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Demographisches Schneeballsystem

Die Geburtenrate in Deutschland stürzt – wieder – ab. Nicht ganz schuldlos an der Misere dürfte der permanente Ruf nach mehr Erwerbsarbeit sein.
Einsames Kind am Zaun
Foto: IMAGO/Martin Schroeder (www.imago-images.de) | Gut verwahrt? Kind auf umzäunter Rasenfläche.

Noch 1,36 Kinder bekommt jede Frau in Deutschland im Durchschnitt. So wenige wie zuletzt 2009, ein deutlicher Rückgang von den zuletzt 1,57 Kindern pro Frau 2021. Die Nachricht vom Einbruch der Geburtenrate, die das „Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung“ gestern verbreitete, sollte bei den politisch Verantwortlichen eigentlich für einige Kopfschmerzen sorgen. Schließlich wird der neue Trend die Überalterung verstärken – und damit den Fachkräftemangel genauso wie die finanzielle Schieflage im Sozialversicherungssystem verschlimmern.

Die Studienautoren, auf deren Arbeit die neue Zahl beruht, identifizieren zwei Gründe für den eher abrupten Einbruch: Zukunftsängste aufgrund des Ausbruchs des Ukrainekriegs 2022 – und den Start der Covid-Impfkampagne in der Breite 2021; wobei die Autoren spekulieren, dass Frauen den Kinderwunsch zurückgestellt haben könnten, um sich impfen zu lassen, da die Impfstoffe zu Beginn für Schwangere noch nicht zugelassen waren. Weitere Forschung hierzu wäre zweifellos interessant. Davon unabhängig muss jedoch festgestellt werden: Deutschland kehrt lediglich zum langfristigen Mittel zurück. Bereits seit den späten 1970er Jahren bewegte sich die Geburtenrate zwischen 1,2 und 1,4. Der zwischenzeitliche Anstieg in den 2010er Jahren hatte wohl auch mit verstärkter Zuwanderung zu tun.

Das Grundproblem ist also, wie hinlänglich bekannt, ein langfristiges, in vielen Industrieländern zu beobachtendes Übel. Und es liegt nahe, dass die Gründe dafür eher langfristiger kultureller Art sind. Kinder zu bekommen, kostet viel Geld, ist potentiell karriereschädlich, und wird in der Gesellschaft daher als unzeitgemäße Bedrohung der Selbstverwirklichung vor allem der Frau wahrgenommen; Lebenssinn wird vielfach vor allem in beruflichem Erfolg verortet.

Kinder brauchen Zeit

Viele suchen die Lösung in immer früherer Fremdbetreuung. Doch selbst (und gerade) wer die Sprösslinge in jüngstem Alter in die Kindertagesstätte gibt, wird mit Kindern einen stressigeren Alltag mit weniger Freizeit haben. Es geht auch nicht jedes Kind gern in die Kita. Es trotzdem hinzubringen, tut Eltern oft weh. Mütter, aber auch Väter, stehen damit vor einer unangenehmen Wahl: Entweder die Kinder möglichst schnell in Obhut geben; oder weniger arbeiten, die Kinder selbst erziehen, finanzielle Nachteile in Kauf nehmen und als rückständig gelten. Kinder brauchen die Zeit und Aufmerksamkeit ihrer Eltern. Und die Freude der Elternschaft besteht auch darin, Zeit mit den Kindern zu verbringen. Gesteht die Gesellschaft Eltern und Kindern diese Zeit zu? Wenn nicht, wird Nachwuchs unattraktiv. Wenn überhaupt, entscheidet man sich für wenige Kinder.

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Frappierend ist, dass dieser doch plausible Konnex in Politik und Wirtschaft keinerlei Aufmerksamkeit erfährt. Praktisch keine ökonomische Stellungnahme zur Nachhaltigkeit der Rente kommt ohne die völlig unkritische Forderung aus, mehr Frauen in die Erwerbsarbeit zu drängen und die „Babypause“ möglichst minimal zu gestalten. Schlafwandlerisch blasen auch Sozial-, Finanz- und Gesellschaftspolitiker jeder Couleur ins gleiche Horn. Wegen der Überalterung sei es unerlässlich, möglichst jeden Arbeitsfähigen auch in die Vollzeiterwerbstätigkeit zu bekommen. Damit aber wird genau das Problem verstärkt und in die Zukunft verschoben, das zu lösen man vorgibt. Die Kinder, die jetzt nicht geboren werden, weil niemand Zeit für sie hat, können später die Rente der jetzt Arbeitenden nicht zahlen. Profiteure sind die Rentner und Unternehmen jetzt; alle anderen verlieren.

Zweifellos sind die Gründe für Kinderlosigkeit vielschichtig. Der neuerliche Absturz bei den Geburten sollte aber Grund genug sein, auch diesen gefährlichen Mechanismus zu diskutieren, der droht, die Geburtendynamik gerade aus sozialstaatlicher Perspektive in einen Teufelskreis zu verwandeln.

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Jakob Ranke

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