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Eine Grenzfrage

Der Mensch braucht Ordnung, sonst findet er nicht zur Freiheit. Das gilt auch bei der Regulierung der sozialen Medien für Kinder und Jugendliche.
Politikredakteur Sebastian Sasse, Smartphone-Jugendlicher
Foto: DT / IMAGO / photothek | Symbolbild Erbsünde: Der Jugendliche braucht mehr Erziehung, mehr Führung, mehr Ordnung.

Es ist eine Grenzfrage – und zwar im doppelten Sinne. Einmal grundsätzlich: Wer für Regulierung plädiert, gleich in welchem Bereich, muss immer darüber nachdenken, ob er hier vielleicht nicht eine Hürde überschreitet, die bestehen bleiben sollte. Einfach weil sie die persönliche Freiheit schützt. Andererseits gilt aber auch: Jeder Mensch braucht Grenzen. Es klingt vielleicht ein wenig nach Küchen-Anthropologie: Aber der Mensch ist ein Wesen, das Ordnung benötigt. Wenn er nicht auf so einen gesetzten kulturellen Rahmen trifft, droht er, ins Chaos zu versinken. Denn ohne Grenzen gibt es keine Institutionen mehr, jene rettenden Inseln, auf denen der Mensch in dieser Welt – wir sind noch nicht im Himmel – auftanken kann und die Kraft findet, die Aufgabe aller Aufgaben zu lösen: sich diese Welt untertan zu machen.

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Dass die Debatte um ein Verbot für Jugendliche, bis zu einem bestimmten Alter nicht in den sozialen Netzwerken aktiv zu werden, so unglaublich bedeutungsschwanger daherkommt, das hängt auch mit einem Grenzproblem zusammen. Gut ein Jahrzehnt ist es her, dass die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise erklärte, die Staatsgrenzen seien nicht mehr zu schützen und zu kontrollieren. Und wie es eben so ihre Art war, verkündete sie diese Sichtweise als alternativlos. Und damit entstand bei vielen Menschen die Sehnsucht nach einer Gegenöffentlichkeit. Die konstituierte sich dann vor allem in den sozialen Netzwerken. Unabhängig von den etablierten Medien konnte sich hier jedermann relativ ungeregelt daran machen, die Repräsentationslücke – so hieß das Problem dann schon bald – mit eigenen Beiträgen aufzufüllen.

Das erklärt, warum so viele Menschen mit so einer großen emotionalen Betroffenheit reagieren, wenn nun über die Regulierung der sozialen Medien für Kinder und Jugendliche diskutiert wird. Sie haben Plattformen als Räume der Freiheit erlebt. Und wenn nun jungen Menschen durch Altersgrenzen der Zugang zu diesen Räumen verwehrt werden soll, dann ist das für sie in erster Linie etwas Repressives, Obrigkeitsstaatliches. Hier sollten junge Menschen, ideologisch bevormundet, ja fast schon dressiert werden, so der Verdacht.

Skurril daran ist: Diejenigen, die ja in der Flüchtlingskrise für den Sinn von Grenzen plädiert haben, erkennen nicht, dass eben auch in den digitalen Räumen diese Grenzen gesetzt werden müssen. Hier schlägt sich eine Tendenz nieder, die weltweit schon länger, nun aber auch immer öfter in Deutschland zu beobachten ist: Konservative – sie nennen sich witzigerweise sogar so – werden zu Vorkämpfern libertärer Ideologie. Vor lauter Freiheitsnot vergessen sie die Kulturkraft Ordnung.

Natürlich: Wie man den Zugang zu den sozialen Medien für Jugendliche regelt, muss immer konkret diskutiert werden. Aber das Grundproblem der Debatte jetzt lautet: Wer überhaupt über Regulierung nachdenkt, geht die Gefahr ein, als Freiheitsfeind verunglimpft zu werden. Wir brauchen aber nicht mehr Freiheit, sondern mehr Ordnung. Das heißt mit Blick auf Jugendliche: mehr Erziehung, mehr Führung, eben mehr Ordnung. Anders ist in dieser durch die Erbsünde überschatteten Welt Freiheit gar nicht möglich. Nur dank einer Rückbindung an Ordnung – und die schlägt sich eben in konkreten Regeln nieder – ist Freiheit überhaupt durchführbar. Wie die Regeln aussehen sollen, darüber kann diskutiert werden. Entscheidend ist jetzt: Regeln sind notwendig, sogar dringend.

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