Geschichte

Kirche des heiligen Gregor in Neapel: Zeugin einer vergangenen Zeit

Die Kirche des heiligen Gregor in Neapel: Freude, Glanz und Mahnung.
San Gregorio Armeno - Innenansicht
Foto: P. Lange | San Gregorio Armeno: Die atemberaubende Innenansicht mit den Sänger- und Orgelemporen.

Die Via San Gregorio Armeno in Neapel wird auch Gasse der Krippen und Schäfer genannt. Denn das ganze Jahr lang werden dort Weihnachtskrippen angeboten, die von den heiligen drei Königen – hier sind es freilich Zauberer, kenntlich an den gewaltigen Turbanen – sowie von Hirten und ihren Herden umringt werden. Da drängen mit neapolitanischer Sinnenfreude Fidelspieler und Dudelsackpfeifer aus Holz, Terrakotta oder Kunstharz zur Krippe, während Hirten das Jesuskind mit Käselaiben und Bändern aus prallen Würsten, mit gefüllten Botas, den Weinschläuchen der Spanierzeit, mit tropfenden Mozzarellakugeln oder mit einem Bündel Knoblauch beschenken. Manchen Figuren wurde ein Motor eingebaut, sodass sie fortwährend aus Weinflaschen trinken, Pizzen in den Ofen schieben oder Esel prügeln können. Das alles ist meist ebenso sorgfältig bekleidet – einige tragen sogar die derzeit gebräuchlichen Schutzmasken – und so hübsch bemalt wie die daneben gestellten Zuschauer: Prominente aller Art, darunter gescheiterte Politiker zum halben Preis, Schauspieler, Fußballer, Schlagersänger und selbst Päpste, die nicht selten den Hang von Verkäufern und Kunden zum Herkömmlichen verraten.

Terrakottafiguren und Cornetti

Die teuersten dieser spannenlangen Terrakottafiguren sind nämlich neben Elvis, Toto und Sophia Loren oder Gina Lollobrigida gewöhnlich Giovanni Paolo und Benedetto, der die Gruppe bisweilen in roten Schuhen und mit dem Camauro auf dem Kopf segnet. Dazwischen liegen, kleinen Paprikaschoten gleichend, die Cornetti, keine gebackenen Hörnchen, sondern verschämte Erinnerungen an die Fruchtbarkeit versprechenden Phalli früherer Zeiten, und natürlich mischt sich überall Pulcinella ein – der rüde, geliebte Spaßvogel mit schwarzer Maske, Habichtsnase und einem mächtigen Buckel: der einzige irdische neben den einundfünfzig Stadtheiligen Neapels. Pulcinella, lebensgierig, verschlagen, gefräßig, wollüstig, ist der Gebieter über eine farbenfreudige, lasterhafte Gegenwelt voller Sonne und lüstern flatternder Bettwäsche, der Welt der Mandolinen und Canzonieri, dunkler Reben und des rauchenden Vesuvs – des Neapels von gestern.

Die klösterliche Stille als Wohltat

Einer längst vergangenen Zeit gehört auch die Kirche an, die der Straße den Namen gab: San Gregorio Armeno. Schon zuvor, am Vico Giuseppe Maffei, führt eine Treppe zum Kreuzgang des Klosters hinauf. Die Stille unter Zitronenbäumen und hinter hohen Mauern ist nach den vielen Begegnungen mit lärmenden Musikanten, Straßensängern und Händlern eine Wohltat. Sie kostet freilich Eintrittsgeld, seit die Nonnen viele Jahre lang vergeblich darum baten, Besucher sollten Respekt bekunden, im Kreuzgang möglichst schweigen und nicht rauchen. Diese Nonnen gehören zur weiblichen Ordensgemeinschaft der Gekreuzigten Schwestern, Anbeterinnen der Eucharistie (Congregationem Sororum Crucifixarum Adorantium Eucharistiam), einer sehr lebendigen Gemeinschaft: Man sieht die Schwestern zum Beispiel nicht allein bei der Betreuung von Obdachlosen, bei Wohltätigkeitsveranstaltungen oder während der Prozessionen zu Ehren des Stadtheiligen San Gennaro, sondern ebenso unbefangen an den Ständen der Eisverkäufer oder am Ausschank einer Kaffeestube in der Altstadt. Viele von ihnen stammen von den Philippinen und haben unvergleichbar mehr Elend gesehen als jenes, das sie in Neapel erwartet. Ihre Fürsorge gilt nun vornehmlich der Erziehung und Lehre von Waisenmädchen sowie den Bedürfnissen von Menschen, die an den Rand der Gesellschaft geratenen sind. Letztere dürfen in der Halle vor dem Jakobsbrunnen, an dem ein marmorner Christus der Samariterin begegnet, immer auf Zuspruch und eine Mahlzeit hoffen.

