Das Amt des US-Vizepräsidenten gilt als undankbarer Job. Nur einen Herzschlag von der Präsidentschaft entfernt, ist man als Nummer Zwei in Washington meist nur mit geringer Machtbefugnis ausgestattet – je nachdem, wie kurz oder lang die Leine ist, an der ein Präsident seinen Stellvertreter hält. Und wenn man Pech hat, bekommt man nur die Aufgaben zugewiesen, für die sich der Chef zu schade ist. Für Höheres empfehlen kann man sich kaum, die Lorbeeren heimst hingegen der Präsident selbst ein.
J.D. Vance zählt dagegen nicht zur zurückhaltenden Sorte Vizepräsident. Auch im jüngsten Zerwürfnis zwischen der US-Regierung und dem Papst über den Irankrieg stimmte der 41-Jährige rege in die Kritik Donald Trumps am amerikanischen Pontifex ein. Dass Vance selbst praktizierender Katholik ist, verleiht der Konfrontation zusätzliche Brisanz.
Die Frage ist nicht ob, sondern wann er ins Weiße Haus einzieht
In diese aktuelle Kontroverse hinein veröffentlicht die ARD nun eine sehenswerte Dokumentation über den Werdegang des Mannes, von dem manche behaupten, die Frage sei nicht ob, sondern wann er ins Weiße Haus einzieht. Schon der Titel spielt mit Vances Ambitionen: „Der Mann nach Trump“. J.D. Vance, der Mann, der in der Rangfolge nach Trump an zweiter Stelle steht? Oder der Mann, der als Nachfolger Trumps die Geschicke des Landes lenken möchte? Beides trifft zu.
Nun kann man fragen: Braucht es noch ein weiteres Porträt über den Vizepräsidenten, nachdem seit dem Wahlkampf 2024 quasi jeder Stein umgedreht und das Privatleben sowie die berufliche Laufbahn des in Middletown im Bundesstaat Ohio geborenen Republikaners ausgiebig durchleuchtet wurden? Dass die Antwort ja lautet, liegt vor allem an der Herangehensweise der Macher des gut 80-minütigen Films. Dessen Mehrwert besteht weniger darin, etwas grundsätzlich Neues über den US-Vizepräsidenten zutage zu fördern. Vielmehr zeichnet die Doku anhand zahlreicher exklusiver Stimmen ein vielschichtiges Bild von J.D. Vance. Nicht nur kommen Journalisten, ehemalige Berater und Polit-Experten zu Wort, sondern auch Vances Mutter, die jahrzehntelang mit Drogenabhängigkeit zu kämpfen hatte, der Politikwissenschaftler und Vance-Vertraute Patrick Deneen sowie der konservative christliche Publizist Rod Dreher, der als Freund des Vizepräsidenten gilt. Anders, als es von der Produktion eines eher linken öffentlich-rechtlichen Senders zu erwarten war, bleibt der Blick auf Vance stets respektvoll und ausgewogen, die erzählerischen Einordnungen aus dem Off sind nur selten wertend.
Vances Lebensgeschichte ist in gewisser Weise eine Geschichte der Emanzipation, des konstanten Wandels: vom Teenager, der unter Hinterwäldlern („Hillbillies“) im Rostgürtel von Ohio aufwuchs, zum Absolventen einer renommierten Ivy-League-Universität. Vom konservativen Kritiker zum überzeugten Anhänger Trumps. Vom religiös eher Unmusikalischen zum praktizierenden Katholiken. All diese Wandlungen zeichnet die Doku nach. Dass die Konversion zum Katholizismus wohl der Schlüssel ist, um auch die politische Konversion des J.D. Vance zu verstehen, bleibt in dem Film nicht unerwähnt: So lässt sich Steve Cortes, der ehemalige Kommunikationsberater des amtierenden Vizepräsidenten, mit den Worten zitieren, dass die politische Wandlung Teil von etwas Größerem, einer spirituellen Wandlung, sei. Welch grundsätzliche Weichenstellung der Eintritt in die katholische Kirche für Vance tatsächlich bedeutet haben muss, hätte allerdings noch deutlicher herausgearbeitet werden können. Immerhin: Von Vance höchstpersönlich wird man ja bald in seinem Buch mit dem sprechenden Titel „Communion: Finding my way back to faith“ die Geschichte seiner Konversion lesen können.
