Diese Kolumne befasst sich regelmäßig mit Fragen zu Sexualität und Partnerschaft. Am Schluss des Textes können Sie anonym Ihre Fragen einreichen.
Nicht selten liegt der Fokus in der möglicherweise fruchtbaren Phase auf dem nicht aushaltbaren Opfer der Enthaltsamkeit, sodass all die anderen Möglichkeiten, sich die gegenseitige Liebe zu zeigen, außer Acht geraten. Aber genau darauf kommt es an, diese Zeit zu nutzen, um sich auf den Austausch alltäglicher Zärtlichkeiten zu konzentrieren. Es ist nicht ratsam, die gegenseitige Liebesbezeugung ausschließlich auf die Sexualität zu beschränken, sonst sieht es in den notwendigen Phasen der Enthaltsamkeit – etwa in Zeiten von Krankheit, bei beruflicher Abwesenheit oder wenn keine Schwangerschaft angestrebt werden soll – mau aus.
Enthaltsamkeit bedeutet den bewussten Verzicht auf sexuelle Aktivität, deren beide Sinngehalte – Liebesbezeugung und die Weitergabe des Lebens – untrennbar miteinander verbunden sind und nicht auseinandergerissen werden dürfen. Petting als Alternative entpuppt sich hier als fauler Kompromiss, denn es schließt die Fruchtbarkeit aus, da es genau aus diesem Grund nicht auf ein Einswerden hingerichtet ist. Es fehlt die Ganzhingabe.
Um sich enthalten zu können, braucht es Selbstkontrolle, Willenskraft und Disziplin. Das betrifft jedoch nicht nur die Sexualität. Wer im Sport gute Ergebnisse erzielen möchte, wird es ohne Training nicht erreichen. Wir können vor einem Buffet leckerer Köstlichkeiten stehen und dennoch frei entscheiden, ob wir zugreifen oder nicht. Selbstbeherrschung benötigen wir in allen Lebensbereichen, um nicht von unseren Trieben beherrscht zu werden, sondern Herr unserer Triebe zu sein. Das macht uns zu freien Menschen.
Es kann helfen, gemeinsam zu jammern
Doch interessanterweise liegt die Herausforderung keinesfalls nur auf der enthaltsamen Phase. Vielmehr tun sich die Paare mindestens genauso schwer, die unfruchtbare Zeit gut zu nutzen und auszukosten. Man kann beispielsweise in der fruchtbaren Phase Freizeitbeschäftigungen vermehrt nachgehen oder ausdehnen, doch wer ist bereit, in der unfruchtbaren Zeit die gemeinsame Sexualität zu priorisieren und dafür auch mal das Vereinstreffen sausen zu lassen?
Die gebotene sexuelle Enthaltsamkeit zu leben, geht weit über eine „Opferrolle“ hinaus. Es geht um das Gesamtbild: Was beinhaltet Sexualität? – Sie ist immer auf ein „Du“ hingerichtet und betrachtet den Partner in einer Einheit aus Seele, Körper und Geist. Dennoch bleibt es eine Herausforderung, welche die Paare zeit ihres fruchtbaren Lebensabschnittes begleitet. Es kann helfen, gemeinsam zu „jammern“. Denn geteiltes Leid ist halbes Leid. Und gleichzeitig gemeinsam die Vorfreude aufeinander wachsen lassen. Ein wenig zurückerinnern, an die Zeit des Wartens vor der Ehe. Manchmal müssen wir uns mit dem Argument, dass etwas alternativlos ist, zufriedengeben und den tieferen Sinn annehmen.
Besonders wichtig sind sorgfältige Zyklusaufzeichnungen, um nicht unnötig Tage zu „verschenken“ und den Zyklus – soweit dies auf natürliche Weise, etwa durch ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung oder auch natürliche Präparate wie Magnesium oder Mönchspfeffer, möglich ist – positiv zu beeinflussen. Die unfruchtbare Zeit kann man auch nutzen, um auszutesten, wo die persönliche Grenze im Austausch von Körperlichkeit liegt, welche man in der möglicherweise fruchtbaren Phase nicht überschreiten sollte, um standhaft bleiben zu können.
Enthaltsamkeit ist und bleibt herausfordernd, das lässt sich nicht wegpusten. Daher sollten wir umso mehr in die unfruchtbare Zeit investieren und uns fragen: Welchen Stellenwert hat die Sexualität in unserer Beziehung und wie können wir sie bewusst gestalten?
Die Autorin ist verheiratet, Mutter von drei Kindern und Beraterin für Natürliche Empfängnisregelung nach Josef Rötzer (iner.org).
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Bei der Kolumne „Sex and Soul“ handelt es sich um einen Meinungsbeitrag, der Leserfragen ausschließlich in allgemeiner Weise aufgreift und keine persönliche Beratung leistet.
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