Was darf ich hoffen? Seit Immanuel Kant die Frage in den 1780er-Jahren stellte, hat sie nichts von ihrer Abgründigkeit verloren. Denn das Hoffen ist bei dem Königsberger Philosophen mit Bedingungen verbunden, hier ausgerichtet in dem diskret-unauffälligen Wörtchen „darf“. Erhoffen möchte ich vieles – aber habe ich zu meiner Hoffnung berechtigten Anlass?
Vielleicht ist es das Glück der jungen, nein, ganz jungen Jahre eines Menschen, von den Bedingungen der Hoffnung nichts zu wissen. Arne heißt die Hauptfigur in „Willents Brut“, dem neuen Roman der Berliner Schriftstellerin Ute Cohen. Der Junge ist erst vor wenigen Tagen auf die Welt gekommen, als die Leser ihn durch die Augen einer Krankenschwester sehen: Der Säugling liegt in seinem Bett, die Hände gleiten über die Maserung des Holzes. Ein weißes Tuch ist um den Körper gewickelt, die ersten Stunden und Tage im Leben eines Kindes: Alles scheint ganz normal.
Nachklang des Nationalsozialismus
Und doch wird kaum etwas normal sein im Leben dieses Kindes, jedenfalls, wenn man unter dem Normalen eine angemessen behütete Kindheit versteht. Ein umsorgtes Kind darf auf eine gute Zukunft hoffen. Arne hingegen darf nicht hoffen, das deutet sich auf der ersten Seite des Romans bereits an. Seine leibliche Mutter beobachtet ihn aus der Ferne, die Pflege hat vorerst die Krankenschwester übernommen. Die Mutter hat keine Zeit für das Kind, sie muss aushelfen in der Gaststätte ihres Mannes. Und als sie dem Kind endlich nahe ist, nimmt sie irritiert dessen schwächliche Konstitution zur Kenntnis, ebenso auch, dass der Junge zwei farblich verschiedene Augen hat – „Zeichen einer wesensmäßigen Zerrissenheit, einer Unausgewogenheit des Gemüts, das dem gesunden Volkskörper im Wege stehen würde.“ So formuliert es die Mutter, Anhängerin von Julius Streicher, dem ehemaligen Gauleiter von Mittelfranken.
Doch ihre Sprache führt in die Irre: Der Roman spielt nicht in den Jahren 1933 bis 1945, sondern in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre. Und klar wird in diesen und anderen Sätzen, dieses Kind darf auf wenig, fast nichts hoffen. Zwar wird es nicht den Nationalsozialismus und dessen furchtbare Auswirkungen erleiden müssen. Allerdings ist es Eltern ausgesetzt, die 20 Jahre nach dem Ende der Diktatur immer noch deren Ideologie in Hirn und Herzen tragen.
Wenn die Provinz ihre Schrecken hat, dann haben diese in Cohen ihre Chronistin gefunden. In vielen Varianten evoziert sie das dumpfe Vokabular der späten Nachkriegsjahre, um es dann in dem materiellen Filz und Fett des umgebenden Milieus aufgehen zu lassen – allem voran in der schmierigen Kneipe des alten Willent: in dem Bier-Tabak-Gemisch, dem Putzlappen, dem Besen, dem Müll: eine drückend-physische Welt, der zu entkommen unmöglich ist, eine, deren Schwere Arne und seine Geschwister innere Freiheitsflüge wieder und wieder verweigert. Daran ändern auch die kommenden Jahre nichts: In ihnen hagelt es weiter Schläge. Arnes Schwester Hanne wird sogar vom eigenen Vater aufs Schwerste missbraucht.
Gefangen in der Sprachlosigkeit
Cohen verzichtet darauf, das Erzählte zu kommentieren. Recht hat sie: Das Milieu spricht für sich selbst. Alles Weitere übernehmen die hilflosen Protagonisten, sie sind es, die ihre Umwelt entziffern: „Weder Mutter noch Vater verliehen den Gefühlen in Worten Ausdruck. So übte sich Arne schon früh darin, den Schwung des Haares, die Feuchtigkeit des Atems und die Dehnung der Pupillen zu deuten.“ Über die Erinnerung an Julius Streicher und das rudimentär Konkrete des Kneipenbetriebs reicht der sprachliche Ehrgeiz der Eltern kaum hinaus, und der Mangel an Worten hat bald auch die Kinder im Griff. „Von Kindesbeinen an hatte Arne das Ausbleiben der Worte gepeinigt. Wie in einem Labyrinth irrte er durch die Welt der Worte. Nie waren sie genug, immer zu gering, um das auszudrücken, was er fühlte, roch und schmeckte.“ Arne bleibt ge- und wohl auch befangen im Sog seiner Herkunft. Nichts hilft ihm, Abstand zu gewinnen – nichts bis auf die Drogen.
Die Drogen liegen nahe. Nicht nur, weil sie den Verstand außer Kraft setzen, sondern auch, weil ein gewisser falscher Glamour sie umweht: das Milieu der Dealer und Drogen. Es rekrutiert sich zunächst aus Hippies, dann aus Punks – eine rüde, ruppige Szene, die fast zwangsläufig nach Berlin führt, das ihren fränkischen Besucher und seine Freundin freilich in ebenso engen Grenzen hält wie die Provinz: Den Kreis der Abgehängten und Abhängigen durchbricht Arne auch hier nicht.
Hoffnungslose Existenz
Eben das unterscheidet ihn von Ina, seiner Freundin, die sich dem Elend nicht ergeben will, es vielmehr auf Distanz hält, ganz wesentlich durch Sprache. In den Worten leuchtet etwas auf für sie, eine Art Stern vielleicht, der ihr in dieser Schattenwelt den Weg weist und zugleich den Willen schenkt, diesen auch zu gehen. Als Wunder muss man das nicht bezeichnen, aber erstaunlich ist es: Ina vermag dem Schlund der Drogen zu entkommen, sie weigert sich, in ihn hinabgezogen zu werden.
„Tout comprendre, c’est tout pardonner“, sagt ein französisches Sprichwort, „Alles verstehen heißt alles zu verzeihen“. So weit muss man mit Blick auf die ethische Forderung der Sentenz nicht gehen: Manche Handlungen sind und bleiben unverzeihlich. Hier aber sind wir einige Stufen drunter: in einer Welt, die jenen, die in ihr leben – leben müssen – zur Hoffnung kaum Anlass gibt.
Ute Cohen: Willents Brut, Wien: Septime Verlag, 2026, 210 Seiten, gebunden, EUR 25,–
Der Rezensent ist Journalist und Autor. Im Frühjahr erschien sein Buch „Die zwei Leben des Arthur Rimbaud. Vom Kultdichter zum Waffenhändler“ (Herder).
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