Wendell Berry hätte vermutlich etwas dagegen gehabt, „Umweltaktivist“ genannt zu werden. Nicht, weil er die Umwelt nicht verteidigt hätte. Er tat es ein Leben lang mit großer Konsequenz. Aber das Wort „Umwelt“ setzt bereits jene Trennung voraus, gegen die Berry anschrieb: hier der Mensch, dort die Welt, die ihn umgibt. Für Berry gab es diese Trennung so nicht. Es gibt vielmehr Erde und Mensch, Acker und Familie, Arbeit und Gebet, die Lebenden und die Toten – jeweils in Gemeinschaft.
Am 31. August ist Wendell Berry mit 92 Jahren in seinem Haus in Port Royal im US-Bundesstaat Kentucky gestorben. Dort, in Henry County, hatten seine Vorfahren seit Generationen gelebt und Landwirtschaft betrieben. Berry war an diesen provinziellen Ort zurückgekehrt, obwohl ihm der typische großstädtische Karriereweg – Universität, New York, Literaturbetrieb – offengestanden hatte.
Nach einem Studium an der University of Kentucky führte ihn ein Stipendium nach Stanford, wo er bei dem Schriftsteller und Creative-Writing-Pionier Wallace Stegner studierte. Er lehrte später unter anderem in New York und an der University of Kentucky. Doch in den sechziger Jahren kehrte er nach Kentucky zurück. Er kaufte ein Stück Land in der Nähe von Port Royal, bewirtschaftete es mit seiner Frau Tanya – und blieb. Dieses Bleiben wurde zum Zentrum seines Werkes.
Eigentlich schrieb er über Menschen
Mehr als fünfzig Bücher sollten entstehen: Gedichte, Romane, Erzählungen und Essays. Sein 1977 erschienenes „The Unsettling of America“ (ein Wortspiel mit der Zweideutigkeit von „unsettling“, das „Entsiedlung“ oder auch „Verunsicherung“ bedeuten kann) wurde zu einem Klassiker der amerikanischen Agrarkritik. In der industrialisierten Landwirtschaft erkannte Berry das Symptom einer Zivilisation, die den Boden nicht mehr als anvertrautes Gut, sondern als Produktionsmittel betrachtet, den Bauern zum austauschbaren Funktionär und Nahrung zur Ware macht und damit tief im modernen Verständnis verwurzelt ist, Herrscher über die Natur und nicht ihr Diener zu sein. Berry war überzeugt: Wo die Beziehung zwischen Mensch und Erde zerstört wird, da verarmt nicht nur der Boden, sondern auch die Kultur, die auf ihm gewachsen ist. Romane wie „Jayber Crow“ und „Hannah Coulter“ bevölkerten das fiktive Port William mit Bauern, Handwerkern, Ehefrauen, Sonderlingen, Sündern und Heiligen. Und in seinen „Sabbath Poems“ wurde die Landschaft Kentuckys beinahe zum liturgischen Raum.
Berry schrieb über Landwirtschaft, aber eigentlich schrieb er über den Menschen. Man konnte ihn als Ökologen lesen, als linken Kapitalismuskritiker, als christlichen Agrarier, als Pazifisten, als Konservativen oder als amerikanischen Exzentriker. Er war von allem etwas und nichts davon ganz. Gegen den Vietnamkrieg protestierte er ebenso wie gegen Atomkraft und die Verwüstung der Berge Kentuckys durch den Kohleabbau. Barack Obama verlieh ihm die National Humanities Medal. Gleichzeitig verteidigte Berry Tradition, Familie, lokale Gemeinschaft, überlieferte Kultur und jene Bindungen, die der moderne Mensch gewöhnlich für Einschränkungen seiner Freiheit hält. Seine Argumente für eine klassische Bildung hallen heute noch durch die Flure und Klassenzimmer privater Institutionen, die sich der Verteidigung eben jener Bildung verschrieben haben.
Berühmt wurde auch Berrys Essay „Why I Am Not Going to Buy a Computer“. Berry schrieb seine Texte mit Bleistift auf Papier; seine Frau tippte sie auf einer Schreibmaschine ab. Dies war keine exzentrische Pose eines verschrobenen Maschinenstürmers, sondern Konsequenz: Berry wollte schlicht nicht gegen die technisierte Zivilisation anschreiben und sich zugleich bei jedem Satz von ihr abhängig machen. Angesichts der jüngsten Fortschritte der „Künstlichen Intelligenz“, die dem Menschen zunehmend auch das Schreiben, Denken und Erinnern abnimmt, lässt sich mit Berry die Erkenntnis gewinnen, dass technische Mittel niemals neutral sind. Die Werkzeuge, die der Mensch benutzt, verändern ihn.
Berry war Baptist, allerdings ein unbequemer
Ähnliches gilt für die Sprache. In seinem Essay „In Defense of Literacy“ wandte sich Berry gegen eine Bildung, die Literatur zu einer schmückenden Dreingabe erklärt, sobald der Mensch seine eigentliche Aufgabe erfüllt hat, die darin besteht, ein effizienter Produzent und Konsument zu werden. Für Berry war Sprachfähigkeit keine Verzierung des gebildeten Menschen. Wer nicht mehr präzise sprechen kann, kann schließlich auch die Wirklichkeit nicht mehr präzise wahrnehmen. Und wer keine Worte mehr besitzt, um die Welt wahrheitsgemäß zu beschreiben, wird bald die Worte anderer übernehmen – die Sprache der Werbung, der Bürokratie, der Propaganda.
Berry war Baptist, allerdings ein unbequemer. Er stand seiner eigenen religiösen Herkunft genauso misstrauisch gegenüber wie deren Gegnern. Er bezeichnete sich zeitweise als „marginal Christian“ (Randchrist) oder „forest Christian“ (Waldchrist). Mit der in Amerika oft verbreiteten Verschmelzung von Christentum, Parteipolitik und nationalem Sendungsbewusstsein konnte er wenig anfangen. Dennoch durchzieht die Beschäftigung mit der Bibel sein Werk, wobei vor allem der Gedanke, dass die Schöpfung eine Gabe ist, leitmotivartig bei ihm auftaucht. Dieses Schöpfungsverständnis mündet im Lob einer besonderen Tugend: der Treue, oder genauer: der Treue zum Ehepartner, zur Familie, zum Nachbarn, zum Boden, zu den Toten, zu einem Ort.
Der modernen Ortlosigkeit und Austauschbarkeit setzte Berry radikal einfache Wahrheiten entgegen: Der Mensch ist ein Geschöpf, verortet in der Schöpfung. Er braucht Erde unter den Füßen. Er braucht andere Menschen. Er braucht Grenzen. Er braucht Erinnerung. Kurz gesagt: Er braucht etwas, das er nicht selbst gemacht hat.
Der Autor ist promovierter Philosoph. Er unterrichtet am „Blackfriars Studium“ der Dominikaner in Oxford.
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