Wellnes

Belgisches Spa: „Perle der Ardennen“

„Perle der Ardennen“ und „Café Europas“ wird das belgische Spa auch genannt. Nun wurde die Stadt ins UNESCO-Welterbe aufgenommen.
Spielcasino in der Kur- und Badestadt Spa
Foto: Gerd Felder | Zentrum des gesellschaftlichen Lebens und der Kur- und Badestadt Spa: das Spielcasino.

Rühmende Titel und Bezeichnungen kann das ostbelgische Spa wahrhaftig zuhauf aufweisen: „Perle der Ardennen“, „Mutter aller Kurorte“, „Café Europas“ hat man die nur 11 000 Einwohner zählende Thermalbadestadt genannt. Doch seit dem vorigen Sommer kann das Städtchen in der französischsprachigen Wallonie südlich von Lüttich auf eine weitere wertvolle Ehrung verweisen: Zusammen mit so renommierten Badeorten wie Baden-Baden, Bad Kissingen, Bad Ems, dem französischen Vichy, dem englischen Bath oder dem tschechischen Karlsbad gehört die Wiege des modernen Thermalbadwesens jetzt auch zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Heutzutage wird es für wahrscheinlich gehalten, dass schon die Römer die Quellen der Gegend um Spa kannten, da an verschiedenen Stellen Zeugnisse ihrer Bautätigkeit gefunden wurden. Das Wort „Spa“, dessen Herkunft nicht hundertprozentig geklärt ist, leitet sich wahrscheinlich vom lateinischen „sparsa fontana“ („sprudelnde Fontäne“) her. Im 7. Jahrhundert missionierte der heilige Remaklus, Gründer und Abt der Klöster Stablo (Stavelot) und Malmedy, die Ardennen und soll der Legende nach mit seinem Stab die heiligen Quellen entdeckt haben, die schon bei den heidnischen Kelten als Heilwasser galten. Im Jahr 1559 schließlich veröffentlichte ein Arzt des Fürstbischofs von Lüttich namens Gilbert Lymborth ein Werk, das die meisten Quellen von Spa beschreibt und zwei Stiche von Spa enthält.

Die erste Überlieferung über den Export des Mineralwassers stammt aus dem Jahr 1583: Damals machte König Heinrich III. sich nach Mezieres auf, um das „Eau de Spa“ zu trinken. „Einen wirklichen Durchbruch für Spa als Kurort aber bedeutete es, als der Leibarzt Peters des Großen dem Zaren 1717 zu einem Besuch in Spa riet“, erläutert der Künstler und Stadtführer Gaeton Plein. „Daraufhin verbrachte der Zar fünf Wochen in Spa und trank das Wasser der beiden Quellen Pouhon und Geronstere im Überfluss, was ihn unter anderem von seiner Lebererkrankung heilte.“

Beglaubigte Heilung

Die Nachricht von der offiziell beglaubigten Heilung verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die europäischen Höfe und brachte Spa und sein Heilwasser wieder in Mode. Knapp 20 Jahre später, im Jahr 1734, erschien das Buch „Amusements des eaux de Spa“ („Die Freuden der Wasser von Spa“), das so erfolgreich war, dass es mehrmals aufgelegt und in verschiedene Sprachen übersetzt wurde. Der Export der Wasser stieg unterdessen von 30 000 Flaschen im Jahr 1607 auf 134 000 Flaschen im Jahr 1770, die nach Russland, Italien, England, Portugal und in die USA verkauft wurden. Dieser Erfolg hatte entsprechende wirtschaftliche Auswirkungen, durch die die Stadt sich rasch wandelte. Nach und nach entstanden immer mehr Hotels, die diesen Namen auch verdienten und einen Komfort boten, wie er von einer anspruchsvollen Klientel erwartet wurde.

Lesen Sie auch:

Entscheidend für die Weiterentwicklung Spas aber war vor allem ein Ereignis im Jahr 1763, das die gesamte Zukunft der Kur- und Badestadt bestimmen sollte: die Eröffnung des ersten Spielcasinos weltweit, der sogenannten „Redoute“. Ausgerechnet der damalige Fürstbischof von Lüttich (!) verpflichtete die Bevölkerung von Spa, eine solche öffentliche Einrichtung zu bauen, um die wachsende Zahl ausländischer Besucher zu unterhalten. Bereits sieben Jahre später folgte mit dem „Waux-Hall“ ein zweites, noch luxuriöseres und besser gelegenes Casino. Beide boten die gleichen Dienstleistungen an: Mittagessen, Bälle und damals modische Spiele wie das von den Engländern besonders geschätzte „Crabs“, „Biribi“, der Vorfahre des Roulettes, „Pharaon“ und „Vierunddreißig“. Kurios muten aus heutiger Sicht die drei „Verpflichtungen“ an, mit denen eine Kur in Spa damals verbunden war: Mineralwasser aus verschiedenen Quellen trinken, sich körperlich betätigen (wie zum Beispiel durch Spazierengehen, Tanzen oder Reiten) und Spaß haben. Um die feine Gesellschaft zu unterhalten, wurden eine ganze Reihe von Zerstreuungen organisiert wie zum Beispiel im Jahr 1773 die ersten Pferderennen auf dem europäischen Kontinent. Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts war überhaupt das erste goldene Zeitalter von Spa. Alle Welt kam unter dem Vorwand einer Kur hierher, aber es ging vor allem darum, sich zu zeigen. Moden und Denkanstöße aus den Metropolen wurden schnell integriert. Der Spitzname „Café de l'Europe“ („Café Europas“) für Spa wurde dadurch zum festen Begriff.

