In fortgeschrittenen Jahren wird das Klassentreffen zur Mutprobe. Werden sie mich noch erkennen? Und wen erkenne ich noch? Wie soll man nach den grundverschiedenen Lebensläufen noch einmal anknüpfen an Erinnerungen, die so weit zurückliegen? Doch es lohnt sich, gegen jeden Zweifel hinzugehen. Die Begegnung mit denen, die wir zuletzt als Halbstarke und junge Frauen sahen und die nun als Senioren vor uns stehen, mit Glatzkopf, Bierbauch, gefärbten Haaren, als Junggebliebene und Vorgealterte, erschreckend unverändert oder nicht wiederzuerkennen – diese Begegnung hat zwar irritierende, in der Tiefe aber wohltuende, vielleicht sogar heilende Wirkung. Denn in den vom Leben gezeichneten und verwandelten Schulkameraden sehen wir deutlicher, was auch mit uns selbst geschehen ist: Wachstum, Verbrauch, Alterung, Verwundung, Krisen, Brüche, Selbstbehauptung. Das Klassentreffen ist ein psychologisches Spiegelkabinett. Man stolpert, man stößt sich hier und da den Kopf und kommt doch gut gelaunt wieder heraus.
„Manchmal, wenn mir alles zu viel wird, steige ich ins Auto, drehe die Fensterscheiben herunter, und dann, irgendwo zwischen dem Zurücksetzen aus der Einfahrt und dem Einbiegen in die erste Kurve, lasse ich einen Schrei los, der Manhattan zum Einsturz bringen könnte. Und wie beten Sie?“ (Margaret L. Mitchell)
Strahlung der Traumata
Carl Gustav Jung war der Meinung, dass das Unbewusste sich wortlos übertragen kann auf andere, dass es also förmlich eine Strahlung abgibt, und wenn etwa das Kind der Strahlung lange ausgesetzt ist, hat es viel von diesem Unbewussten geerbt, vor allem die traumatischen Erlebnisse und das auch dann, wenn sie nie angesprochen, sondern verschwiegen wurden. Das ist nachvollziehbar. Doch Jung geht gedanklich noch einen Schritt weiter: Könnte es sein, dass sich, sagen wir zwischen Vater und Sohn, sogar konkrete Erinnerungen an etwas Erlebtes übertragen, ohne dass jemals über sie gesprochen wurde? Dass also das Trauma des Vaters in der Seele des Sohnes wohnt wie selbst Erlebtes, wie eine eigene Erinnerung? Jung hielt es für denkbar. Ein unheimlicher Gedanke.
„Nichts vielleicht unterscheidet die modernen Massen so radikal von denen früherer Jahrhunderte wie der Verlust des Glaubens an ein Jüngstes Gericht. Die Schlimmsten haben die Angst verloren, die Besten haben die Hoffnung verloren.“ (Hannah Arendt, „Die Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“)
„Schon das Bedürfnis, mehrere Male am Tag Nachrichten aufzunehmen, ist ein Zeichen der Angst.“ (Ernst Jünger, „Der Waldgang“)
Jedes Tier, jede Pflanze ist Gottes Schöpfung und verdient Respekt. Aber was wäre befriedigender, als die Stechmücke eigenhändig zu erschlagen und sich mit einem prüfenden Blick aufs Zerquetschte zu vergewissern, dass sie auch tatsächlich tot ist? Aus manchen Widersprüchen finden wir nie heraus.
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