Besonderer Coup: Patrick Deneen und Rod Dreher als Gesprächspartner
Ein besonderer Coup ist den Machern der Doku gelungen, indem sie Patrick Deneen und Rod Dreher für Interviews gewannen. Der an der University of Notre Dame lehrende Deneen gilt als geistiger Ziehvater des Vizepräsidenten. Im Film hat er die Gelegenheit, dem Fernsehpublikum seine Lehre vom „Postliberalismus“ zu erklären, der auch Vance anhängt. „Der Postliberalismus erkennt an, dass der Liberalismus hinter uns liegt und einige gute und viele schlechte Auswirkungen hatte“, so Deneen. Die zentrale Frage laute: „Wie bauen wir Institutionen auf, die sich heute aufgrund des Laissez-faire-Prinzips offenbar nicht selbst erneuern können?“ Was dies in der politischen Praxis bedeutet, schlüsselt Rod Dreher auf: Vance sei als Postliberaler jemand, „der die Nachkriegsordnung, den globalen Kapitalismus, die von den USA dominierte internationale Ordnung und dergleichen ablehnt“.
Insbesondere der ehemals katholische, heute orthodoxe Christ Dreher, der den amtierenden Vizepräsidenten auf seinem Weg in die katholische Kirche begleitete, lässt Vance für den Zuschauer nahbar werden. Vor allem, da er aus dem Nähkästchen plaudert und kein Blatt vor den Mund nimmt. So erzählt er eine Anekdote vom Besuch J.D. Vances bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Jahr 2024, als er noch Senator für Ohio war – genau ein Jahr, ehe er der versammelten Sicherheitselite in einer fast schon legendären Rede gehörig die Leviten las. Aus München habe Vance ihm geschrieben und ein Abendessen vorgeschlagen, so Dreher. Es sei schlecht gelaufen, kein Sicherheitsexperte wolle mit ihm reden. Man habe ihn komplett ignoriert. Also flog Dreher in die bayerische Landeshauptstadt. Dort habe ihm Vance, in seiner Hillbilly-Ehre angegriffen, gesagt: „Ich esse lieber mit einem Freund als mit diesen Arschlöchern.“ Dann sei man zusammen in ein Münchner Brauhaus gegangen, Vance in Pullover und Baseballcap, wie ein normaler Amerikaner. Ein Foto, das den heutigen Vize vor einem Maßkrug und einem Teller mit zünftiger bayerischer Kost zeigt, blendet die Doku wie zum Beweis ein.
Unvoreingenommenes Porträt mit kleiner Schwachstelle
Unterm Strich bietet die Dokumentation auch einen Abriss über die Geschichte der USA des 21. Jahrhunderts: Irakkrieg, Finanzkrise, Tea-Party-Bewegung und schließlich der Aufstieg Trumps. All diese einschneidenden zeitgeschichtlichen Ereignisse haben auch Vance geprägt. Eine kleine Schwachstelle offenbart die ansonsten sehr unvoreingenommene und zurückhaltende filmische Annäherung an den US-Vizepräsidenten: Sie zeichnet hauptsächlich seinen Werdegang nach, dabei hätte man, wie der Titel vermuten lässt, noch stärker nach vorne blicken können. Denn die eigentlich interessante Frage lautet ja eben, wie es um die Chancen des J.D. Vance auf das Präsidentenamt steht.
Damit beschäftigt sich der Film nur am Ende. Abermals ist es Rod Dreher, der den aufschlussreichsten Beitrag liefert: „J.D. ist beliebt, jung, hat eine wunderbare Familie und könnte, weil er mit seiner Herkunft den amerikanischen Traum verwirklicht hat, eine Symbolfigur werden. Doch wenn sich die Wirtschaft nicht erholt und er die Bedrohung von ganz rechts nicht in den Griff bekommt, hat er keine Chance.“ Dreher spielt unter anderem auf den antisemitischen Influencer Nick Fuentes an, dem circa 30 bis 40 Prozent der jungen konservativen republikanischen Mitarbeiter im Kongress, in der Verwaltung und in Think Tanks folgen würden. „J.D. wird sich genau überlegen müssen, wie er damit umgeht“, so Dreher.
Doch es ist nicht nur der extreme rechte Rand der Republikaner, der nicht hinter Vance steht. Ironischerweise hat es sich Vance nach den jüngsten Äußerungen zu Papst Leo und dem Irankrieg auch mit den Katholiken womöglich ein Stück weit verscherzt. Entscheidend für die Loyalität dieser Wählergruppe wird sein, welches Bild sich am Ende in ihren Köpfen durchsetzt: das von Vance in seinem Buch selbst gezeichnete des frommen Katholiken – oder das, das gerade durch seine Worte und Taten in der politischen Alltagspraxis entsteht.
„J.D. Vance: Der Mann nach Trump“, Regie: David Thomson, Christophe Astruc, ARD, 21. April, 22.50 Uhr.
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