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Skepsis gegenüber Sprachzwang, Ekel angesichts von Sprachverhunzung

Stellungnahme des Philosophen und Theologen Harald Seuberts zur Petition "Schluss mit dem Gender-Unfug!"
Skepsis gegen Sprachlenkung, Ekel angesichts von Sprachverhunzung
Foto: David-Wolfgang Ebener (dpa) | Argumente gegen Sprachlenkung, Sprachzwang und Sprachverhunzungen.

Sprache, in gesprochenem Wort und in fixierter Schrift, ist für mich als Philosophen und Theologen das wichtigste Instrument. Sie muss in Klarheit und Sachlichkeit, wenn möglich auch in einer ästhetisch und stilistisch gelungenen Form Sachverhalte und Gedanken dokumentieren können. Sie muss stimmen und der Freiheit (Parrhesia) und Begründungspflicht von Argumentationen angemessen sein. Daran sollte man arbeiten und die nachfolgenden Generationen zu dieser Arbeit ermutigen, inspirieren und auffordern. Sprache kann, je nach Lage und Thematik, eisige Abstraktionshöhen erreichen und darf dann wieder erzählen, oder in Bild und Metapher sich verdichten.

Gegen Sprachlenkung, Sprachzwang und Sprachverhunzungen

Weil ich Sprache und Sprachen liebe und weil sie mich ein Leben lang faszinieren, stehe ich jedweder Sprachlenkung, jeder Art von Sprachzwang mit tiefer Skepsis, Sprachverhunzungen mit  Abneigung und Ekel gegenüber: In einer Abneigung, die gleichermaßen ästhetische und ethische Aspekte hat. Das Hässliche und der gezwungene Kitsch sind meist auch Indizien für moralische Defekte. Wer Sprache in eine bestimmte Linie zwingt und darüber verfügen möchte, was und wie etwas gesagt werden soll, beansprucht in der Folge auch Macht über die Gedanken, die so frei nicht mehr sind, wenn die Sprache ihren Freiheitscharakter verliert.

Diktat der Gender-Rede gegen Eigenlogik der Sprache

Die Zwänge der Gender-Rede, die linguistizistischen pseudowissenschaftlichen Kapriolen, die in Medien und Wissenschaft immer weiter um sich greifen, führen zu einem der Sachgemäßheit und Eigenlogik der Sprache zuwiderlaufenden Diktat und einer, opportun vollzogenen, Gleichschaltung. In der akademischen Sphäre ist dieser Nonsense viel weiter gediehen und treibt bis in Notengebungen seine Blüten. Einer offenen Wissensgesellschaft im Geist Karl Poppers unwürdig! Diese Genderisierung macht die Welt in keiner Weise besser, sie schafft nicht Ausgleich für real existierende skandalöse Ungleichheit. Sie macht Sprache und das Denken aber schlechter.

Für eine humane, wertschätzende Sprache

Wohlverstanden, trete ich ganz und gar für eine humane, wertschätzende Sprache ein, die sich ihre Wege und Bahnen in Takt und Situationsangemessenheit finden muss. Dahin führen so viele Wege wie es kompetente und differenzierte Formen des Sprachumgangs in Wort und Schrift gibt. Man sollte dem Takt, der Urteilskraft, der Feinheit des Hörens und Lesens vertrauen und sie viel stärker kultivieren, von der Schule an auf allen Stufen der Bildung.   Wie der Stil, so ist der Mensch. Sprachansichten sind, wie Wilhelm von Humboldt wusste, zugleich Weltansichten. Wir werden es ertragen können und müssen, dass sich die viel beschworenen pluralen Individuen ihre Weltzugänge bahnen. Eine zwanghafte Genderisierung aber  zerstört Takt und Stil, davon abgesehen, dass sich Texte, die sich nurmehr um das Erlaubte und Erwünschte drehen, letztlich nicht mehr lesen und auch nicht ernst nehmen lassen.

Am Anfang war das Wort, und am Ende wird, frei nach Gottfried Benn, auch das Wort sein und nicht der Genderzwang.

DT (jobo)

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