Santo Domingo de la Calzada

Dominicus Milenario

Der heilige Dominikus feiert in diesem Jahr seinen 1 000. Geburtstag. Eine Ausstellung im spanischen Städtchen Rioja, wo er begraben liegt, zeigt in beeindruckender Weise das Wirken des Heiligen am Jakobsweg

Mausoleum des Santo Domingo de la Calzada
Das Mausoleum des Santo Domingo de la Calzada, ein prächtiger spätgotischer Bau. Das Leben und Wirken des Dominikus vertieft derzeit eine sehenswerte Ausstellung. Foto: Drouve

Er war ein Mann der Tat am Jakobsweg. Er verpflegte und beherbergte zahllose Pilger. Er erleichterte ihnen in seiner spanischen Heimatregion La Rioja das Fortkommen als Brückenbauer und gab alten Strecken neue Beläge. So wurde er bekannt als „heiliger Dominikus von der gepflasterten Straße“, Santo Domingo de la Calzada (1019–1109). Das Städtchen Rioja, in dessen Kathedrale er begraben liegt, trägt seinen Namen. Bis heute ist es eine signifikante Station am Jakobsweg. Im aktuellen Jahr des 1 000. Geburtstages des Heiligen ehrt ihn im Kathedralkomplex die sehenswerte Ausstellung „Dominicus Milenario“.

Der Blick in die Biografie zeigt, dass Santo Domingo de la Calzada ursprünglich Domingo García hieß und aus einer Bauernfamilie stammte. Er wuchs in einem Dorf auf, durch das in der Rioja gleichfalls der Jakobsweg verläuft: Viloria de Rioja. In seiner Kindheit half er bei Feldarbeiten mit, hütete Schafe und fühlte früh die religiöse Berufung. Seine Eltern setzten sich für eine Aufnahme ins nahe Benediktinerkloster Valvanera ein, doch der Tod seines Vaters ließ Dominikus nach Viloria de Rioja zurückkehren, um den Besitz der Familie zu verwalten. Eine Rückkehr ins Kloster Valvanera wurde aus nicht näher bekannten Gründen abgelehnt. Als Alternative schlug auch ein Eintritt ins Kloster San Millán de la Cogolla fehl.

Dominikus fühlte sich geschaffen für den handfesten Dienst

Und das war gut so. Für ein „Ora et labora“, ein Leben hinter Klostermauern, Arbeiten im Scriptorium hätte er dauerhaft wohl nicht getaugt. Dominikus (nicht zu verwechseln mit dem Ordensgründer der Dominikaner) fühlte sich geschaffen für den handfesten Dienst am Nächsten und wollte die Beschwernisse der Pilger auf dem Jakobsweg lindern. Dies war seine wahre Berufung. Das Phänomen der Jakobspilgerschaft war damals noch nicht so ausgeprägt wie später; Dominikus lebte zu Frühzeiten des mittelalterlichen Wallfahrerbooms nach Santiago de Compostela.

Der Überlieferung nach schnitt er Wegpassagen frei, holzte einen Wald ab und legte ein Feuchtgebiet trocken, um das später nach ihm benannte Städtchen anzulegen. Dort baute er mit Helfern eine Flussbrücke über den Río Oja und begründete sowohl ein Pilgerspital als auch eine Bruderschaft, die sich der Betreuung der Ankömmlinge annahm. Sein Ruf kam Kastiliens König Alfons VI. zu Ohren, der ein Grundstück zum Bau einer Marienkirche stiftete, dem Vorläuferbau der Kathedrale.

Neben dem Gotteshaus wählte Dominikus den Platz für seine letzte Ruhe aus, doch sein Grab erhielt letztlich einen Ehrenplatz in der Kathedrale. Mit dem prächtigen spätgotischen Mausoleum dürfte der bescheidene Heilige gewiss nicht einverstanden gewesen sein. Und ebenso wenig mit der Krypta, deren Wände nunmehr mit farbigen Bruchkeramikmosaiken der Moderne verziert sind. Den Kontrast davor schafft eine romanische Skulptur, die den Heiligen als barmherzigen Helfer zeigt.

Prunkstücke der Ausstelung sind großformatige Altartafeln

Das Leben des Dominikus vertieft die Ausstellung, die 45 Exponate im Kreuzgang umfasst und sich in vier Themenblöcke teilt: Herkunft des Heiligen; der Heilige als Baumeister; Wunder des Heiligen; der aktuelle Heilige. Bemerkenswert sind allein die Bildhauerarbeiten, darunter von Damián Forment (1480–1540), auf den auch das Renaissanceretabel in der Kathedrale zurückgeht. Prunkstücke beim Rundgang sind großformatige Altartafeln der Renaissancemaler Alonso Gallego (1475–1548) und Andrés de Melgar (um 1500–1554).

