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Für eine neue Glaubwürdigkeitskultur

Politik und Kirche haben ein Glaubwürdigkeitsproblem, diagnostiziert Elmar Nass und macht Vorschläge für eine Trendwende.
Politikerfigur am Rednerpult
Foto: IMAGO / Steinach | In Politik und Kirche wird gerne Wasser gepredigt und Wein getrunken.

Nicht nur die Kirche, auch die deutsche Regierung und ihre Parteieliten haben ein gehöriges Glaubwürdigkeitsproblem. Ein sich ausbreitendes Misstrauen in die Politik ist eine Gefahr für unsere Demokratie. Dazu ein Beispiel: Anders als bei unseren Nachbarn ist die deutsche Wirtschaft bekanntlich auf Talfahrt. Minister Robert Habeck kommentierte das sinngemäß so: „Der Wirtschaft gehe es gut, nur die Zahlen sind schlecht.“ Welch ein Offenbarungseid an Inkompetenz! Und dies ist ja nur ein Fall in einer schier endlosen Kette an Peinlichkeiten. Mangelnder Sachverstand, fehlende Streitkultur, moralische Überheblichkeit und zur Schau gestellte Besserwisserei gehören zu Portfolio der Regierung.

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Das vor allem von den Grünen betriebene Projekt gesellschaftlicher Umerziehung gerät ins Wanken. Die Zustimmungswerte sinken, neue Parteien wittern Morgenluft. Die Mehrheit der Gesellschaft fühlt sich offenbar nicht mehr links der Mitte beheimatet. Der Grund für den Verdruss ist aber nicht einfach im alten Rechts-Links-Schema auszumachen. Das wäre zu einfach gedacht. Es geht vielmehr um verlorenes Vertrauen. Und diese Erosion gründet nicht zuerst in einer inhaltlichen Ablehnung bestimmter Ideen. Sie straft vielmehr diejenigen ab, die überhaupt keine Orientierung haben und geben: ohne Plan und Sachverstand, ohne roten Faden oder begeisternde Vision.

Vier Vorschläge für eine Trendwende

Genau hier muss der Hebel ansetzen zu einer neuen Glaubwürdigkeits-Kultur. Dazu einige Vorschläge für eine Trendwende: 1. Wer ein Mandat in Land- oder Bundestag anstrebt, müsste schon mal etwas Sinnvolles gelernt haben: Eine abgeschlossene Ausbildung oder ein Studienabschluss sollten die Bedingung sein. Leute ohne irgendeinen Abschluss erbringen keinen fachlichen Nachweis ihrer Kompetenz zur Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung.

2. Wer ein Regierungsamt übernimmt, sollte eine dazu geeignete fachliche Qualifikation nachweisen. Emporkömmlinge als Minister unter anderem ohne Ahnung von ihrem Ressort handeln ideologisch oder Macht getrieben. Sie schaden durch falsche Entscheidungen der Republik und beschädigen die Würde des Amtes.

3. Wer ein Regierungsamt übernimmt, sollte zudem Berufs- und Führungserfahrungen mit einbringen. Eine Zeit der Bewährung etwa in der Provinz muss solcher Verantwortung vorausliegen. Die Haltung gelernter Demut täte den Ämtern und Ministerien gut.

4. Und überhaupt sollten alle politisch Verantwortlichen eine Schulung in angewandter politischer Tugendethik durchlaufen. Das käme der Idee des Aristoteles nahe, dass Amtsträger sich nicht nur fachlich, sondern auch moralisch ausweisen müssen. Die Zeit der geschickt agierenden Günstlinge, die allein durch einflussreiche Netzwerke nach oben geschwemmt werden, sollte endlich ein Ende finden. Dann sollte neues Vertrauen in Politiker wachsen, auch wenn man sich an ihnen reiben mag. Und Gleiches gilt auch für die Kirche …


Der Autor ist Inhaber des Lehrstuhls für Christliche Sozialwissenschaften und gesellschaftlichen Dialog an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie. Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach.

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