland den Export von Weizen, Gerste und Roggen zeitweise einstellen. Das Bischöfliche Hilfswerk Misereor und die Umweltschutzorganisation Greenpeace forderten deshalb in einem gemeinsamen Positionspapier, dass Deutschland und die anderen G7-Staaten sich für eine internationale Koordination im Welternährungsrat einsetzen, um die sich verschärfende Hungerkrise zu bewältigen.

Die Corona-Pandemie mit Einkommensverlusten und gestörten Lieferketten, Wetterextreme und Ernteausfälle in Folge der Klimakrise haben bereits dazu geführt, dass die Zahl der Hungernden weltweit auf bis zu 811 Millionen gestiegen ist, berichtet die Welthungerhilfe. Allerdings: Die Ernährungskrise hat sich nicht dadurch verschärft, weil es zu wenig Lebensmittel gab, sondern weil Menschen kein Geld mehr hatten, diese zu bezahlen. Hunger ist vor allem ein Armutsproblem. Derzeit steigen die Preise für Weizen und für andere Agrarrohstoffe deutlich. Das wird zu Preissteigerungen global führen und damit zu noch schwierigerem Zugang zu bezahlbaren Lebensmitteln für arme Menschen.

Angespannte Ernährungssituation

Insbesondere in vielen Ländern Afrikas ist die Ernährungssituation ohnehin schon stark angespannt. In der aktuellen Situation treffen nun vielerorts große Importabhängigkeit wie Weizen aus der Ukraine und bereits bestehende Krisen aufeinander. Das zeigt mit Unterstützung von Dorothee Klüppel, Misereor-Abteilungsleiterin Afrika und Naher Osten, ein Überblick der „Tagespost“ über drei besonders von der Hungerkrise betroffene Länder in Ostafrika.

In Kenia ist die Ernährungssituation ohnehin angespannt. Nach geringen Regenfällen Ende 2020 blieben auch die beiden Regenzeiten 2021 unter dem normalen Niederschlagsniveau. In Verbindung mit der Corona-Krise und den Heuschreckenschwärmen, die im Vorjahr Schaden in der Landwirtschaft angerichtet hatten, führte dies zu extremen Notlagen der Menschen in den besonders von Dürre betroffenen Gebieten im Norden und Osten Kenias.

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Momentan sind Schätzungen zufolge etwa 3.1 Millionen Menschen in Kenia von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen, was rund 20 Prozent der dortigen Bevölkerung ausmacht. Über eine halbe Million Kinder zwischen sechs Monaten und fünf Jahren leiden an akuter Unterernährung. Nachdem die letzten drei Regenzeiten teilweise ausgefallen sind oder unterdurchschnittlichen Niederschlag brachten, wird zwar für die kommende Regenzeit ein normaler Niederschlag prognostiziert. Trotzdem wird eine weitere Verschlimmerung der Ernährungssituation erwartet und es wird geschätzt, dass bald 3.5 Millionen von Unterernährung betroffen sein werden. Kenia ist zwar der größte Grundnahrungsmittelimporteur in Ostafrika. Trotz der politischen Absichten, die nationale Selbstversorgung zu verbessern, ist die Abhängigkeit von Importen in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen. Weizen wird größtenteils importiert und der größte Teil der Importe kommt aus der Ukraine. Aufgrund der Dürre sind die Importe noch angestiegen.

Preissteigerung bei Grundnahrungsmitteln

Die kenianische Regierung hat großes Interesse, die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln möglichst erschwinglich zu halten. Insbesondere in den Städten kann es bei starken Preissteigerungen für Grundnahrungsmittel zu heftigen Protesten kommen. So war es zuletzt in Folge der weltweiten Finanzkrise. Das bedeutet: Insbesondere arme Bevölkerungsgruppen könnten aufgrund fehlender Kaufkraft nicht mehr in der Lage sein, sich mit ausreichend Lebensmitteln zu versorgen, weil diese unerschwinglich werden. Zusätzlich dazu hat eine hohe Inflation, die während der Pandemie begonnen hat, die Preise für Nahrungsmittel schon vor dem Ukraine-Krieg in die Höhe schießen lassen. Nun zeigen sich bei einigen Produkten jetzt schon Auswirkungen. Der Preis von Öl, das zum Kochen verwendet wird, hat sich seit Beginn der Pandemie verdoppelt und ist nun seit Kriegsbeginn nochmal um etwa 30 Prozent gestiegen.

Von Dürre betroffen

Immer wieder von Hungersnöten bedroht ist Äthiopien. Die Hungerkrise in den Jahren 1984/1985, bei der fast eine Millionen Menschen umkamen, ist bis heute Sinnbild für humanitäre Notfälle. Auch in den Jahren 2021 und 2022 sind mehrere Regionen des Landes von Naturkatastrophen heimgesucht worden. Die Somali- und Südost-Oromia-Regionen sind von starken Dürren betroffen. Trinkwasser, Lebensmittel sowie das Futter für die Tiere sind knapp und sowohl die Regierung als auch internationale Hilfsorganisationen bemühen sich, die Lage zu stabilisieren. Laut einem Bericht des UN-Büros zur Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) sollen seit November 2021 in Somali und Südost-Oromia 267 000 Tiere in Folge der andauernden Dürre verendet sein. 6,4 Millionen Hirten- und Agro-Pastoralisten-Gemeinschaften in den Regionalstaaten Somali und Südost-Oromia gelten als stark von der Dürre betroffen.

Sogenannte Agro-Pastoralisten praktizieren eine traditionelle Wirtschaftsform, in der Ackerbau und Viehhaltung auf Naturweiden kombiniert werden. Der OCHA Bericht ruft die Gebergemeinschaft dringend auf, humanitäre Hilfe zu leisten. Der Schwerpunkt der Hilfe sollte dabei neben Impfmöglichkeiten auf Wassertransporten, der Bereitstellung von Nahrungsmitteln und anderen Hilfsgütern, die Lieferung von Nahrungsmitteln für Kinder, schwangere und stillende Frauen, der Einrichtung mobiler Gesundheits- und Ernährungskliniken und in der Bereitstellung von Tierfutter liegen.

Staat im Bürgerkrieg

Problemfall Südsudan: Dieser gilt als ein gescheiterter Staat, in dem seit 2013 der Bürgerkrieg andauert. Millionen Menschen fliehen vor Gewalt und Hunger. Das dritte Jahr in Folge kam es seit Mitte 2021 in acht von zehn Bundesstaaten zu Regenfällen und Überschwemmungen in einem bisher unbekannten Ausmaß. Insgesamt waren rund 780 000 Menschen von den Überflutungen betroffen, 200 000 bis 300 000 von ihnen wurden durch die Wassermassen zu Vertriebenen. Ein großer Teil der Lebensgrundlagen wie Land, Ernten oder Tiere ging verloren. Viele Menschen leiden Hunger und überleben nur durch das Sammeln von essbaren Pflanzen und Fischfang. Da die Ukraine auch für den Südsudan ein Hauptproduzent für Nahrung ist, wird sich die dortige Lage noch verschärfen.

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