Balkanhalbinsel

Bosnien und Herzegowina: Wo sich Orient und Okzident treffen

Ob Banja Luka, Mostar oder die Hauptstadt Sarajevo: An Kultur und Naturschönheiten mangelt es Bosnien und Herzegowina nicht. Eine Reise durch das abwechslungsreiche Land am Balkan.
Stari Most (Alte Brücke) von Mostar
Foto: Hurnaus | Mostar ist das politische, wirtschaftlich und kulturelle Zentrum der Herzegowina. Bekannt ist vor allem das Wahrzeichen der Stadt, Stari Most (Alte Brücke), die im Bosnienkrieg zerstört und nach dem Krieg ...

Bosnien und Herzegowina ist ein Reiseland für echte Abenteurer und Entdecker. Auf der Balkanhalbinsel gelegen bietet es abseits touristischer Trampelpfade auf einer Fläche von 51 000 Quadratkilometern viele interessante Reiseziele. Leider steht das zweigeteilte Land wegen der politischen Instabilität und der hohen Arbeitslosigkeit oftmals negativ in den Schlagzeilen. In Bosnien und Herzegowina treffen Orient und Okzident aufeinander, hier leben die drei Nationalitäten der bosnischen Muslime, Serben und Kroaten manchmal mehr neben als miteinander. Seit dem Vertrag von Dayton ist das Land in die beiden Entitäten der Föderation Bosnien und Herzegowina und der Republika Srpska, sowie in zehn Kantone geteilt. Für den Reisenden sind diese politischen Unterteilungen nicht sichtbar, abgesehen davon, dass in der Republika Srbska die Ortsschilder und Wegweiser in kyrillischer Sprache vorzufinden sind.

Von Westen kommend bildet die Stadt Banja Luka so etwas wie ein natürliches Eingangstor nach Bosnien. Banja bedeutet im slawischen „Badehaus“, Luka meint einen „Ort der Ruhe“. Die zweitgrößte Stadt von Bosnien und Herzegowina ist heute Regierungssitz der serbischen Republik und Sitz eines serbisch-orthodoxen und eines römisch-katholischen Bischofs. Sehenswert sind die orthodoxe Christus-Erlöser-Kathedrale, das katholische Kloster Mariastern sowie das am Fluss Vrbas gelegene Kastell aus der Römerzeit.

Altstadt von Jajce

Folgt man dem Flusslauf des Vrbas, so gelangt man nach einer landschaftlich abwechslungsreichen Fahrt in die ehemalige bosnische Königsstadt Jajce. Bis zur Eroberung durch die Osmanen Ende des 15. Jahrhunderts war die Stadt, die malerisch am Zusammenfluss der beiden Flüsse Vrbas und Pliva liegt, erste Hauptstadt Bosniens und Sitz der bosnischen Könige. Die mittelalterliche Altstadt von Jajce bereitet sich darauf vor, bald in die UNESCO-Weltkulturerbe-Liste aufgenommen zu werden.

Auf der Weiterfahrt in die bosnische Hauptstadt Sarajevo bietet sich die zentralbosnische Stadt Travnik für einen kurzen Abstecher an. Während der osmanischen Verwaltung residierte hier 150 Jahre lang ein Statthalter des Sultans. Wegen der vielen geschichtsträchtigen Bauwerke aus der osmanischen Zeit weht bis heute ein Hauch von Orient durch die Straßen der Stadt. Von Travnik ist es nicht mehr weit in die bosnische Hauptstadt Sarajevo. Eine halbe Million Menschen lebte vor dem Bosnienkrieg in der Stadt, heute sind es nur mehr knapp 300 000 Bewohner. Mit seinen zahlreichen Moscheen und christlichen Kirchen stellt Sarajevo so etwas wie den Inbegriff einer multikulturellen Metropole dar. Nach dem Krieg gab es einen großen Exodus von Serben und Kroaten, so dass die Hauptstadt heute vorwiegend von bosnischen Muslimen bewohnt wird. Sarajevo erlebte während des Bosnienkrieges, der im April 1992 begann, mit 1 425 Tagen die längste Belagerung des 20. Jahrhunderts. Während der Einkesselung durch serbische Einheiten wurden mehr als 10 000 Bewohner, darunter 1 600 Kinder, getötet.

