Westfälischer Karneval

Mario Engbers: In der Krise Frohsinn schenken

Münsters katholischer Karnevalsprinz Mario Engbers hofft auf die kommende Session 2022/23.
Karnevalsprinz wie aus dem Bilderbuch: Mario Engbers
Foto: Elise Riebel | Ein Karnevalsprinz wie aus dem Bilderbuch: Mario Engbers will nach den Absagen für diese Session eine Session dranhängen.

Seine Proklamation in „Münsters gute Stube“, dem prachtvollen Prinzipalmarkt, verlief noch ganz normal. Doch schon bald danach war alles anders: Mario Engbers, Münsters Karnevalsprinz, erlebt derzeit wie so viele seiner „Kollegen“ eine ungewöhnliche Session 2021/22. Das Besondere: Es war ausgerechnet er, der amtierende Prinz, der eine Absage aller Sitzungen und des Rosenmontagszugs vorgeschlagen hat: ein mutiger, selbstloser Schritt. „Das ist alles unglaublich traurig, aber ich bin bereit, eine Session dranzuhängen“, versichert der Prinz. Er sei mit dem Ziel angetreten, den Menschen Frohsinn und Freude zu schenken und werde das auch umsetzen. „Karneval ist bei weitem nicht nur Party und Saufen, sondern ein Kulturgut und ein Brauchtum, das an eine bestimmte Jahreszeit gekoppelt ist“, versichert er voller Überzeugung. „Ihn in den Sommer zu verlegen, wie hier und da angeregt wurde, ist völlig abwegig.“

Auswirkungen durch Lockdown

Der erste Lockdown im Frühjahrs 2020 kam für den 1969 geborenen Engbers, der auch Inhaber eines Gastronomie-und Catering-Services ist, völlig überraschend und hatte beruflich starke Auswirkungen auf ihn: Der Speicher 10 in Münsters Stadtteil Coerde, in dem er regelmäßig Veranstaltungen ausrichtet, musste von jetzt auf gleich stillgelegt werden, Engbers musste seine Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken, seine studentischen Aushilfen und die geringfügig Beschäftigten gerieten in eine existenziell bedrohliche Situation. „Als selbstständiger Unternehmer musste ich vor allem für die nötige Liquidität im Unternehmen sorgen“, unterstreicht der erfahrene Geschäftsmann. Im letzten August sei er mit seinem Unternehmen gut aus den Sommerferien gestartet und habe im September, Oktober, November sowie Anfang Dezember durch Tagungen, Kongresse und Firmenfeiern noch gut zu tun gehabt, bis der letzte große Event, eine Tanzveranstaltung im Speicher 10, wegen der neuen staatlichen Bestimmungen vor Weihnachten abgesagt werden musste. „Aktuell bin ich mit meinem Gastronomie- und Catering-Service in derselben Situation wie im vorigen Winter und habe erneut Kurzarbeit beantragt“, berichtet Engbers mit resigniertem Unterton. „Ich gehe davon aus, dass wir durch die Omikron-Variante bis in den März hinein kein normales Geschäft haben werden.“ Allerdings hat der 52-jährige vom Land Nordrhein-Westfalen finanzielle Unterstützung bekommen, was – im Gegensatz zu vergleichbaren Unternehmen - insgesamt auch gut geklappt hat.

Böse Geister

Im Hinblick auf Karneval war es für den eingefleischten Karnevalisten, der auch Vizepräsident der Karnevalsgesellschaft „Böse Geister“ ist, natürlich ein Schock, dass der erste große Corona-Ausbruch auf einer Karnevalssitzung in Gangelt geschah. In Münster aber war die Session 2019/20 noch glatt über die Bühne gegangen.

