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Die Regie des Jakobswegs

Eine Studie untersucht das individuelle Erleben von Santiagopilgern und stellt Übereinstimmungen fest – Pilgerseelsorger bestätigt höhere Bereitschaft zum Beichten als in der Pfarrei.

Entwarnung für Jakobspilger: Die Wege zum Apostelgrab in Nord- und Westspanien sind frei. Anders als im Vorjahr betreffen die Waldbrände auf der iberischen Halbinsel bisher keine Etappe des Jakobswegs. Im August 2025 war die Strecke zwischen Astorga und Ponferrada auf dem historischen „Camino francés“ zeitweise wegen Löscharbeiten gesperrt worden. Und die Warn-App „Guardián del Camino“ signalisierte auch für den „Via de la Plata“ zeitweise Rot für die von einer Feuersbrunst betroffenen Region Ponferrada.

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Der Jakobsweg ist inzwischen über die klassische Zielgruppe der Getauften hinaus zu einer Chiffre geworden für Besinnung und persönliche Auszeit. Nicht nur Christen erhoffen sich Neuorientierung und neue Seelenstärke. Doch was erleben Menschen unterwegs wirklich? Peter Kirchmann von der Seite www.jakobsweg-lebensweg.de und Andreas Braun von der Business & Law School Berlin haben die Erfahrungsberichte von knapp 600 deutschsprachigen Pilgern in einer Studie ausgewertet, die kürzlich im „Journal of Tourism and Cultural Change“ veröffentlicht wurde. Zu den zentralen Erkenntnissen gehört die Einsicht, dass es den totalen Wandel auf dem Pilgerweg nicht gibt. Der Pilger kehrt nicht als „neuer Mensch“ nach Hause zurück, doch er nimmt etwas für sich mit: Klärungen für seinen Lebensweg, andere Prioritäten, innere Ruhe, gestärktes Selbstvertrauen.

Das persönliche Erleben ist kein Zufallsprodukt 

Das Ergebnis bestätigt, dass das persönliche Erleben kein Zufallsprodukt ist, sondern durch die Natur und Kulturlandschaft geprägt wird. „Völlig unkoordinierte Menschen durchleben an den exakt gleichen Orten systematisch die gleichen tiefen Gefühle“, stellen die Autoren fest. „Wir dachten immer, das innere Erleben beim Pilgern sei rein individuell. Unsere Daten zeigen etwas völlig anderes: Der Weg führt Regie. Bestimmte Orte wie das Cruz de Ferro oder die Weite der Meseta lösen bei fast allen Menschen exakt die gleichen, tiefen emotionalen Prozesse aus“, so Kirchmann.

So verbinden fast alle Teilnehmer mit dem Kreuz „Cruz de Ferro“ auf der Etappe zwischen Foncebadón und Manjarín Abschied und Loslassen. Die Ankunft in Santiago de Compostela steht der Studie zufolge für biografische Bestätigung, auch wenn die trügerische Maxime „Der Weg ist das Ziel“ das traditionelle Pilgerverständnis durchaus verdunkeln kann. Mit den rauen Küsten von Finisterre und Muxía verbinden viele Befragte Räume der radikalen Offenheit für Neuanfänge. Die Weite der Meseta wiederum erzeugt eine heilsame Dezentrierung — das erschöpfte Ego schrumpft und macht Platz für eine tiefe Verbundenheit mit der Natur.

Sich selbst und den andern neu entdecken

Pfarrer Stephan Gras, der in diesem Monat in der deutschsprachigen Pilgerseelsorge in Santiago de Compostela gearbeitet hat, bestätigt gegenüber dieser Zeitung, dass der Jakobsweg Menschen anzieht, die eigentlich nur „mal weg“ wollten und auf dem Weg Episoden ihres Lebens neu und anders entdecken. Santiago sei ein internationaler und manchmal auch interreligiöser Ort. Die Decke des gewohnten Alltags mit Handy, Terminkalender und Routine werde weggezogen. Dann, so der Limburger Diözesanpriester, der viele Jahre in Barcelona tätig war, „kommen Gedanken und Erlebnisse zum Vorschein, die man im Alltag im wahrsten Sinne des Wortes übergeht. Ich denke an einen Menschen, der seit Jahrzehnten nicht mehr gebeichtet hat und um Hilfestellung bat. Das werden oft ganz besondere Gespräche.“

Auch Ehepaare machten sich gemeinsam auf den Weg und entdeckten sich gegenseitig wieder. Als seine originellste Begegnung erwähnt Gras „einen indischen nichtchristlichen Professor, der zu verstehen versuchte, warum Menschen pilgern und was meine Aufgabe als Priester dabei sei.“

Viele wollen beten

Für ihn als Priester seien die Einzelgespräche besonders wertvoll. In der Kathedrale höre er „sehr viele Beichten“. Aber es ergäben sich auch immer wieder Gespräche mit „Menschen, die sich sozusagen selbst auf die Spur kommen wollen. Die Erfahrungen auf dem Weg prägen viele in ganz besonderer Weise.“ Der Geistliche erlebt vor allem das Bußsakrament in Santiago de Compostela anders als in der Gemeindearbeit: In der normalen Pfarrseelsorge werde das Sakrament der Beichte oft schlicht nicht wahrgenommen: „Die Bereitschaft hierzu ist in Santiago auch durch Anonymität und Wegerfahrungen sehr viel höher als gewöhnlich.“ Er erlebe als Priester in Santiago Menschen, die aufblühten, wenn sie die Figur des Apostels Jakobus berühren oder umarmen. Die Sehnsucht nach gelingender geistlicher und eucharistischer Gemeinschaft erlebe er besonders deutlich. Von dieser Kathedrale, so Gras, „geht viel Gutes aus“.

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