Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Druck des Arbeitsmarktes

Österreichs Geburtenrate sinkt deutlich

Die durchschnittliche Quote sinkt 2023 auf 1,68 Kinder. Experten fordern: Produktivität und Reproduktion dürfen kein Widerspruch sein.
Geburtenrate sinkt deutlich
Foto: Michael Gstettenbauer via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | 2009 lag der durchschnittliche Kinderwunsch in Österreich bei 2,1 Kindern, 2023 hingegen nur noch bei 1,68 Kinder.

Die dramatische Geburtenentwicklung in Österreich und deren Auswirkungen für die Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt war Gegenstand einer Diskussionsveranstaltung im Rahmen der DenkWerkstatt St.Lambrecht, einer interdisziplinären Plattform für Gespräche, Ideen und Modelle zu den Themen Generationenvertrag, Demographie und Wertewandel.

Lesen Sie auch:

Die Soziologin Eva-Maria Schmidt vom Österreichischen Institut für Familienforschung (ÖIF), berichtet, dass die GGP (Generation and Gender Programme) PanelStudie, die in regelmäßigen Abständen familienrelevante Daten erhebt, zeigt, dass 2009 der durchschnittliche Kinderwunsch bei 2,1 Kindern lag, 2023 hingegen nur mehr bei 1,68 Kinder.

Jeder fünfte Mann zwischen 25 und 29 will kinderlos bleiben

Besonders signifikant sei der sinkende Kinderwunsch bei Männern zwischen 25 und 29 Jahren zu beobachten. Jeder fünfte Mann in dieser Altersgruppe möchte sicher kinderlos bleiben. Die Ursachen sieht die Soziologin allerdings nicht nur in den momentanen Krisen, sondern auch darin, dass Frauen sich dem Druck des Arbeitsmarktes ausgesetzt fühlen, ihr gesamtes Berufsleben hundertprozentig erwerbstätig sein zu müssen, was dem Anspruch, eine präsente Mutter zu sein, widerspreche.  

Rolf Gleißner von der Wirtschaftskammer Österreich wies daraufhin, dass nicht die höhere Lebenserwartung der Bevölkerung das demographische Problem der Zukunft sei, sondern die seit 1970 anhaltende niedrige Geburtenrate. Nachdem in Österreich das Pensionssystem durch das Umlageverfahren gesichert wird, also die Pensionen durch den Pensionsbeitrag der Erwerbstätigen zum Großteil finanziert werden, bestehe zunehmend ein dramatisches Ungleichgewicht. 1910 haben noch neun Erwerbstätige einen Pensionisten „erhalten“, 2024 sind es nur mehr vier Erwerbstätige.

Durch familienfreundliche Maßnahmen wettbewerbsfähig bleiben

Der Arbeitskräftemandel einerseits und der Druck auf die Sozialsysteme stelle ein nicht zu unterschätzendes Problem für die Volkswirtschaft dar, so der Wirtschaftsvertreter. Er beklagte auch, dass der Diskurs zu negativ geführt werde. In Irland zum Beispiel sei die Geburtenrate viel höher, obwohl die familienpolitischen Maßnahmen und das Angebot an Kinderbetreuung bei weitem nicht so ausgeprägt seien wie in Österreich. Es sei kein Wunder, dass Männer zunehmend kinderlos bleiben wollen und Väter sich scheuten, Familienarbeit zu übernehmen, wenn ständig die unbezahlte Sorgearbeit zu Hause als unbefriedigend dargestellt werde, so Gleißner. Natürlich seien auch die Unternehmen gefordert, durch familienfreundliche Maßnahmen wettbewerbsfähig zu bleiben.

Der Arbeitsrechtsexperte Wolfgang Mazal plädierte dafür, dass Eltern, die sich der Kinderbetreuung widmen wollen, nicht gegen ihren Willen „umerzogen“ werden. Es müsse in Zukunft nicht nur die Produktivität als Wirtschaftsfaktor gesehen, sondern auch die Reproduktion von Kindern als volkswirtschaftlicher Wert erkannt werden. Nachhaltigkeit habe nur dann eine Chance, wenn auch die Reproduktion als Arbeitsbegriff erkannt wird. 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Alice Pitzinger-Ryba

Weitere Artikel

Der Betreuungsausbau gilt als gesellschaftspolitisches Allheilmittel. Selbst angesichts sinkender Kinderzahlen hält die Politik daran fest. Ein Umdenken ist überfällig.
02.09.2026, 13 Uhr
Stefan Fuchs
Erst heiraten oder erst zusammenziehen? Eine Studie des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen wirft ein Schlaglicht auf Einstellungen zu Kindern und Familie rund um den Globus.
10.07.2026, 08 Uhr
Cornelia Huber
Papst Leo hat auch einen Krisenschauplatz der anderen Art im Blick: den der Demografie. Die Geburtenrate in Europa liegt auf einem historischen Niedrigstand.
29.04.2026, 11 Uhr
Franziska Harter

Kirche

Nachdem die Szene im Internet als eucharistisches Wunder gedeutet wurde, stellt Pfarrer Brent Bowman klar: Er habe eine „persönliche geistliche Erfahrung“ gemacht.
18.09.2026, 10 Uhr
Dorothea Schmidt
Gleicher Lohn für ungleiche Arbeit, davon spricht das Gleichnis vom Weinberg. Denn Gottes Barmherzigkeit funktioniert anders als menschliche Gerechtigkeit.
19.09.2026, 21 Uhr
Margarete Strauss
Trump beruft Bischof Barron in die Kommission für internationale Religionsfreiheit. Das lässt hoffen, dass er die oft so befremdlich agierende US-Regierung mit Augenmaß zum Nachdenken anregt.
18.09.2026, 11 Uhr
Regina Einig
Der Heilige Stuhl hat mehrere protokollarische Wünsche der französischen Regierung für die Reise Leos XIV. abgelehnt.
16.09.2026, 18 Uhr
Meldung