In einer Zeit der oft mühsamen Suche nach dem „perfekten Match“ klingt das Versprechen einer exklusiven, lebenslangen Liebe fast wie ein revolutionärer Akt – ja, fast wie eine Provokation angesichts moderner Beziehungsmodelle wie der sogenannten offenen Beziehung oder der Polyamorie. Ist der katholische Anspruch „Bis dass der Tod uns scheidet“ im 21. Jahrhundert überhaupt noch zeitgemäß? Oder handelt es sich dabei nicht vielmehr um ein antiquiertes Ideal? Die entscheidende Frage lautet: Ist dieser Bund aus psychologischer, soziologischer und theologischer Sicht heute überhaupt noch lebbar?
Diese brennenden Fragen standen im Zentrum des zweiten Dialogabends des Instituts für Ehe und Familie (IEF) am 16. Juni 2026 in Wien. Unter dem Titel „Für immer du. Ist eine exklusive, lebenslange Liebe noch zeitgemäß?“ diskutierten der Innsbrucker Diözesanbischof und zuständiger Referatsbischof für gesellschaftliches Engagement Hermann Glettler, der Statistikexperte und Mitarbeiter des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF), Andreas Baierl, und der Psychotherapeut Andreas Längle.
Überraschende Zahlen zur Partnerschaft
Anlass für den Abend bot die Lehrnote „Una Caro“, welche im November 2025 von dem Dikasterium für die Glaubenslehre als Lob der Monogamie veröffentlicht wurde. Dabei stehen für das IEF wichtige Kernfragen im Mittelpunkt: Was ist der Wert der christlichen Ehe? Was ist Freiheit und was kann uns Orientierung geben?

Wer glaubt, dass die Jugend von heute nur noch unverbindliche Beziehungsmodelle sucht, wird von den wissenschaftlichen Zahlen positiv überrascht.
Sehnsucht nach Exklusivität tief verankert. Andreas Baierl präsentierte aktuelle Daten des Instituts für Familienforschung sowie der Ö3-Jugendstudie aus dem Jahr 2026, die ein klares Bild zeichnen:
Satte 73 Prozent der 16- bis 25-Jährigen wünschen sich ausdrücklich Treue in der Partnerschaft. Nur magere fünf Prozent haben eine offene Beziehung zum Ziel. Die Daten sprechen hierbei wohlgemerkt nur von festen Beziehungen und Partnerschaften, nicht von schnelllebigen, nur auf Sexualität ausgerichteten Begegnungen.
Warum wahre Liebe exklusiv ist
Auch der Blick auf die Scheidungsraten räumt mit dem Mythos vom unaufhaltsamen Beziehungszerfall auf. Endeten im Jahr 2005 noch rund 46,4 Prozent aller Ehen in Österreich vor dem Scheidungsrichter, sank dieser Wert bis 2024 kontinuierlich auf 36,5 Prozent. Der Grund dafür ist laut Experten jedoch nicht, dass Heiraten einfacher geworden ist, sondern dass bewusster und später geheiratet wird. Das durchschnittliche Erstheiratsalter liegt heute bei 31 Jahren für Frauen und 34 Jahren für Männer – man prüft intensiver, bevor man sich bindet.
Für Bischof Hermann Glettler ist die Sehnsucht nach Exklusivität tief in der menschlichen Natur und der Schöpfung verankert. In seinem leidenschaftlichen Plädoyer für die Monogamie verwies er auf den Stil der lehramtlichen Note aus Rom. Er betonte, dass die Unauflöslichkeit der Ehe keine Erfindung der Kirche sei und bezog sich vor allem auf das biblische Prinzip des Ein-Fleisch-Werdens: Mann und Frau lassen alles Alte zurück, um eine völlig neue Einheit zu bilden.
„Es ist keine Addition von zwei Ichs, sondern etwas Neues“, so Glettler, der damit auch ein Wort von Papst Franziskus aufgriff: Eheleute sollten eine „erste Person Plural“ – ein echtes Wir – werden. Glettler kritisierte auf Grundlage des Dokumentes sowohl Polygamie als auch Polyamorie scharf. Beides würde deutlich im Widerspruch zur göttlichen Schöpfung stehen. Wahre Liebe sei in ihrer Singularität so stark, dass sie schlicht nicht geteilt werden könne.
„Der andere ist nicht Gott“
Gleichzeitig warnte der Bischof vor einer Überforderung des Ehepartners: „Der andere ist nicht Gott.“ Wer den Partner auf ein göttliches Podest stellt, programmiert Enttäuschungen vor. Gott werde in der Beziehung als Dritter im Bunde gebraucht – um zu danken, aber auch, um die eigenen Grenzen als Mängelwesen anzunehmen. Die heutige Jugend sehne sich nach starken Vorbildern, die ihre Berufung in einer echten, hingebungsvollen Ehe leben.
Wie aber gelingt dieser Weg psychologisch, wenn die erste Phase der Verliebtheit verflogen ist? Der Existenzanalytiker Alfred Längle beleuchtete das Phänomen aus therapeutischer Sicht. Existenz sei von Natur aus brüchig und im Wandel, weshalb der Mensch eine enorme Sehnsucht nach Stabilität habe. „Liebe beginnt mit einem Gefühl, aber das Gefühl reicht nicht aus. Es braucht meine Entscheidung, meine Stellungnahme“, erklärte Längle. Erst durch den bewussten Willen zur Dauer werde aus der anfänglichen Verliebtheit eine personale Liebe. Diese zeichne sich durch tiefe Resonanz und die Haltung aus: „Ich will, dass du bist – und dass du noch mehr du selbst wirst.“
Plädoyer für die Entscheidung
Längle räumte ein, dass die Schwierigkeit der alltäglichen Realität in erster Linie durch die eigenen Prägungen, Traumatisierungen oder Defizite verstanden werden kann. Dennoch hielt er ein flammendes Plädoyer für das Wagnis Ehe: Freiheit bedeute nicht, sich alle Optionen offenzuhalten. „Frei ist nicht der, der nicht heiratet. Frei ist der, der geheiratet hat – denn er hat, was er will.“ Wer sich auf die Exklusivität einlasse, werde zum „Sommelier der Liebe“, der in die Tiefe statt in die Beliebigkeit geht.
Wie sich diese Theorien im Alltag mit fünf Kindern anfühlen, berichteten Magdalena und Stefan Ulrich. Nach 14 Ehejahren sprachen sie offen über die Realität ihres Alltags. „Ehe ist nicht immer ein Wiener Walzer auf glattem Parkett, sondern manchmal auch ein Seiltanz“, so das Paar. Auch wenn es also nicht immer einfach sein mag, so ist deutlich geworden, dass der Mensch nicht nur die Möglichkeit zur Monogamie in sich trägt und sich nach ihr sehnt, sondern dass diese Monogamie auch glücklich und vollkommen gelebt werden kann. So ist die Ehe die liebende Entscheidung, sein Leben als Gabe zu verstehen.
Der Autor ist Theologe und Politikwissenschaftler und aktives Mitglied im Lebensschutz.
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