Ordensleben

Zisterzienserklosters Maria Friedenshort: „Eine neue Zeit beginnt“

Baustellenbesuch mit Pater Kilian Müller auf dem Areal des neuen Zisterzienserklosters Maria Friedenshort in Brandenburg.
Pater Kilian Müller
Foto: RT | Kommt eigentlich aus einer evangelischen Familie: Pater Kilian Müller.

Seit September 2018 gibt es in Neuzelle eine Niederlassung von Zisterziensermönchen aus der österreichischen Abtei Heiligenkreuz. Kloster Neuzelle ist nicht nur ein katholischer Wallfahrtsort, sondern durch die Besitzverhältnisse auch ein kultureller Hotspot Brandenburgs mit vielen Touristen. Aus diesem Grund beschlossen die Ordensbrüder einen Klosterneubau, der seit 2021 umgesetzt wird.

Der Kuckuck ruft. Waldvögel zwitschern. Zusammen mit Pater Kilian, dem Subprior und Ökonom des Zisterzienserpriorates besuchen wir das frühere Stasi-Gelände in Treppeln, etwa 10 Kilometer von Neuzelle entfernt. Am Eingang warnt ein Schild: „Zugang für Unbefugte verboten!“ Baustelle …

Um den Klosterneubau zu beginnen, musste das 75 Hektar große Grundstück begutachtet und vorbereitet werden. Anfangs halfen viele Freiwillige und leisteten ehrenamtlich über 2 000 Arbeitsstunden. „Auf Grund der Risiken, die mit so einem großen Abriss verbunden sind, sind jetzt die Profis am Werk. Insofern machen wir keine Einsätze mehr auf dem Kerngebiet, weil das zu gefährlich ist und es auch eine Haftungsfrage ist“, berichtet Pater Kilian Müller.

Abriss der Stasi-Hinterlassenschaften

Die Naturidylle wird jäh vom monotonen Motorgeräusch eines Abrissbaggers unterbrochen. Pater Kilian zeigt, was sich schon alles verändert hat: „Hier stand das Wachgebäude – nun ist es ein großer Trümmerhaufen. Da hinten war ein Hundezwinger, der ist auch schon eingerissen. Sind überall große Trümmerhaufen.“ Mit dem Abriss der ruinierten Stasi-Hinterlassenschaften sowie den enormen baulichen Herausforderungen ist gerade der Anfang für den Klosterneubau gemacht. Kilian Müller zeigt dann auf den Waldrand, wo bis vor kurzem noch drei Finnenhütten standen. „Die sind schon komplett entsorgt und es ist alles ringherum eingeebnet“

Offiziell sind die Mönche noch nicht Besitzer des Geländes. „Wir haben ein notarielles Kaufangebot von der Stiftung Stift Neuzelle. Im Grundbuch ist die Stiftung noch Eigentümerin dieses Grundstücks“.

40 Tonnen illegaler Müll entsorgt

Bisher wurden schon 40 Tonnen von illegal abgelagertem Müll entsorgt. Zudem steigen gerade durch die Inflation die Baupreise. Wann wollen die Mönche also hier einziehen? „Es bleibt eine große Vision, die in verschiedenen Phasen verwirklicht wird. Was in vier Jahren einigermaßen realistisch ist, wäre dann die erste Bauphase, also die Fertigstellung des zukünftigen Gästetraktes, der dann bezogen werden kann“. Konzipiert und entworfen hat die neue Klosteranlage die mexikanische Stararchitektin Tatiana Bilbao mit zwei weiteren Architekturbüros aus Europa. So wollen die Zisterzienser den zukünftigen Gästebereich mit Kapelle erst einmal für sich als Klausur nutzen. Hier könnten dann auch ersten Gäste des Klosters beherbergt werden, was aktuell auf dem historischen Gelände in Neuzelle nicht möglich ist. Dort wohnen die Ordensleute im ehemaligen Haus des katholischen Ortspfarrers. Es ist eine vorübergehende Mönchs-WG.

