Braun-weiße Schilder in der irischen Hafenstadt Galway weisen den Weg zur „Spanish Armada Gravesite“, was sich als „Begräbnisstätte Spanische Armada“ übersetzen lässt. Unter dem Schriftzug prangt das Bild eines stolzen Dreimasters mit zwei riesigen Kreuzen auf den Segeln. Damit sind die Erinnerungen entfacht an den Sommer des Jahres 1588, als Spaniens König Philipp II. eine Flotte gegen England entsandte, seinerzeit ein Dauerrivale um die Macht. Die Mission: das protestantische England erobern, dessen Weltreich schwächen, Königin Elisabeth I. stürzen und den Katholizismus verteidigen.
Die Armada bestand aus 130 Kriegsschiffen und zahlreichen Hilfsfahrzeugen. Sie war ausgerüstet mit etwa 2 500 Kanonen und „22 000 Mann Invasionstruppen, darunter sogar katholische Briten und protestantische Niederländer und Hanseaten“, so die Historiker Walther L. Bernecker und Horst Pietschmann in ihrem Standardwerk „Geschichte Spaniens“. Die von Alonso Pérez de Guzmán, dem Herzog von Medina Sidonia, kommandierte Armada sollte zunächst nach Flandern segeln. Dort sollte sie stationierte Truppen mit rund 30 000 weiteren Soldaten aufnehmen und nach England schaffen. Unterwegs im Ärmelkanal stieß die spanische auf die englische Flotte.
Eine blutige Konfrontation
Es kam zur blutigen Konfrontation. Historisch belegt sind die Kanalschlachten zwischen dem 31. Juli und dem 8. August 1588. Rasch stellte sich heraus: Die englischen Schiffe waren wesentlich schneller und beweglicher und besaßen bessere Kanonen, die aus größerer Distanz feuern konnten. Spaniens Strategie, die auf Nahkampf und Entertaktik abzielte, ging bei den Gefechten nicht auf. Der spanische Oberbefehlshaber war im Seekrieg recht unerfahren, während bei den Engländern der berühmt-berüchtigte Freibeuter Francis Drake als Vizeadmiral diente. Die „Unbesiegbare Armada“ wurde geschlagen. Doch das war nicht das Ende des spanischen Leidens. Im Buch „Geschichte Spaniens“ liest man dazu: „Medina Sidonia gab den Befehl, durch die Nordsee England zu umschiffen und auf die Iberische Halbinsel zurückzukehren, ein Unternehmen, bei dem die Flotte in Sturm geriet und erhebliche Verluste hinnehmen musste. Etwas mehr als die Hälfte der Schiffe kehrte in die Häfen der kantabrischen Küste zurück.“ Insgesamt dürfte das Unternehmen der Armada mindestens 12 000 Menschen in den Tod gerissen haben.
Im Westen Irlands tobten die Stürme; die spanischen Schiffe zerschellten und sanken. So begab es sich, dass an der Küste über 300 Schiffbrüchige der Armada an Land gespült wurden. Doch die Freude, mit dem Leben davongekommen zu sein, währte nur kurz. Die Überlebenden wurden gefangen genommen und daraufhin untersucht, ob sie Gold und Silber mit sich führten. Man brachte sie nach Galway und stellte sie vor Gericht. Das von Sir William FitzWilliam gefällte Urteil war gnadenlos: Tod durch Enthauptung. Schauplatz der grausamen Massenexekution war der Saint Augustine Hill – dort, wo sich heute der alte Forthill-Friedhof befindet, auf den die Schilder mit der „Begräbnisstätte Spanische Armada“ weisen. Fromme, mildtätige Bürger aus Galway gaben den Gerichteten so schnell und einfach wie möglich die letzte Ruhe, damit ihre Seelen Frieden finden konnten. Eine mutige Geste der Menschlichkeit, frei von Vorbehalten gegenüber Andersgläubigen oder Feinden.