Streit der Spiele

Nicht verschwiegen sei, dass das in Spa so beliebte Glücksspiel auch negative Begleiterscheinungen mit sich brachte: Nachdem 1785 mit dem „Salon Levoz“ ein drittes Spielcasino gebaut worden war, führten die Streitigkeiten und Rivalitäten zwischen den Vergnügungsstätten schließlich zu einem vierjährigen „Streit der Spiele von Spa“, in den der Fürstbischof sogar militärisch – nämlich durch die Entsendung von 200 Männern und zwei Kanonen – eingriff. 100 Jahre später, im Jahr 1872, wurde das Glücksspiel vom belgischen Staat erstmals abgeschafft, was in Spa ein wirtschaftliches Erdbeben auslöste.

Immerhin erhielt die Stadt als Entschädigung den Betrag von 890 000 Goldfranken (umgerechnet etwa 4,5 Millionen Euro), mit dem sie anschließend die Umgestaltung der City mit zahlreichen prestigeträchtigen Gebäuden finanzierte. So waren die letzten 20 Jahre des 19. Jahrhunderts schließlich das zweite goldene Zeitalter von Spa, in dem zahlreiche neue Hotels und ansehnliche Villen errichtet wurden. Nicht zuletzt durch ein umfangreiches Unterhaltungsprogramm mit Theateraufführungen und Konzerten, Blumenkorsos, Pferderennen, Kutschenfahrten und Schönheitswettbewerben wurde der Ort zur Lokomotive des Tourismus in den Ardennen. Und auch in der deutschen Geschichte hat der idyllisch gelegene Ort eine nicht ganz unbedeutende Rolle gespielt: Ab März 1918, also in der Schlussphase des Ersten Weltkriegs, befand sich hier das deutsche Hauptquartier, und vom nahe gelegenen Schloss Neubois aus ging der deutsche Kaiser Wilhelm II. ins niederländische Exil.

Zauberwort „Wellness“

Und heute? Ähnlich wie viele deutsche Kurorte hat Spa vor drei, vier Jahrzehnten eine weitere Blütezeit erlebt, als die Krankenkassen noch großzügig Kuren genehmigten und 10 000 Gäste pro Jahr oft mehrere Wochen hier verbrachten. Heutzutage heißt das Zauberwort „Wellness“. „Wir haben unser Angebot längst um Schönheitsbehandlungen und Massagen unterschiedlichster Art erweitert“, unterstreicht Severine Phillippin, Leiterin der bereits erwähnten neuen Therme, die für die stolze Summe von 17 Millionen Euro gegen den erheblichen Widerstand der Bevölkerung gebaut wurde, heute aber dem Kurort Spa die Zukunft sichert: Wegen ihr kommen 190 000 Badegäste im Jahr, die allerdings meist höchstens für eine Nacht bleiben. „Dieselben Anwendungen wie vor 150 Jahren gibt es allerdings auch noch“, ergänzt Philippin. Auf demselben Hügel wie die Therme ist mit dem Palace Hotel inzwischen ein weiterer Anziehungspunkt für die Touristen entstanden. Der Parc de sept heures zu Füßen des Hügels ist zuletzt neu gestaltet worden; jetzt soll die markante alte Therme von 1868, die neben dem Spielcasino auf der Place royale steht, zu einem Luxushotel umgebaut werden. „Wir hoffen, dass die Anerkennung als Weltkulturerbe nicht nur Besucher, sondern auch Investoren anlockt“, hebt Stadträtin Anne Pirard hervor, die für die Bewerbung bei der UNESCO verantwortlich zeichnete. „Die Stadt soll sich weiterentwickeln und neue Anziehungskraft bekommen.“

Ihre Hoffnungen könnten sich erfüllen, denn der Ardennen-Ort bietet von seiner Bekanntheit her die besten Voraussetzungen für eine solche Weiterentwicklung: „Spa“ ist weltweit in allen größeren Hotels und Wellnesseinrichtungen das Symbol und die gängige Bezeichnung für Erholung, Wohlbefinden und Entspannung. Und die Formel-1-Rennstrecke von Spa-Francorchamps ist allen Motorsportfans weltweit ein Begriff. Die Anziehungskraft ist also durchaus gegeben. Auf nach Spa!

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Streifzüge durch eine Stadt der Gegensätze: Im Süden Perus lockt Arequipa, deren Zentrum Unesco-Weltkulturerbe ist, mit großstädtischem Gewimmel und Ruheoasen, mit christlichen Monumenten und ...
06.06.2022, 19  Uhr
Andreas Drouve
In Canterbury zeigt sich der Reichtum der Geschichte des Christentums auf engstem Raum Von Georg Blüml
30.05.2021, 08  Uhr
Themen & Autoren
Gerd Felder Heinrich III. Kaiser Wilhelm II. Peter der Große UNESCO Äbtissinen und Äbte

Kirche

Der klassische römische Ritus ist weder tot noch in seiner Existenz gefährdet. Daran ändert auch das neue Papstschreiben nichts.
30.06.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Der Kampf der Systeme und ein Etappensieg für den Schutz des ungeborenen Lebens: Chefredakteur Guido Horst stellt im Video einige Themen der neuen Ausgabe der "Tagespost" vor.
29.06.2022, 17 Uhr
In seinem jüngsten Apostolischen Schreiben bekräftigt Franziskus, dass es nur eine Form gibt, den römischen Ritus zu feiern.
29.06.2022, 12 Uhr
Guido Horst