Aus evangelischer Familie

Der Mönch Kilian Müller arbeitete als einer der ersten an der Idee der Wiederbesiedlung des Klosters Neuzelle. Er ist seit 16 Jahren Zisterziensermönch und seit 2013 Priester. Von seinem Abt im Stift Heiligenkreuz in Österreich wurde er zum Ökonomen für Neuzelle ernannt. Seit über vier Jahren lebt der studierte Betriebswirt zusammen mit sechs Mitbrüdern im Osten Brandenburgs: nur wenige Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Hier beten die Mönche meist singend auf Latein bei den Stundengebeten wie Laudes, Non, Vesper oder Komplet über dreieinhalb Stunden täglich in der mit vielen weißen und goldenen Heiligenfiguren ausgeschmückten barocken Marienkirche.

Pater Kilian Müller kommt eigentlich aus einer evangelischen Familie in Hessen. Hier in Brandenburg, wo er noch vor seiner Konversion zum katholischen Glauben ein Zusatzstudium der Kulturwissenschaften an der Universität Viadrina in Frankfurt/Oder aufnahm, merkte der Zisterziensermönch schon schnell den mentalen Unterschied zum Leben rund um sein Mutterkloster in Österreich und dem Leben in der ostdeutschen Diaspora. „Ich bin 1976 in Mittelhessen geboren und bin auf eine katholische Schule gegangen – war aber evangelisch getauft. Aber ohne dass ich mit einem konkreten, praktizierten Glauben aufgewachsen bin. Man ist in der Kirche, aber das lief so nebenher“, sagte er im Interview für das Buchprojekt „Die Mönche kommen“ (Benno Verlag 2018).

Erschütternde Gottesbegegnung

Nach diversen beruflichen Stationen in Bamberg, Frankreich und Hamburg ging er in die Hauptstadt. Bei einem Berliner Priester besuchte er ein Seminar über die Zisterzienser. Ihr Glaube, ihre Ästhetik, ihre Architektur hätten ihn sehr beeindruckt. Nach einer Woche im Kloster Heiligenkreuz im Sommer 2006 lernte er die Benedikts-Regel kennen. „Am dritten Tag dann, ganz unerwartet, hatte ich das, was man wohl eine Gottesbegegnung, ein Christuserlebnis nennt. Völlig unerwartet und sehr erschütternd“, berichtet es der Ordensmann. Das hatte für sein Leben Konsequenzen: „Der alte Mensch, der nach Heiligenkreuz gekommen ist, hat das nur teilweise überlebt“. Er flog zurück nach Berlin, packte seine ganze Habe, die in einen Koffer passte und ging für immer ins Kloster.

In Neuzelle singen die Mönche bis heute jeden Tag ihre Gebete in der barocken Marienkirche. In Treppeln gab es gelegentlich schon Andachten und kleine Gottesdienste unter freiem Himmel. „Wir hatten vor wenigen Wochen einen bewegenden Gottesdienst mit der evangelischen Gemeinde. Insofern haben wir auch hier eine lebendige Ökumene. Aber das geht immer nur am Wochenende, weil die Arbeiten dann ruhen“, berichtet der Pater in seinem weiß-schwarzen Gewand.

Kulturgebäude mit Kino

In der Vergangenheit, noch bevor die Mönche Treppeln für sich endeckten, trafen sich hier gelegentlich einige Rechte und neue Nazis, wie SS-Runen und andere Schmierereien wie „Heil Hitler“ an den Wänden zeigten. Durch die Mönche scheint dieser Spuk vorbei zu sein. Einen extra Sicherheitsdienst wollen die Gottesdiener nicht engagieren. „Wir haben im Januar hier am höchsten Punkt ein großes Kreuz aufgestellt. Ich glaube schon, dass die Zufahrten zum neuen Kloster im Dorf wahrgenommen werden. Und dass jetzt hier ein anderer Geist herrscht.“

Zum Abschied des kleinen Rundgangs mit Pater Kilian auf der Baustelle des zukünftigen Zisterzienserklosters Maria Friedenshort zeigt uns der Mönch eine weitere Stasi-Hinterlassenschaft. „Hier standen 12 LKW-Garagen, die sind auch schon Vergangenheit. Da hinten gab´s eine Kegelbahn. Es war in der Stasi-Zeit ein Kulturgebäude mit Kino. Ich habe den Eindruck, dass sich die ganze Atmosphäre, der Raumeindruck auf dem Gelände sehr verändert hat. Man sieht, wie groß das auf einmal ist und dass hier mit uns eine neue Zeit beginnt“.

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