Der Friedhofswart weist den Weg
Möwen kreischen. Verkehrsströme dröhnen vorbei. Die Küstenstraße streift die massive Umfassungsmauer des Friedhofs. Hinein führt der Weg durch einen Steinbogen, über dem ein kleines Kreuz prangt. Bald fühlt man sich von Ruhe erfasst. Passgenau in den Bogen ist ein schmiedeeisernes Gitter eingelassen, an dem oben ein kleines Holzschild mit dem Schriftzug „Forthill Cemetery AD 1500“ befestigt ist. „Gefällt dir das Schild?“, fragt plötzlich eine Stimme. Sie gehört dem ehrenamtlichen Friedhofswart und Totengräber Tony McDonagh, der es selber gefertigt hat. Sein Vater war hier schon in derselben Funktion aktiv. Heute hilft Tonys Sohn mit. Der Familie ist die Pflege der bunten Blumenpracht zu verdanken. Vor allem Rosen blühen hier.

Die Bewässerung kommt oft automatisch vom Himmel. Irland ist untrennbar mit üppigen Regengüssen verbunden. Als geschützter Raum für die Gerätschaften dient den McDonaghs die frühere Friedhofskapelle.
„Da hinten an der anderen Mauer ist eine Gedenktafel“, sagt Tony und fügt hinzu: „Konkretere Spuren gibt es nicht. Die Menschen kamen ja alle in ein Massengrab.“ Auch einen weiteren historischen Fakt nennt Tony: „Oft wurden an den Ufern falsche Signalfeuer gelegt, um die Schiffe auf Grund laufen zu lassen und Schätze zu rauben.“ Ob das in diesem Fall auch so war, lässt sich nicht mehr ergründen. Die Gedenktafel wurde 1988, zum 400. Jahrestag, in die Mauer eingelassen. Sie ist von Efeu umrankt. Auf Spanisch steht ein ausdrücklicher Dank für die barmherzige Bevölkerung von Galway.
Steinerne Flechtbänder und ein Handy
Der Friedhof – täglich von 10 Uhr bis früh abends zugänglich – ist lokales Kulturerbe und verlockt Besucher zu einem Rundgang. Erhaltene Gräber zeigen einen Querschnitt irischer Bestattungskultur vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Einige Grabmäler tragen keltische Flechtbandornamentik und bilden einen deutlichen Kontrast zu den modernen Bürogebäuden, die an das Areal herandrängen. Das Grabkreuz eines viel zu früh verstorbenen Fußballfans ist mit einem Schal von Manchester United umwickelt. Davor wachen Engel aus Glas und Metall. Ein anderer Grabstein trägt eine kleine Skulptur in Form eines – mittlerweile antiquierten – Handys der Marke „Nokia“. Dann wieder verwittern auf Wiesenflächen schlichte Grabsteine. In einem Blumenkasten liegt eine verwaiste Madonna in Kleinformat.
Vor Jahrhunderten wurde das Friedhofsgelände von Augustinern genutzt, dann in eine Festung verwandelt. Kurz vor dem Ausgang taucht Friedhofswart Tony wieder auf und sagt: „Ich liebe es hier, es gibt mir eine Aufgabe. Ich habe eine besondere Verbindung dazu, weil mein Vater es so sehr liebte. Er erzählte uns früher viele Geschichten über den Ort und davon, dass er Stimmen und Geräusche nahe der hinteren Mauer hörte. Aber ich selbst habe nie etwas gehört.“ Dann zeigt er eine zweite Erinnerungstafel: Die Sätze in goldener Schrift rufen das Jahr 1588 und die Gerichteten der Armada ins Gedächtnis. Sie enden mit einem keltischen Beileidsspruch und auf Spanisch: „Mögen sie in Frieden ruhen.“
Der Verfasser ist freier Autor und Journalist. Er lebt n in Spanien und ist auf die Themen Reise, Religionen & Kulturen spezialisiert.
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