Kann ein Bettelmönch aus dem Mittelalter helfen, die menschliche Seele zu verstehen und ihre Leiden zu therapieren? In der Tat zeichnet sich in der Psychologie derzeit eine kleine Renaissance der Seelenlehre des Thomas von Aquin ab. Der Grund dafür dürfte in einer historisch bedingten Verengung der moderneren Psychologie liegen.
Die moderne Psychologie versteht sich als empirische Wissenschaft, die sich mit den Gedanken, Gefühlen und dem Verhalten des Menschen beschäftigt. Psychotherapie zielt auf die Behandlung seelischer Krankheiten, die in der Psychotherapie-Richtlinie als „krankhafte Störung der Wahrnehmung, des Verhaltens, der Erlebnisverarbeitung, der sozialen Beziehungen und der Körperfunktionen“ verstanden werden.
Historisch war die Psychologie eine Disziplin der Philosophie.
Psychologie in der Geschichte
Für Aristoteles, der den Menschen als Einheit von Leib und Seele (Griechisch: „psyché“) verstand, war die Seele die Form des lebendigen Körpers, also das, was aus einem unbelebten Körper einen beseelten Leib macht. Beobachtbare, empirisch messbare Gefühlsausdrücke und Verhalten wären damit Ausdrucksformen seelischer Tätigkeit. Die christlichen Denker des Mittelalters erweiterten die Seelenlehre des Aristoteles, indem sie die Kreatürlichkeit der Seele sowie die Bezogenheit der Seele auf Gott in den Blick nahmen.
Mit dem Aufkommen der Aufklärung und der modernen Naturwissenschaften vollzog sich eine Wende hin zum materialistischen und auch atheistischen Denken. Auf diesem Nährboden entstand eine Psychologie, die den Menschen unabhängig von Gott sah und das Konzept der immateriellen Seele als unnötig erachtete, um das Verhalten des Menschen zu erklären. Im 19. und 20. Jahrhundert verstanden sich Psychologen zunehmend als Naturwissenschaftler, während die geistige Dimension des Menschen immer mehr aus dem Blick geriet.
Es folgte eine Reihe sehr einflussreicher Theorien, die auf einem materialistischen Menschenbild fußten und den Gegenstand der Psychologie auf beobachtbares Verhalten oder messbare neuronale Vorgänge zu beschränken versuchten. Beispiele hierfür sind der Behaviorismus, aus dem die erste Welle der Verhaltenstherapie hervorging, oder auch die Freud’sche Psychoanalyse.
Die thomistische Psychologie
Die thomistische Psychologie versteht sich als Psychologie auf Grundlage der thomistischen Philosophie. Zentrale Fragen des Menschseins lauten nach Thomas von Aquin wie folgt: Was ist das Wesen des Menschen? Was ist Ziel und Bestimmung des Menschen? Was macht den Menschen im Letzten glücklich? Entsprechend finden sich innerhalb der „Summe der Theologie“, dem Hauptwerk des Thomas, größere Abschnitte über die menschlichen Seelenvermögen, ihre Tätigkeiten und Leidenschaften, das Zusammenspiel der verschiedenen Seelenvermögen, über Glück und Glückseligkeit, die Bedeutung der Tugenden sowie die göttlichen Hilfsmittel auf dem Weg des Heil(ig)werdens.
Die Glückseligkeit, so Thomas im Anschluss an Aristoteles, ist das universelle Ziel des Menschen. Wenn die Seelenvermögen ihrer Natur entsprechend geordnet sind und gebraucht werden, dann kann der Mensch mit seinem Intellekt die Wahrheit erkennen und mit seinem Willen das höchste Gut – das Glück im Zusammensein mit Gott – erstreben. Der Mensch handelt gut, wenn er seinem Wesen entsprechend handelt. Das ist eine Voraussetzung zum Glücklichsein. Durch Tugendübung lernt der Mensch, seine Leidenschaften zu zügeln und sich auf ein höheres Ziel hin auszurichten. Handelt der Mensch entgegen seiner Natur, so handelt er schlecht und stört die rechte Funktionsweise seiner Seelenvermögen. Thomas ist in der Beschreibung sowohl der Störungen der Seelenvermögen als auch der Mechanismen der Störungsentwicklung so präzise, dass ein ursächliches Krankheitsverständnis möglich wird.
Empirische und philosophische Ansätze in der Psychologie versöhnen
Schon Ende des 19. Jahrhunderts gab es Bestrebungen, empirische und philosophische Ansätze in der Psychologie zu versöhnen, die geistige Dimension der Seele wieder zu berücksichtigen und entsprechend die Bedeutsamkeit philosophischer Prinzipien für die psychologische Forschung hervorzuheben. Zu nennen sind hier im deutschsprachigen Raum Mathias Schneid mit seinem Aufriss einer „Psychologie im Geiste des hl. Thomas von Aquin“ und im englischsprachigen Raum Robert E. Brennan mit seinem Ergänzungsband „Thomistische Psychologie“ zur „Summe der Theologie“.
Beide versuchen zu zeigen, dass die Ergebnisse der empirischen Psychologie durchaus kompatibel mit dem thomistischen Menschenbild sind. Aktuell erarbeitet Joe Lipetzky vom Thomistic Institute of Psychology einen Kurs, der aktuelle neurowissenschaftliche Erkenntnisse vor dem Hintergrund des thomistischen Menschenbildes einordnet. Zu nennen ist auch Rudolf Allers, der Anfang des 20. Jahrhunderts als philosophisch gebildeter Arzt Erkenntnisse und Theorien der modernen Psychologie berücksichtigt und auf Grundlage philosophischer Prinzipien vom „Werden der sittlichen Person“ schreibt. Die thomistische Psychologie kann also auf eine gewisse Tradition zurückblicken.
Gibt es einen therapeutischen Wert?
Aus den Überlegungen des Thomas wurde an der Divine Mercy University in den USA das „Catholic Christian Meta-Model of the Person“ entwickelt, das die thomistische Psychologie als schulenübergreifenden, theoretischen Rahmen für praktische Fallarbeit nutzt. Das Modell und dessen Anwendung sind feste Bestandteile im Master-Studiengang für psychologische Berater und im Promotionsstudiengang für klinische Psychologen und Psychotherapeuten. Am Thomistic Institute of Psychology, dessen deutscher Ableger das Thomistische Institut für Psychologie ist, sind Prinzipien der thomistischen Philosophie die Grundlage für das Verständnis von der Natur des Menschen sowie von psychischer Gesundheit und Krankheit und entsprechenden Beratungsmethoden.
Wiederum ist es Joe Lipetzky, der daran arbeitet, ein diagnostisches Schema und Behandlungstechniken für Störungen in der Tätigkeit der Seelenvermögen zusammenzustellen. Es werden sich Vertreter moderner Therapieschulen in einzelnen Behandlungstechniken wiederfinden, wobei sich die Praxis am thomistischen Krankheitsverständnis orientiert. Wesentlicher Aspekt ist die Entwicklung von Tugendhaftigkeit, da Tugenden als Hilfe verstanden werden, um die Seelenvermögen wieder in ihre naturgemäße Funktionsweise zu bringen. Die Veränderung beginnt in der Person, die äußere Symptomreduktion ist nur ein Sichtbarwerden dieser inneren Veränderung. In den USA erfreut sich thomistische Beratung zunehmender Beliebtheit, in Deutschland wird sie als Selbstzahlerleistung über das Thomistische Institut für Psychologie angeboten.
Die Autorin ist promovierte Psychologin und hat die fachliche Leitung des Thomistischen Instituts für Psychologie inne.
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