Thomas Mann lässt den Roman mit dem Titel „Doktor Faustus“ am 27. Mai 1943 einsetzen, am selben Tag, an dem er die Arbeit daran aufnahm. Erzählt wird die Geschichte des genialen Musikers Adrian Leverkühn durch seinen Jugendfreund, den Studienrat Dr. phil. Serenus Zeitblom, der seinen Lehrberuf aufgegeben hat, weil er insbesondere „in der Judenfrage“ den Herrschenden „niemals voll habe zustimmen können“. Es ergeben sich so zwei Zeitebenen: das Leben des 1885 geborenen und drei Jahre vor Einsetzen des Berichts verstorbenen Leverkühn und die Selbstreflexionen und Erlebnisse des Erzählers im Deutschland der Kriegszeit, dem bei der Niederschrift die Hand zittert, während die Fenster bei einem Bombenangriff beben.
Schon früh zeigt sich bei Leverkühn eine außerordentliche Begabung. Der Hauslehrer, der ihn auf dem elterlichen Hofgut Buchel unterrichtet, veranlasst den Übertritt des Zehnjährigen, dem er nichts mehr beibringen könne, auf das Gymnasium des fiktiven altdeutschen, lutherisch geprägten Städtchens Kaisersaschern an der Saale, wo der Junge vom Onkel, einem Musikinstrumentenhändler, beherbergt wird. Der Erzähler, mit Leverkühn schon seit Wochenendbesuchen der Eltern auf dem Hofgut eng befreundet, geht auf dasselbe Gymnasium und verfolgt seinen weiteren Weg aus nächster Nähe. Mühelos erfasst der Primus den Lehrstoff. Die besondere Begabung für Musik zeigt sich aber erst, als der Vierzehnjährige beginnt, an einem Harmonium im Haus des Onkels selbständig die Welt der Töne zu entdecken und bald experimentierend ohne Notenkenntnis ihre Rhythmen und Harmonien zu verstehen. Der Onkel sieht das Potenzial des Neffen und lässt ihm durch den Domorganisten Wendell Kretzschmar Musikunterricht erteilen. Der stotternde Musikenthusiast und Komponist ist genau der Richtige, um Leverkühns Anlagen zur Perfektion zu entwickeln. Bald ist sein Schüler so vertraut mit der Harmonielehre, dass er den doppelten Kontrapunkt selbst neu erfindet. Er meistert bereits kleine Kompositionsaufgaben und taucht nach den Worten seines Freundes, des Erzählers, ein in eine „Sturzwelle musikalischen Erlebens“.
Zur großen Überraschung aller und zur Enttäuschung Kretzschmars wählt er nach dem Abitur nicht die Musik, sondern die Theologie als Studienfach. Er ahnt, wohin ihn der Rausch der Musik führen könnte. Mit Theologie wollte er sich disziplinieren, den Dünkel seiner Kälte bestrafen, bekennt er später in einem Brief an Kretzschmar. Sein Freund hatte in dieser Kälte früh das „Unzukömmliche“ gesehen, das um ihn schon immer war: Unnahbarkeit und Lieblosigkeit, begleitet von einem spöttischen Auflachen, wo eher Mitleid oder Verstörung angebracht wäre. Dieser Wesenszug der Kälte und des sich abwendenden Lachens ist durchgängig mit seiner Figur verbunden und kennzeichnet das Dämonische in ihm. Sein Genie ist davon kontaminiert, wie jedes Genie nach dem Erzähler auch mit dem „unteren Reich“ in Verbindung steht.
Das Teuflische nähert sich
An der Universität Halle trifft Leverkühn wieder mit seinem Freund Zeitblom zusammen, der dort Altphilologie studiert. Doch bereits 1905, nach zwei Jahren Theologie, meldet sich die alte Passion erneut mächtig an, und gedrängt durch seinen ehemaligen Mentor wendet er sich wieder der Musik zu. Ende des Jahres folgt er Kretzschmar nach Leipzig, der dort eine Stelle an einem Privatkonservatorium erhalten hat. Von diesem angeleitet, beginnt sein Schaffenstaumel. Zugleich nähert sich das Teuflische, angezogen von dem Dämonischen, das in ihm selbst ist. Ein Dienstmann, der ihm die Stadt zeigt, führt ihn nicht seinem Wunsch gemäß in ein Gasthaus, sondern in ein Bordell, wo er sich plötzlich von aufgeputzten „Nymphen“ umgeben sieht. Eine Szene, die einem Schlüsselerlebnis von Nietzsche nachgestaltet ist. Der Verwirrte rettet sich vor zudringlichen Blicken an ein Klavier, wo er einige Akkorde anschlägt, während „eine Bräunliche, in spanischem Jäckchen“ sich neben ihn stellt und ihm die Wange streichelt, wonach er aus dem Etablissement flüchtet.
