Die Sonne stand schon tief über dem Garten, und durch das offene Fenster zog der Duft von frisch gemähtem Gras ins Wohnzimmer. Es war der 13. Juni. Oma hatte einen kleinen Teller mit Erdbeeren auf den Tisch gestellt, und Opa saß in seinem Sessel mit einem alten, abgegriffenen Buch.
Maxi lag auf dem Teppich und baute eine kleine Kirche aus Holzklötzen. Leni hatte Blumen gepflückt und stellte sie umsichtig in eine Vase. Nur Simon wirkte gereizt. Er lief schon zum dritten Mal durchs Zimmer, schaute unter Kissen, hinter die Vorhänge, sogar in den Brotkorb.
„Das gibt’s doch nicht!“, murmelte er. „Es ist einfach weg.“ „Was ist weg?“, fragte Leni.
Simon blieb stehen. „Mein Handy. Seit heute Vormittag. Einfach verschwunden.“
Maxi sah auf. „Vielleicht hast du es irgendwo liegen lassen?“ Simon schnaubte. „Sehr witzig. Natürlich habe ich das. Aber WO? Ich habe alles abgesucht.“
Opa klappte sein Buch zu und sah ihn ruhig an. „Weißt du, Simon, heute ist ein guter Tag, um etwas Verlorenes wiederzufinden.“ Simon verdrehte die Augen. „Aha. Und warum? Gibt’s heute einen internationalen ‚Finde-dein-Zeug-wieder‘-Tag?“ Oma lächelte. „Fast. Heute feiern wir den heiligen Antonius von Padua.“ Simon setzte sich auf die Armlehne des Sofas. „Und der ist jetzt der Schutzpatron für verlorene Handys, oder was?“
Opa nickte leicht. „Nicht nur für Handys. Für alles, was verloren gegangen ist.“ Simon grinste schief. „Klar. Dann sag ihm mal, er soll sich beeilen.“
„Antonius hieß eigentlich Fernando“, begann Opa. „Er wurde um 1195 in Lissabon geboren.
Er war klug, ehrgeizig und wollte etwas aus seinem Leben machen.“ „Also ganz normal“, murmelte Simon.„Vielleicht“, sagte Oma. „Aber er hatte auch eine große Sehnsucht nach Gott. Er trat zuerst in ein Kloster ein, studierte eifrig die Bibel und wollte ein stilles Leben führen.“ „Langweilig“, meinte Simon.
Opa hob die Augenbrauen. „Warte. Eines Tages wurden die Leichname von fünf Missionaren gebracht, die in Marokko getötet worden waren. Sie waren für ihren Glauben gestorben.“ Leni wurde still. „Das ist traurig.“ „Ja“, sagte Opa. „Aber es hat Antonius tief berührt. Er wollte auch so mutig sein. Er trat zu den Franziskanern über – dem Orden des heiligen Franz von Assisi – und nahm den Namen Antonius an.“
„Und dann?“, fragte Maxi.„Er wollte selbst nach Marokko gehen. Aber er wurde krank. Auf der Rückreise verschlug ein Sturm sein Schiff nach Italien. Dort begann etwas ganz Neues.“
Die Stimme, die Herzen bewegt
„Antonius war eigentlich ein stiller Mann“, sagte Oma. „Niemand wusste, wie gut er predigen konnte.“ „Bis…?“, fragte Maxi. „Bis man ihn einmal ganz spontan bat, eine Predigt zu halten“, sagte Opa. „Und da geschah etwas Besonderes: Seine Worte gingen den Menschen direkt ins Herz.“ „Was hat er denn gesagt?“, fragte Leni.
„Er sprach so über Gott, dass die Menschen verstanden: Gott ist nicht fern. Er ist nah. Er kennt dich. Er liebt dich.“
Simon zuckte mit den Schultern. „Das sagen viele.“ „Ja“, sagte Opa ruhig. „Aber bei ihm war es anders. Die Leute änderten ihr Leben. Streit wurde beigelegt. Diebe gaben zurück, was sie gestohlen hatten.“ Simon sah kurz auf. „Echt?“ „Ja“, sagte Oma. „Und weißt du, warum er heute als ‚Patron der Schlamper‘ gilt?“ Simon grinste. „Jetzt wird’s interessant.“
„Es gibt eine alte Geschichte“, begann Opa. „Ein junger Mitbruder hatte ein wertvolles Buch von Antonius gestohlen und war damit geflohen.“ „Ein Buch?“, fragte Simon. „Nicht gerade spektakulär.“ „Damals war ein Buch sehr wertvoll“, erklärte Opa. „Handgeschrieben. Ein Schatz. Antonius betete darum, dass es zurückkommt.“ „Und?“, fragte Leni. „Der Dieb bekam ein so schlechtes Gewissen, dass er umkehrte und das Buch zurückbrachte.“ Maxi lächelte. „Also hat Antonius es wiedergefunden.“
„Genau“, sagte Oma. „Seitdem vertrauen viele Menschen darauf, dass er hilft, wenn etwas verloren gegangen ist.“ Simon verschränkte die Arme. „Oder der Typ hat einfach ein schlechtes Gewissen bekommen.“ „Vielleicht“, sagte Opa. „Aber wer hat sein Gewissen berührt?“ Simon antwortete nicht.