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Als dann aber die Feiern zum Auftakt der Session 2020/21 rund um den 11.11. abgesagt werden mussten, war Engbers sehr traurig. Bis auf eine virtuelle Sitzung der „Bösen Geister“ fiel am Ende die ganze Session ins Wasser, und selbst der Rosenmontagszug konnte nur in einer Miniaturausgabe und digital stattfinden. Jede Karnevalsgesellschaft – und natürlich auch die „Bösen Geister“ – war mit einem Mini-Wagen bei diesem ungewöhnlichen Umzug vertreten. „Unter dem Strich war das die traurigste Session, die ich bis dahin erlebt hatte“, bekennt „Super-Mario“. Bereits 2017, als er „Obergeist“ wurde, war ihm der Gedanke gekommen, er könne auch einmal Prinz werden. „Zwischen den Gesellschaften gibt es da ja einen gesunden Wettbewerb, und wir ,Bösen Geister? waren lange nicht mehr dran“, erläutert der Karnevals-Profi. 2018 wurden in dieser Richtung schon erste Gespräche geführt, und im März 2020 – wenige Tage nach Beginn des ersten Lockdowns – erhielt er einen Anruf vom Generalprinzmarschall der Prinzengarde, der ihm das hohe Amt antrug. Eine endgültige Entscheidung fiel damals allerdings noch nicht, weil nicht abzusehen war, wie Corona sich entwickeln und geschäftlich auf Engbers? Firma auswirken würde. 2021 jedoch war dann alles klar, die Lage zunächst etwas entspannter, und der Auftakt der Session, die Prinzenproklamation auf dem Prinzipalmarkt, ging fast normal über die Bühne. Schon wenige Tage später, bei der von den „Bösen Geistern“ veranstalteten Prinzennacht, wendete allerdings sich das Blatt. 180 Karten waren verkauft, aber ein, zwei Tage vorher hagelte es Absagen.

„Mir schwante schon, in welche Situation wir hineingeraten waren“, erklärt Engbers. Wegen des Risikos, sich mit dem Corona-Virus anzustecken, wurden alle Veranstaltungen auf 2Gplus als Zugangsvoraussetzung umgestellt; die geplante Ehren- und Obergeistertaufe wurde vom ersten Advent auf den 23. Januar verschoben. „Wir sind noch mit dem Gedanken in den Advent gegangen, dass wir im Januar richtig durchstarten wollen“, berichtet der Prinz. Auch hätten damals viele unter Münsters Karnevalisten gemeint, man könne noch Mitte Januar überlegen, ob man den Rosenmontagszug absagen solle.

Kein Sitzungskarneval

Sobald aber Ende November/Anfang Dezember immer intensiver über die neue Omikron-Variante diskutiert wurde, dämmerte es dem Prinzen, dass man definitiv keine normale Session würde erleben können, dürfen und wollen. „Mir fehlte die Phantasie, mir vorzustellen, wie man mit der Hälfte der Eintrittsgelder ein attraktives Programm für eine Karnevalssitzung zusammenstellen will“, führt er aus. „Und ich hatte auch keine Idee, wie man 100 000 Menschen beim Rosenmontagszug corona-konform unter Kontrolle behalten will.“ Auch sei ihm immer klarer geworden, dass die Ehrenamtlichen und die Elferräte schon bald anfangen müssten, den Rosenmontagszug vorzubereiten. „Angesichts dessen war ich der Meinung: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Ich habe keine Lust, sehenden Auges in die Katastrophe zu rennen.“ Kein Sitzungskarneval herkömmlicher Art, sondern nur in stark reduzierter Form – das würde die Gesellschaften nämlich in finanzielle Probleme stürzen. So kam es am Ende zu seinem ungewöhnlichen Vorschlag, und noch vor Weihnachten wurde daraufhin beim Präsidentenstammtisch beschlossen, den Rosenmontagszug abzusagen. Engbers ist zwar klar, dass die kommende Session 2022/23 auch unter Vorbehalt steht, aber er hofft darauf, dass demnächst eine allgemeine Impfpflicht eingeführt und im Herbst 2022 die Herdenimmunität auf Bundesebene erreicht sein wird. Auch könne man zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen, etwa durch entsprechendes Testen, ergreifen. „Irgendwann muss auch einmal unser normales Leben weitergehen“, betont er.

Hat der Glaube des Katholiken, der unter anderem Messdiener, Gruppenleiter in der Jugendarbeit und Lektor im Gottesdienst war, sich durch Corona verändert? „Nein, der ist stark und fest und in der Krise gleich geblieben“, versichert Engbers.

 

 

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