Der teuflische Dienstmann ähnelt einer anderen zwielichtigen Figur, einem Dozenten mit dem sprechenden Namen Eberhard Schleppfuß, dessen Theologie bevorzugt in die Dämonologie hinüberspielte. In Halle hatte Leverkühn in dessen Kolleg von ihm gehört, dass „auch das Laster nicht aus sich selbst bestand, sondern seine Lust aus der Besudelung der Tugend zog“. Damit war vorausgesagt, was nun in Leverkühn vorgeht. Die Berührung seiner Wange durch „die Bräunliche“, die er Esmeralda nennt, lässt ihn nicht los. Er kehrt zurück in das Etablissement, und als er sie dort nicht mehr vorfindet, reist er ihr bis Preßburg nach, getrieben von dem Verlangen nach „dämonischer Empfängnis“, einer Liebe, die eher Fixierung ist, wo „Liebe und Gift“ zur furchtbaren Einheit werden. Er gibt diesem Verlangen nach, obwohl sie ihn vor ihrer Krankheit warnt, der Syphilis, von der er fortan gezeichnet ist. Wie bei Nietzsche wird für ihn „Kranksein sogar ein energetisches Stimulans zum Leben, zum Mehrleben“ (Ecce Homo). Die „Nymphe“ Esmeralda sieht er nicht wieder, aber sein nun entstehendes Werk durchzieht als Chiffre die Klangfolge h e a e es, die für Hetaera esmeralda steht.
Der Teufelspakt
Als Zeitblom nach Ende seiner Militärzeit den Freund in Leipzig besucht, findet er ihn verändert vor, mit einem Blick „von kalter Traurigkeit“, von Einsamkeit umhüllt. Er führt ein zurückgezogenes Leben, getrieben von der alles unterordnenden Hybris, das Außerordentliche schaffen zu können, das er dann in der Zwölftonmusik entdecken wird, eine Anleihe Manns bei Schönberg, die er wie etliche andere Elemente, vor allem auch die Musiktheorie Adornos, seinem Roman „aufmontierte“.
In seinem Zimmer in München, wo Leverkühn ab Ende 1910 wohnt, fühlt er sich bald gestört. Ab 1911 dann bietet ihm das italienische Bergdorf Palestrina die Weltflucht, die er sucht. Mit dem Übersetzer Rüdiger Schildknapp verbringt er dort die Sommermonate. Im steinernen Wohnsaal des palazzoartigen Gebäudes, fünf Jahre nach seiner dämonischen Initiation in Preßburg, sieht er schließlich den Teufel selbst, der nun sein Recht einfordern will. Der Erzähler lässt Leverkühn das Ereignis berichten, indem er eine „geheime Aufzeichnung“ aus dem Nachlass des Freundes zitiert: Leverkühn hatte den ganzen Tag mit „Hauptweh im Dunkeln gelegen“ und war allein im Haus geblieben. Vom Besuch des Fremden, den er plötzlich mit übergeschlagenem Bein auf dem Sofa sitzen sieht, ist er nicht überrascht, hatte ihn geradezu erwartet. Das, was seit Preßburg dämonisch in ihm rumort, ist nun in Gestalt eines etwas heruntergekommenen Zuhälters mit der Aussprache eines Schauspielers ihm gegenüber.
