Spirituell anregend und intellektuell überzeugend: Pia Lamms Buch bietet in einer Zeit, in der die Glaubensweitergabe vielerorts an sprachlicher Verflachung, Unsicherheit und mangelnder theologischer Tiefe leidet, eine wohltuende und überzeugende Alternative. Es ist eine Einladung zum Denken aus dem Glauben – und zum Glauben durch das Denken. Lamm gelingt damit ein Beitrag zur Erneuerung katholischer Verkündigung, der sowohl die Schönheit des Glaubens als auch seine rationale Nachvollziehbarkeit sichtbar macht.
Das Grundprinzip des Buches ist so einfach wie wirkungsvoll: Zwei Menschen gehen den Jakobsweg – eine gläubige Theologin und ein Suchender, der mit dem Glauben gebrochen hat. Was als Reisebericht beginnt, entwickelt sich zu einem intensiven geistigen Dialog über Sinn, Freiheit, Wahrheit und die Gegenwart Gottes. Schritt für Schritt werden Fragen erörtert, die das Denken vieler moderner Menschen prägen: Wie lässt sich Glaube mit Vernunft vereinbaren? Was bedeutet Wahrheit, wenn jede Meinung als gleichwertig gilt? Wie kann man Gott erfahren, ohne ihn beweisen zu wollen?
Glaube als vernünftige Entscheidung
Pia Lamm ordnet diese Fragen nicht zufällig an, sondern entfaltet sie in einer klaren argumentativen Struktur, die den Leser führt, ohne ihn zu überfordern. Jede Etappe des Weges korrespondiert mit einer geistigen Etappe des Denkens. Die Autorin legt den theologischen Faden mit ruhiger Hand: vom natürlichen Gotteserkennen über das Verständnis von Offenbarung bis zur Christologie als Mitte des Glaubens. Dabei greift sie auf eine solide philosophische und dogmatische Grundlage zurück – Aristoteles, Thomas von Aquin, Augustinus und die Kirchenväter sind als geistige Weggefährten stets präsent.
Ihre Gedanken stehen jedoch nie als Zitate im Raum, sondern werden in lebendige Sprache übersetzt, die den heutigen Leser erreicht. So gelingt es Lamm, den Glauben als vernünftige Entscheidung darzustellen – als Antwort auf eine Wahrheit, die nicht im Widerspruch zur Freiheit steht. „Gott zwingt niemanden“, heißt es an einer zentralen Stelle, „er wirbt um den Menschen, weil er ihn liebt.“ In dieser theologischen Linie, die von Papst Leo dem Großen bis zu Benedikt XVI. reicht, steht das ganze Buch: Wahrheit und Liebe sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben göttlichen Wirklichkeit. Glaube ist hier kein Sprung ins Irrationale, sondern eine Erkenntnis, die Herz und Verstand gleichermaßen erfasst.
Argumente für den Glauben
Besonders wertvoll ist, wie Lamm die pastorale Dimension dieser Einsicht herausarbeitet. Ihr Buch ist kein abstraktes Traktat, sondern ein Werkzeug, das in der Verkündigung, in der Erwachsenenbildung und im persönlichen Glaubensgespräch eingesetzt werden kann. Es liefert Argumente, die sich leicht nachvollziehen lassen, und Formulierungen, die zugleich klar und einladend sind. Die Autorin verkündet nicht von oben herab, sondern geht mit – Schritt für Schritt.
In dieser dialogischen Haltung liegt die besondere Stärke des Buches. Es ist somit weit mehr als eine Pilgergeschichte, sondern ein Lehrbuch der Glaubensvernunft, ein Beispiel dafür, wie katholische Theologie heute klingen kann: verständlich, tief, missionarisch im besten Sinn. Für die Kirche unserer Zeit, die sich neu fragen muss, wie sie verkündet, ist dieses Buch ein kleines, aber wirksames Instrument. Es erinnert daran, dass die Sprache des Glaubens dort glaubwürdig wird, wo sie aus der Begegnung mit Christus erwächst – und dass Denken und Verkünden nicht zwei Wege sind, sondern, wie Pia Lamm es zeigt, ein einziger Camino.
Pia Lamm: Zwei Wege – ein Camino, Books on Demand, Norderstedt, 2025, 258 Seiten, EUR 34,99
Die Rezensentin ist promovierte Theologin und Kirchenmusikerin.
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