„Ist es noch weit zum Fluss?“, fragte ich Papa. Wir waren schon so lange unterwegs auf der staubigen Straße, die hinunter an den Jordan führt, und ich hatte einfach genug von dem Sand in meinen Sandalen. „Gleich, Noemi“, sagte Papa. „Siehst du die Büsche da unten? Dort fließt der Jordan.“ Endlich waren wir da – aber nicht nur wir: Viele Menschen strömten aus allen Richtungen herbei und lagerten sich im Schatten der Bäume, denn die Luft flirrte in der Mittagshitze. Sie alle wollten den Propheten sehen, der da predigte.
Am liebsten wäre ich gleich in das plätschernde Nass gesprungen, aber Papa ließ meine schwitzende Hand nicht los. „Warum?“, fragte ich, „ist doch ganz seicht hier!“ „Schon“, erwiderte er, „aber wir sind nicht zum Baden da.“ „Aber da hinten baden doch auch welche!“ Ich deutete auf eine Stelle, die in der Sonne glitzerte. „Eben!“, sagte Papa, „aber die lassen sich taufen. Schau genau hin, Noemi: Der Mann mit dem Schurz aus Kamelhaar ist Johannes, der Prophet. Und jetzt taucht er eine Frau ins Wasser … und schon hilft er ihr wieder heraus. Komm, wir schauen es uns aus der Nähe an! Deshalb sind wir ja gekommen.“
Die Frau wischte sich das Wasser aus den Augen und strahlte, als wäre sie neu geboren. Und der Täufer rief, dass alle es hören konnten: „Steh auf und kehr um, denn das Reich Gottes ist nahe!“ Da fragte ihn jemand: „Bitte, Rabbi: Wann wird es denn kommen, Gottes Reich?“ Johannes blickte auf: „Es ist schon unterwegs und ihr werdet es sehen. Wer glaubt und sich taufen lässt, wird es erkennen. Und wer jetzt seine Sünden abwäscht und so lebt, wie es Gott gefällt, darf darin wohnen.“ Da blickte ich zu Papa auf: „Lassen wir uns auch taufen?“ „Das will gut überlegt sein“, sagte er ernst. „Ich möchte schon nach Gottes Willen leben, aber habe ich auch die Kraft dazu?“
Plötzlich richtete Johannes seinen Blick auf den Hügel: Ein junger Mann in einem strahlend weißen Gewand bahnte sich einen Weg durch die Menschenmenge hinunter ans Ufer des Flusses. Johannes lächelte ihn an: „Jesus, da bist du endlich! Wir haben ja so auf dich gewartet.“ „Ich bin es“, erwiderte der andere, zog seine Sandalen aus und stieg ins Wasser: „Taufe mich!“ Da erschrak der Täufer: „Was? Nein! Ich müsste doch eigentlich von dir getauft werden! Du bist doch der, auf den wir warten!“ Aber Jesus antwortete freundlich: „Johannes, tu es bitte. So ist es richtig. So will es mein Vater.“ Johannes nickte erstaunt. Dann legte er Jesus seine Hand auf die Schulter, senkte ihn sanft ins Wasser und hob ihn wieder empor – so wie er es mit all den anderen Menschen getan hatte.
Doch dann geschah etwas, das ich niemals vergessen werde. Denn um diesen Jesus herum fing alles so hell zu leuchten an, als wäre am Himmel eine große Tür aufgesprungen. Wir hielten uns die Hände vor die Augen und blinzelten durch die Finger. Da sah ich, wie sich ein strahlendes Bündel oder eine schimmernde Wolke auf ihn herabsenkte. Wie eine schneeweiße Taube schwebte sie über ihm. „Der Geist des Herrn“, hörte ich Papa hauchen, der neben mir auf die Knie fiel und sein Gesicht bedeckte. Dann hüllte uns eine warme und starke Stimme ein, die feierlich sprach: „Das ist mein geliebter Sohn. An ihm habe ich mein Wohlgefallen.“
An diesem Abend schwebten wir fast nach Hause zurück, so leicht war uns ums Herz. Sieben Wochen später nahm mich Papa wieder mit an den Jordan. Auch er wollte sich jetzt taufen lassen. Aber diesmal war es Jesus selber, der dort taufte. Und als er mich aus dem Wasser hob, sagte er: „Noemi, du bist meine geliebte Tochter. An dir habe ich meine Freude.“
Der Autor ist ständiger Diakon, Lehrer und Theologe und lebt mit seiner Frau und vier Kindern bei Landsberg am Lech.
Auflösung zum Bibel-Quiz:
Wie heißt der Fluss, in dem Jesus sich taufen lässt? – Jordan
Wie wird Jesus von der Stimme aus dem Himmel genannt? – „Geliebter Sohn“
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.