Leverkühn ist klar, wen er vor sich hat, wehrt sich aber dagegen, dem Teufel reale Existenz zuzuschreiben. Schneidende Kälte geht von dem Diabolus aus, sodass Leverkühn sich seinen Wintermantel holt und in ein Reiseplaid hüllt. Die Maskerade des Zuhälters ist kein Zufall, denn schnell wird deutlich, dass der Böse selbst ihn ins Bordell geführt hat. Die Falle sei ihm damit gestellt gewesen, die Infektion mit der Franzosenkrankheit habe er aber selbst bewusst herbeigeführt, denn deren bevorzugte Region sei das Gehirn, wo sie zu Höchststeigerungen befähige, nach der es ihn unbedingt verlangt habe. Der Preis allerdings sei Leiden und früher Tod. Der Sand rinne bereits im Stundenglas. Seine Seele habe er schon verschrieben, aber er könne Zeit kaufen, Zeit erfüllt von einer unglaublichen „Enthobenheit und Entfesselung“, einer Bewunderung für sein Werk und Selbstverehrung, sodass er sich wie ein „göttliches Untier“ fühle, ein „aufmontiertes“ Wort aus dem Munde Nietzsches.
In die Gestalt eines bebrillten „Intelligenzlers“ verwandelt, doziert der Teufel sodann versiert über die Schwierigkeiten des Komponierens und die Sackgasse, in der Leverkühns Werk stecke. Mit seiner Hilfe werde er einen Weg daraus finden und Außerordentliches schaffen. Der erneut sein Aussehen verändernde Teufel gibt sich nun wie ein Theologe, der dem Dozenten Schleppfuß gleicht und seine Frage zu dem, was ihn in der Hölle erwarten wird, beantwortet. „Sie ist im Grunde nur eine Fortsetzung des extravaganten Daseins“, eines Daseins der Extreme, ist die Antwort, womit sich Leverkühn durchaus einverstanden erklärt. Wieder zurück in die Gestalt des Zuhälters verlangt der Teufel die Ratifizierung des Paktes mit ihm. Vierundzwanzig Jahre einer genialen Zeit, gesteigert „bis zur helllichten Verzückung“, seien ihm geschenkt, zum Preis des vollkommenen Verzichts auf Liebe.
Geschüttelt vom Ekel erwacht Leverkühn aus der Halluzination und sieht sich dem zurückgekehrten Schildknapp gegenüber, der nun auf dem Sofa sitzt. Wintermantel und Plaid sind am alten Platz, denn er hat mit dem Teufel in sich selbst gesprochen, dessen Kälte war seine eigene. Keinerlei Zerknirschung folgt für ihn daraus. Der Teufelspakt ist vielmehr die Selbstverschreibung an eine hemmungslose Hybris. Das Ende nach der Präsentation seines letzten, zwölftönigen Werks ist erwartbar: paralytischer Schock und Dämmerzustand bis zum Tod.
Des Deutschen Seele
Das Scheitern Leverkühns an seiner Hybris, die ihn in Lebenskälte, Einsamkeit und Wahnsinn führt, ist für sich eindrücklich genug. Manns Plan, zugleich ein dämonisches Erbe aufzuspüren, das die Deutschen in die Barbarei geführt habe, realisiert er mit Andeutungen, wie der einer „latenten seelischen Epidemie“ der altdeutsch, lutherisch geprägten Stadt Kaisersaschern. Der Nationalismus des lutherischen Protestantismus kommt damit unter Verdacht. Und des Teufels eigene Analyse, dass er der wahre Herr des Enthusiasmus sei, Gott dagegen das hemmende Rationale, wiederum verdächtigt Strömungen, die sich als Gegenbewegung gegen einen einseitigen Rationalismus verstanden. In einem Essay von 1947 über Nietzsche identifiziert Mann als Ursache des Schreckens, den Deutschland über die Welt gebracht hat, „die romantische Leidenschaft, den Drang zur ewigen Ich-Entfaltung ins Grenzenlose ohne festen Gegenstand, den Willen, der frei ist, weil er kein Ziel hat und ins Unendliche geht“. Nun gibt es lutherisch geprägte Länder, die keinen vergleichbaren Schrecken verbreitet haben, wie Klaus Happrecht richtig bemerkt. Die romantische Seele, die bei Eichendorff ihre Flügel weit ausspannte, beseelte gewiss nicht die Schinder der KZs.
Der Verfasser ist promovierter Erziehungswissenschaftler. Er arbeitet als freier Autor und Übersetzer.
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