Von Sarajevo nach Mostar

Herzstück Sarajevos ist die Bašèaršija, das älteste Viertel der Stadt. Dort liegt neben vielen historischen Bauten aus osmanischer Zeit das alte Handelszentrum der Stadt, wo seit dem 15. Jahrhundert ununterbrochen Waren feilgeboten werden. Im Basar findet sich auch das Wahrzeichen der Stadt, der Sebilj-Brunnen, der während der österreichisch-ungarischen Verwaltung im pseudomaurischen Stil errichtet wurde. Nicht weit vom Marktviertel entfernt liegt an der ehemaligen Lateinerbrücke, die über den Fluss Miljacka führt, ein kleines Museum, das an das Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Gemahlin Sophie Chotek erinnert. 1984 blickte die ganze Welt nach Sarajevo, als hier die Olympischen Winterspiele stattfanden. Viele Wettkampfstätten wurden jedoch später im Bosnienkrieg zerstört. Einige Wintersportzentren rund um Sarajevo gehören heute wieder zu den beliebtesten touristischen Zielen des Landes. Das schönste Skigebiet des Landes liegt eine knappe Autostunde östlich der Stadt in Jahorina. Dort fanden die olympischen Alpinbewerbe der Damen statt.

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Von Sarajevo führt eine spektakuläre Zugstrecke in die herzegowinische Hauptstadt Mostar. Die Bahnstrecke Sarajevo–Ploèe geht entlang des landschaftlich reizvollen Gebirgstals der Neretva. Mit 71 Brücken und 106 Tunneln gehört diese Strecke zu den schönsten Zugstrecken des Balkans. Mostar ist das politische, wirtschaftlich und kulturelle Zentrum der Herzegowina. Bekannt ist vor allem das Wahrzeichen der Stadt, Stari Most (Alte Brücke), die im Bosnienkrieg zerstört und nach dem Krieg wiederaufgebaut wurde. 2005 wurde die Alte Brücke mitsamt der Altstadt in die UNESCO-Weltkulturerbe-Liste aufgenommen. Sehenswert ist das alte Handwerksviertel Èaršija mit der Gasse der Goldschmiede. Die Altstadt von Mostar verzaubert mit ihrem orientalischen Flair bis heute Reisende aus der ganzen Welt. Nicht weit von Mostar entfernt liegt in dem kleinen Dorf Blagaj die Buna-Quelle. Am Fuß einer 200 Meter hohen Felswand entspringt dort aus dem Felsen eine spektakuläre Karstquelle. Ein türkischer Sultan war von dem Anblick so beeindruckt, dass er dort im 18. Jahrhundert ein Derwischkloster errichten ließ. Ein weiteres eindrucksvolles Naturschauspiel sind die Kravica-Wasserfälle, die ganz im Westen der Herzegowina liegen. Der Fluss Trebižat stürzt hier in einer Höhe von 25 bis 28 Meter über einen 120 Meter breiten Hang in die Tiefe. Im Sommer kann man in einem gegenüberliegenden Restaurant die bekannten Æevapèići, ein bosnisches Nationalgericht, genießen. Bosnien und Herzegowina bietet dem sportlichen Touristen neben drei Nationalparks auch Kajak- und Rafting-Touren an den Flüssen Una, Vrbas und Neretva.

Medjugorje als Hoffnungszeichen

Im Westen der Herzegowina liegt der bekannte Pilgerort Medjugorje. Seit dem 24. Juni 1981 berichten sechs Jugendliche von täglichen Erscheinungen der Muttergottes. Inzwischen sind die Seher erwachsen geworden und leben mit ihren Familien in Bosnien, Italien und den USA. In den 40. Jahren seit Beginn der Erscheinungen sind Millionen von Pilgern aus allen Teilen der Welt in dieses kleine Dorf in die Herzegowina gepilgert. 2017 entsandte Papst Franziskus den polnischen Erzbischof Henryk Hoser als Sondergesandten nach Medjugorje. Nachdem dieser im Vorjahr verstorben war, ernannte der Papst vor einigen Wochen den italienischen Erzbischof Aldo Cavalli zu dessen Nachfolger. Aus dem kleinen beschaulichen Dorf im Karst, in dem in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts vorwiegend Bauern Wein und Tabak pflanzten, ist heute der größte Tourismushotspot von Bosnien und Herzegowina geworden. Im Schnitt kommen jährlich über eine Million Pilger an diesen Ort, um hier die besondere Atmosphäre des Friedens und Gebetes zu erleben.

Medjugorje ist für die Kirche in Europa, die heute vielfach gelähmt und ohne Perspektive der Erneuerung scheint, zu einem starken Zeichen der Hoffnung geworden. Auch dem Land Bosnien und Herzegowina wäre zu wünschen, dass sich nach dem schlimmen Bürgerkrieg der 1990er Jahre und der schwierigen politischen und ökonomischen Zeit danach, eine echte Hoffnungsperspektive eröffnet. An Kultur und Naturschönheiten fehlt es in dem wunderschönen und abwechslungsreichen Land am Balkan jedenfalls nicht, um es weiter für den Tourismus zu erschließen.

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