Beherrschende Leitmotive: das Wirken und die Wunder des Dominikus. Eines der Werke Gallegos zeigt den weisen, rauschebärtigen Heiligen, wie er Armen und Pilgern beisteht. Ein anderes thematisiert die Wiedererweckung eines Jakobspilgers, den beim Bau der Kirche unglücklicherweise ein Karren zerquetscht hatte. Gespenstisch geht es auf einer Tafel Melgars zu, betitelt mit „Erscheinung der Hände des Heiligen außerhalb des Grabes“; unter den Umstehenden heben zwei erschreckt die Arme, einem Mann mit weit aufgerissenem Mund steht der Schreck ins Gesicht geschrieben. Und auch Melgars Werk „Der Hund mit der Hand des bösen Pilgers“ kommt drastisch und anschaulich daher – denn das Tier trägt eine abgetrennte Menschenhand im Maul.

Einer der bekanntesten Legendenstoffe vom Jakobsweg auf prächtigen Tafeln

Nicht fehlen dürfen, auf zwei prächtigen Tafeln festgehalten von Melgar, das Hühner- und Galgenmirakel. Es ist einer der bekanntesten Legendenstoffe vom Jakobsweg, an den im Innern der Kathedrale der häufig fotografierte Hühnerstall mit leibhaftigem Federvieh erinnert. Die Überlieferung beginnt mit der Ankunft einer Pilgerfamilie in Santo Domingo de la Calzada: Mutter, Vater und der halbwüchsige Sohn. Auf diesen hat eine Magd des Gasthofes, wo die drei absteigen, ein Auge geworfen. Er weist ihr fleischliches Angebot zurück, worauf sie aus Rache einen silbernen Becher in seinem Gepäck versteckt. Der Bursche wird des Diebstahls angeklagt und vom Landrichter zum Tod am Galgen verurteilt. Als die Eltern nach der grauenvollen Prozedur am Henkerspfahl innehalten, spricht der Erhängte zu ihnen herab. Atemlos stürzen die Eltern zum Haus des Landrichters, um ihm die Kunde zu überbringen. Der Justizmann sieht gerade einem opulenten Mahl entgegen. Vor ihm dampfen ein knusprig gebratenes Huhn und ein Hahn. „Euer nichtsnutziger Spross ist so lebendig wie das Huhn und der Hahn hier“, wirft er den Eltern gereizt entgegen und setzt überheblich hinzu: „Wenn die Geschichte wahr wäre, dann bekämen das Huhn und der Hahn Flügel.“ Im selben Moment beginnen die Flügel der Tiere zu flattern. Der Hahn kräht. Das Huhn gackert. Sie erheben sich von der Tafel und fliegen davon.

Hinter der wundersamen Rettung des unschuldig Erhängten steckte niemand anders als der heilige Dominikus – natürlich lange nach seinem irdischen Ableben. Postmortale Verehrung genoss er auch bei christlichen Gefangenen, die in Kerkerhaft der Mauren einsaßen. Sie riefen ihn um Hilfe an und brachten ihm nach geglückter Flucht ihre Ketten und Fesseln dar. Davon finden sich Beispiele in der Ausstellung und dauerhaft neben dem Hühnerstall.

Moderne Kunst rundet die Ausstllung ab

Auch modernere Kunst ist in der Ausstellung vertreten, darunter ein Relief aus versilberter Bronze, in dem die Künstlerin Ana Llamazares 2011 das Motiv „Der heilige Dominikus steht Armen und Pilgern bei“ aufgriff. Bonusmaterial der Ausstellung sind zwei kleinere Arbeiten von El Greco, die jedoch nichts mit Dominikus zu tun haben.

Nicht verschwiegen sei ein Wermutstropfen in Santo Domingo de la Calzada. Der Kathedralturm, ein barocker 70-Meter-Gigant, steckt bis auf Weiteres in Gerüsten. Das allerdings ist nichts gegen das, was Pilger bis 2020 hinein am Sehnsuchtsziel Santiago de Compostela verkraften müssen. Dort sind die Innenbereiche der Kathedrale flächendeckend eingerüstet und die großen Pilgermessen ausgesetzt.

Die Ausstellung „Dominicus Milenario“ läuft bis 3. November, täglich 9–19 Uhr. Beschriftungen auf Spanisch und Englisch. Eintritt inklusive Kathedrale mit dem berühmten Hühnerstall: 7 Euro, Pilger 4 Euro