Pfarrhöfe

Die Calvaires in der westlichen Bretagne

In der Renaissance entstanden in Frankreichs westlichster Region einmalige Darstellungen des Lebens und der Passion Jesu Christi: Die Calvaires in den „Pfarrhöfen“ der westlichen Bretagne.
Triumphbogen, Kirche und Calvaire in Guimiliau.
Foto: Peter Seyfferth via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Triumphbogen, Kirche und Calvaire in Guimiliau. Zwischen 1581 und 1588 entstand hier der zweitgrößte Calvaire mit rund 200 Figuren in 25 Szenen aus der Bibel.

In einem ungeheuren Wettstreit zwischen Gemeinden und Pfarreien entstanden in der Bretagne nicht nur die Calvaires (Kalvarienberge), sondern ganze „Pfarrhöfe“, die „enclos paroissiaux“. Dazu gehören jeweils die Pfarrkirche, der Calvaire, ein Gebeinhaus (Ossuaire) und das Triumphtor, durch das man in den von Mauern umkränzten Kirchhof tritt. Der im Zentrum des Ortes angelegte Pfarrhof zeugt vom Wunsch der Bretonen, ihre Toten bei sich zu haben. Aber: Die Mauern des Pfarrhofes schließen auch die Welt des Alltäglichen und Vergänglichen und des Ewigen voneinander ab. Immer wieder begegnet man in Darstellungen von dem in der Bretagne „Ankou“ genannten Sensenmann.

Nach großen Epidemien, beispielsweise während und nach der Pest von 1598, wuchsen viele Calvaires, wurden Figurengruppen, Reliefs und Szenen hinzugefügt. Oft auch, weil die Nachbargemeinde ihren Calvaire wieder um ein paar Szenen erweitert hatte. Wobei man die „Calvaires“ nur bedingt mit Kalvarienbergen in anderen Ländern vergleichen kann. Andererseits erreicht ihre Ballung im westlichen Teil der armorikanischen Halbinsel ein in Europa einmaliges Maß. Die große Zahl religiöser Monumente in einer als nicht besonders reich bekannten Provinz mit neun bedeutenden Kathedralen, zwei Dutzend wichtigen Kirchen und Kapellen und mehreren Wallfahrtsorten zeugt von der tiefen Frömmigkeit der Bretonen, die mehr als 500 Heilige verehren, darunter einige bretonische „Exklusivitäten“. Die Calvaires und anderen kirchlichen Bauwerke belegen außerdem, dass auch mit dem harten Granit der Bretagne beeindruckende Kunstwerke erstellt werden können.

Denkmalartige Skulpturengruppen

Die Gemeinden Saint-Thégonnec und Guimiliau besitzen die wohl bekanntesten „Pfarrhöfe“. Die Calvaires als Herzstück des Pfarrhofes sind denkmalartige Skulpturengruppen, in denen das Leben und die Passion Jesu Christi bildhaft dargestellt werden: An der Spitze Christus am Kreuz, meist neben ihm die beiden Schächer, und zu seinen Füßen seine Mutter Maria, die Jünger und dann figurenreiche Gruppen und Szenen aus dem Neuen Testament.

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Mehrere, am Anfang nur auf die Kreuzigung beschränkte Calvaires, wie in Pleyben, wurden im Laufe der Zeit ausgebaut. Die Calvaires von Guimiliau und Plougastel-Daoulas verfügen über integrierte Kanzeln, so konnte der Pfarrer seine Sonntagspredigt mit Hinweisen auf die Aussagen der Figurenreliefs um den Calvaire herum plastisch unterstreichen. Daher fehlen auch drastische Sagengestalten nicht, wie die unglückliche, vom Satan verführte Katel Gollet, die am Calvaire in Guimiliau von kleinen Teufeln gepeinigt wird. Die perfektesten, „ergiebigsten“ Calvaires sind die von Guimiliau und Plougastel-Daoulas bei Brest mit jeweils rund 200 Figuren in rund zwanzig biblischen Szenen.

Inspiriert von Passionsspielen

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die in der Bretagne beliebten Passions- und Mysterienspiele im 15. Jahrhundert die bretonischen Bildhauer – von denen übrigens keine Namen überliefert sind – zu dieser Form sakraler Kunst inspirierten. Schon die ältesten religiösen Denkmäler der Bretagne, Megalithen wie Dolmen, Menhire, Cromlechs und die Alignements de Carnac, sind steinerne Monumente.

Saint-Thégonnec, zehn Kilometer südlich von Morlaix gelegen, kann Ausgangspunkt einer Rundfahrt sein, bei der die Orte Guimiliau, Sizun (Triumphtor), Pleyben („großer“ Calvaire von 1650), Lampaul-Guimiliau (Kirche) und Commana nicht fehlen dürfen. Alle Calvaires aufzusuchen dürfte wohl nicht möglich sein, da sich im 15. Jahrhundert der Bischof von Léon (Nordbretagne) rühmte, 5 000 Calvaires allein in seiner Diözese zu haben – freilich vom einfachen Wegekreuz bis zum perfekt ausgestatteten Calvaire. Stark angegriffen vom Salzwasser des Atlantik präsentiert sich der vermutlich älteste Calvaire, der von Tronoën (Finistere), entstanden nach dem Jahre 1435.

 

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