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Computer lernen, die Schriftrollen vom Toten Meer zu lesen

Nach dem KI-Projekt „Enoch“ kündigt sich der nächste Durchbruch an: Forscher nutzen Verfahren, um Schriften zu lesen. Das könnte unser Bild von der Zeit Jesu vertiefen.
Modell Gefäß Schriftrollen
Foto: Imago/imagebroker | Ein Modell eines Gefäßes, das für die Schriftrollen vom Toten Meer verwendet wurde. Forscher aus Israel nutzen modernste Technik, um die Schriften zu entziffern.

Seit ihrer Entdeckung 1947 in den Höhlen von Qumran am Westufer des Toten Meeres ziehen die Schriftrollen gleichermaßen Wissenschaftler und Gläubige an. Bis 1956 wurden in elf Höhlen rund um den Fundort weitere Manuskripte und Tausende von Fragmenten geborgen – insgesamt Überreste von etwa 950 Schriften: biblische Texte, apokryphe Literatur, Gemeinderegeln der Essener.

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Die etwa 2000 Jahre alten Texte gehören zu den wichtigsten Quellen, um das Judentum der Zeit des Zweiten Tempels und den Kontext des frühen Christentums zu verstehen. Doch ihre Erforschung gestaltet sich schwierig: Die Fragmente sind winzig, teils kaum größer als eine Briefmarke. Viele sind verbrannt, zerfallen oder beschädigt, und kaum eindeutig zuzuordnen. Bereits im Juni berichtete Die Tagespost über das KI-Projekt „Enoch“, das durch den Vergleich von Handschriftenstilen und Radiokarbonmessungen präzisere Datierungen ermöglicht. 

Nun könnte ein weiterer Schritt folgen. Wie die israelische Zeitung „The Times of Israel“ berichtet, haben die Informatiker Nachum Dershowitz und Berat Kurar-Barakat von der Universität Tel Aviv ein Verfahren entwickelt, das Computer gewissermaßen das „Lesen“ der Schriftrollen lehrt. Ziel ist es, Handschriften besser zu analysieren und Fragmente zuverlässiger zuzuordnen. Die Methode befinde sich noch am Anfang, so die Forscher, „doch sie könnte neue Einblicke in die Menschen und Gemeinschaften hinter den Schriftrollen ermöglichen – in ihren Bildungsstand, ihre Strukturen und letztlich in das jüdische Leben der Zeit des Zweiten Tempels.“

Zwar fertigt die Israelische Altertumsbehörde heute hochauflösende, multispektrale Aufnahmen der Fragmente an. Doch selbst diese Bilder zeigen neben der Schrift auch Hintergründe, Messlineale, Etiketten oder Stützstreifen aus Reispapier. 

Hier setzt die neue Methode an: sogenannte „Tintensegmentierung“ und „Pergamentsegmentierung“. Mit ihrer Hilfe erkennt der Algorithmus, welche Pixel zur Schrift gehören und welche nicht. Auf diese Weise treten Buchstaben klarer hervor. Vor allem aber eröffnet sich eine neue Möglichkeit: Fragmente könnten künftig automatisch verglichen, und es kann geprüft werden, „ob zwei Fragmente einst zu derselben Rolle gehörten oder gar von derselben Hand geschrieben wurden.“

„Seit 70 Jahren mühen sich Forscher, Handschriften zu vergleichen und Fragmente zuzuordnen“, erklärt Dershowitz. „Das ist nach wie vor eine der großen offenen Fragen in der Schriftrollenforschung.“ Die Methode wurde im August auf dem 19. Weltkongress für Jüdische Studien in Jerusalem vorgestellt und wird derzeit für eine Fachzeitschrift begutachtet.

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Noch stehe die Technologie am Anfang, betonen die Entwickler. Doch sollte sich das Verfahren bewähren, könnte es gemeinsam mit Projekten wie „Enoch“ die Forschung auf ein neues Niveau heben: Die eine Methode ordnet die Fragmente zeitlich präziser ein, die andere untersucht, wer sie schrieb und wie sie zusammengehören. Beides eröffnet tiefere Einsichten in das geistige Leben des antiken Judentums – und damit auch in die Welt, in der das Christentum entstand. „Es geht uns darum, die Texte zugänglicher zu machen“, sagt Dershowitz. „Und damit auch die Menschen hinter diesen Schriften besser zu verstehen.“

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