Leni stand auf. „Können wir nicht einfach mal beten?“ Simon seufzte. „Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass mein Handy durch ein Gebet wieder auftaucht.“ Maxi sah ihn ernst an. „Warum es nicht wenigstens versuchen?“ Oma faltete die Hände. „Wir zwingen niemanden. Aber wir können bitten.“ Leni begann leise: „Heiliger Antonius, du Freund Gottes, hilf uns, das zu finden, was verloren ist…“ Maxi sprach weiter. „… und hilf uns auch, das Handy von Simon wiederzufinden.“
Simon schaute aus dem Fenster. Er sagte nichts. Aber er ging auch nicht weg.
„Kommt“, sagte Opa nach einer Weile. „Wir suchen noch einmal gemeinsam.“ Sie sahen unter den Möbeln nach, hinter den Büchern, sogar draußen im Garten. Nichts. Simon wurde stiller. Der Spott war verschwunden. „Es ist wirklich weg“, sagte er leise. Oma legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Manchmal findet man Dinge erst, wenn man aufhört, krampfhaft zu suchen.“
Als sie wieder ins Wohnzimmer kamen, setzte sich Leni auf das Sofa. Plötzlich runzelte sie die Stirn. „Was ist das?“ Sie griff zwischen die Polster. „Warte mal…“
Maxi sprang auf. „Hast du was gefunden?“ Leni zog vorsichtig etwas heraus. Ein schwarzes Handy.
Simon erstarrte. „Das … das ist meins.“ Er nahm es langsam in die Hand. Er drückte den Knopf. Der Bildschirm leuchtete auf. Es war wirklich seines.
„Das lag … die ganze Zeit hier?“, fragte Simon. „Anscheinend“, sagte Opa.
„Aber ich habe hier gesucht“, sagte Simon. „Mehrmals.“ Niemand antwortete. Leni lächelte leise. „Vielleicht hat uns jemand geholfen.“
Mehr als Zufall?
Simon sah sie an. Dann schaute er auf das Handy. Dann auf das kleine Heiligenbild, das Oma auf den Tisch gelegt hatte. Der Blick des heiligen Antonius war ruhig.
Simon schluckte. „Ich … ich kann mir das nicht erklären“, sagte er leise. Opa nickte. „Manches muss man nicht sofort erklären.“
Simon setzte sich. Er hielt das Handy in der Hand, aber er schaute nicht darauf. „Wenn …“, begann er zögernd, „wenn das wirklich … also … wenn da jemand geholfen hat …“ Er brach ab. Oma wartete. „Dann … wäre das schon ziemlich krass“, sagte er schließlich. Maxi grinste. „Ziemlich cool, oder?“ Simon lächelte schwach. Zum ersten Mal an diesem Tag ohne Spott.
Draußen wurde es langsam dunkel. Das Licht im Zimmer war warm und ruhig.
Opa sprach leise: „Antonius hilft nicht nur, Dinge zu finden. Er hilft, dass Menschen etwas anderes wiederfinden.“ „Was denn?“, fragte Leni. „Den Weg zu Gott.“
Simon blickte noch einmal auf das Bild des Heiligen. Seine Augen wurden feucht. Er merkte es selbst kaum. Er legte das Handy langsam auf den Tisch. „Vielleicht …“, sagte er leise, „sollte ich mich mal bedanken.“ Oma nickte.
Und ganz leise, fast nur für sich selbst, sagte Simon: „Danke.“ Es war kein großes Gebet. Aber es war ein Anfang. Und irgendwo, tief in seinem Herzen, begann etwas zu wachsen. Ganz still. Wie ein Samenkorn.
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