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Die globale Fruchtbarkeit bricht ein

Demografisch teilt sich die Welt in einen wachsenden Süden und einen schrumpfenden Norden. Global gesehen wird die Weltbevölkerung weniger werden.
Kinder
Foto: Ratna Fitry / Pixabay | Weltweit nimmt die Fertilität ab. Dabei gibt es ein starkes Ungleichgewicht zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden.

Einen dramatischen Einbruch der globalen Fruchtbarkeit hat eine neue US-amerikanische Studie vorausgesagt, die am Mittwoch im Fachblatt „The Lancet“ veröffentlicht wurde. Danach werden im Jahr 2100 weltweit nur noch sechs Staaten - Samoa, Tonga, Somalia, Niger, Tschad, Tadschikistan - über der Marke von 2,1 Kindern pro Frau liegen. Dieser Wert gilt allgemein als Schwelle, um die Bevölkerung durch Geburten langfristig auf einem konstanten Niveau zu halten.

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Das Forschungsteam unter Leitung des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) der University of Washington in Seattle untersuchte die globale Fruchtbarkeit in 204 Ländern und Gebieten anhand von Daten des Berichts „Global Burden of Disease" (2021). Demnach sank die Geburtenrate von 1950 bis 2021 von 4,84 auf 2,23. 

Erschütternder sozialer Wandel

94 Länder lagen im Jahr 2021 noch über der Schwelle von 2,1 Kindern pro Frau. Dazu gehören fast alle der 46 afrikanischen Länder südlich der Sahara. Für die Zukunft prognostizieren die Forscher, dass die Fruchtbarkeitsziffern weltweit weiter sinken, um im Referenzszenario im Jahr 2050 bei 1,83 und im Jahr 2100 bei 1,59 Kindern je Frau zu liegen. Der größte Anteil der Lebendgeburten werde dabei in den Ländern mit dem niedrigsten Einkommen stattfinden. 

„Wir stehen im 21. Jahrhundert vor einem erschütternden sozialen Wandel", kommentierte der Hauptautor Professor Stein Emil Vollset vom IHME. Die Welt werde gleichzeitig einen 'Baby-Boom' in einigen Ländern und einen 'Baby-Bust' in anderen Ländern erleben. „Während der größte Teil der Welt mit den ernsten Herausforderungen des Wirtschaftswachstums zu kämpfen hat, die sich aus der schrumpfenden Erwerbsbevölkerung und der Frage ergeben, wie die alternde Bevölkerung versorgt und bezahlt werden soll, werden sich viele der ressourcenbeschränkten Länder in Afrika südlich der Sahara mit der Frage auseinandersetzen müssen, wie die jüngste, am schnellsten wachsende Bevölkerung des Planeten in einigen der politisch und wirtschaftlich instabilsten, hitzebelasteten und von den Gesundheitssystemen am stärksten belasteten Regionen der Erde versorgt werden kann.“

Junge Bevölkerung im Süden

Die von der Bill & Melinda Gates Foundation finanzierte Studie prognostiziert die höchsten Fertilitätsraten im Jahr 2050 für den Tschad und Niger, im Jahr 2100 für Tonga und Samoa. Die niedrigsten Geburtenraten im Jahr 2050 erwarten die Forscher für Südkorea und Puerto Rico, die niedrigsten Raten im Jahr 2100 für Bhutan und die Malediven.

Für die demographisch geteilte Welt gebe es kein Patentrezept, so die Mitautorin und leitende Wissenschaftlerin am IHME Dr. Natalia V. Bhattacharjee, „Sozialpolitische Maßnahmen zur Verbesserung der Geburtenraten, wie z. B. erweiterter Elternurlaub, kostenlose Kinderbetreuung, finanzielle Anreize und zusätzliche Beschäftigungsrechte, können die Geburtenraten zwar ein wenig ankurbeln, aber die meisten Länder werden unter dem Ersatzniveau bleiben. Und sobald die Bevölkerung fast aller Länder schrumpft, wird die Abhängigkeit von offener Einwanderung notwendig werden, um das Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten.“ Die afrikanischen Länder südlich der Sahara verfügten über eine „lebenswichtige Ressource, die die alternden Gesellschaften verlieren - eine junge Bevölkerung".

Demografie im Blick behalten

Als Reaktion auf den Lancet-Bericht forderte Catherina Hinz, geschäftsführende Direktorin am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, die Politik müsse bei ihrer Planung für die Zukunft die demografische Entwicklung stärker in den Blick nehmen. In Deutschland bekommt eine Frau im Schnitt 1,36 Kinder, wie das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung am Mittwoch vermeldete.

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Cornelia Huber Bill & Melinda Gates Foundation Institute for Health Metrics and Evaluation Weltbevölkerung

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