Im 16. Jahrhundert neu errichtet

Der Zugang vom Kreuzgang zum Nonnenchor ist verschlossen – wer die Kirche sehen will, erreicht sie nur von der Via San Gregorio Armeno her. Gemeint ist mit diesem Gregor keiner der gleichnamigen Päpste, sondern der Heilige mit dem Beinamen der Erleuchter, mit dem die christliche Geschichte Armeniens begann . Der Legende nach sind seine Gebeine zur Zeit des Bildersturmstreits im 8. Jahrhundert von griechischen Nonnen aus Konstantinopel nach Neapel gebracht worden. Ihr Kloster entstand genau dort, wo griechische Siedler vor zweieinhalbtausend Jahren ein Heiligtum der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter gründeten. Für die heutige Kirche ist dieser Teil der Baugeschichte weniger bedeutend, weil sie im 16. Jahrhundert gänzlich neu errichtet wurde.

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Damals schufen Baumeister, Marmor verarbeitende Dekorationskünstler, Stukkateure, Holzschnitzer, Kunstschmiede, Vergolder, Orgelbauer und bildende Künstler bis in das 18. Jahrhundert hinein eine der schönsten Barockkirchen Neapels, von der jemand schrieb, sie gleiche einer „stanza di paradiso in terra”. Manchem, der noch keine katholischen Kirchen jener Zeit sah, mag der Anblick den Atem verschlagen oder gar bedrückend erscheinen. Vermutlich wird sein Blick zuerst auf die Gemälde, die Marienglorie, die Säulen und die vielfarbigen Marmorintarsien am Hochaltar fallen, bevor er die gewaltigen Sänger- und Orgelemporen mit ihrem reichen Schnitzwerk aus vergoldetem Nussbaumholz näher besieht. Die Orgelpfeifen stehen freilich grau und stumm, ihre Stimme hat ein kleineres Instrument in der Apsis übernommen.

Zuflucht für die Reliquien der Heiligen Patricia

Auch hier schmerzt, wie in nahezu allen Kirchen Neapels, der Zustand der Orgeln – der einzigen Musikinstrumente, deren Spiel imstande ist, Himmel und Erde miteinander zu verbinden. Dennoch ahnt der Betrachter, wie einst Gold und Silber im Licht der Kerzen und Öllampen funkelten, wie mit Weihrauchschwaden Orgelklänge himmelwärts schwebten – oder jedenfalls bis zum vergoldeten Schnitzwerk der Decke, an der üppig gezierte hölzerne Ovale Leinwandbilder umrahmen. Darunter umläuft ein von dem bedeutenden Barockmaler Luca Giordano geschaffener Freskenzyklus mit Szenen aus dem Leben San Gregorios und des heiligen Benedikt die Wände. Auch diese Fresken verblassen gleich den Gemälden an der Eingangswand unter dem Nonnenchor, auf denen Giordano unter anderem die Ankunft der griechischen Nonnen mit Gregors Reliquien darstellte. Sehenswert sind ebenso die Skulpturen und erlesenen Gemälde in den Seitenkapellen, und wenn jemandem die Zeit dafür fehlt, sollte er wenigstens noch die fünfte zur Rechten besehen: Darin steht, aus Gold und Silber gefertigt, ein Reliquienschrein mit sterblichen Überresten der heiligen Patricia (Santa Patrizia). Es ist, seit der Zerstörung der Kirche San Sebastiano durch amerikanische Bomben, bereits die dritte Zuflucht für ihre Reliquien. Das in einem silbernen Reliquiarium aufbewahrte geronnene Blut der Heiligen verflüssigt sich in jedem Jahr am 25. August, ihrem Gedenktag, während eine Nonne das Behältnis umherzeigt. Neben den Festtagen San Gennaros (Sankt Januarius) im Dom, an denen etwas Ähnliches geschieht, ist dies das zweite Blutwunder in der Stadt, und San Gregorio, dessen Schädel dann in der Kirche ausgestellt wird, schaut zu.

Mahnmal des Völkermordes an den Armeniern

An solch einem Tag müssen die Gläubigen, die noch dichter herbeidrängen als jene im Dom, bisweilen von Ordnern beruhigt werden. Denn zum einen wird Santa Patrizia als Schutzbefohlene aller unverheirateten Frauen verehrt, zum anderen verbindet ihre Legende sie mit der Geschichte der Stadt – sie soll, wie einst die Sirene Parthenope, deren Namen Neapel ursprünglich trug, im Meer vor dem Castel dell'Ovo ertrunken sein.

Wer sich an das Halbdunkel gewöhnt hat und nun hinausgeht, der wird im Eingangsgewölbe ein mit einem Kreuz und fremdartigen Verzierungen versehenes Mahnmal bemerken. Es ist ein sogenanntes blühendes Kreuz, wie es in Armenien viele Gedenksteine und auch die Altartücher abbilden. Das Mahnmal steht dort seit 2015, seit dem hundertsten Jahrestag des von der türkischen Regierung noch immer geleugneten Völkermordes an den Armeniern. Mancher mag denken, es sei nach hundert Jahren nicht mehr notwendig, deshalb neue Denkmäler in alten Kirchen aufzustellen. Doch es steht hier schon richtig, in der Kirche des Erleuchters, dessen „Kreuzsteine“ vor zwei Jahren wiederum zerschlagen wurden, als Aserbaidschan mit türkischer Unterstützung Krieg gegen das christliche Armenien führte.

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