Venedig

Luigi Nono: Klänge an der Grenzerfahrung

Das Verhältnis von Ton und Text spielte in seinem Werk eine besondere Rolle: Zum 30. Todestag des Komponisten Luigi Nono.
Luigi Nono
Foto: Nationaal Archief/ CC BY-SA 3.0 nl | Luigi Nono bekannte sich zur absoluten Freiheit des musikalischen Ausdrucks.

Schönheit und Tradition lagen Luigi Nono im Blut. Als er 1924 in Venedig geboren wurde, gaben seine Eltern, eine altangesessene Familie der Lagunenstadt, ihm den Namen seines Großvaters, der im 19. Jahrhundert als Maler ein bedeutendes Mitglied der venezianischen Schule war. Der Klavierunterricht als Gymnasiast war ein normaler Teil der Erziehung und noch kein Reflex auf eine zutage getretene Ausnahmebegabung. Wohl aber deutete die Aufnahme als externer Schüler im Fach Komposition von Francesco Malpiero am Konservatorium, der venezianischen Accademia musicale Benedetto Marcello, auf sein zukünftiges Wirken hin. Fachlich, aber nicht tonal. Denn dort lernte Luigi Nono das traditionelle Spektrum kompositorischer Stile und beschäftigte sich eine Zeitlang schwerpunktmäßig mit den Madrigalen der Renaissance. Gut möglich, dass die ganz unterschiedlich interpretierte Textbehandlung in seinen späteren Werken hier ihre Wurzeln hat. Sein 1942 in Padua auf Wunsch seines Vaters aufgenommenes und mit dem Diplom abgeschlossene Studium der Rechtswissenschaften stellt Nono in die lange Reihe von Komponisten, die sich aus Vernunft dem weltlichen Recht zuwandten, bevor sie sich aus Liebe zur Musik auf die Gesetzmäßigkeiten des Tonsatzes fokussierten.

Zu diesem Zeitpunkt aber war zumindest Luigi Nono selbst wohl schon klar, wo seine Zukunft liegen würde. Und auch Bruno Maderna, ein italienischer Dirigent und Komponist, ermutigte ihn, seinen Weg auf dem Feld der Musik zu gehen und brachte ihn in Kontakt mit seinem eigenen Lehrer, Hermann Scherchen. Der entwickelte sich zu einem mitsorgenden und inspirierenden Mentor und Promotor für Nonos Schaffen.

Umstrittene Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei

Denn er präsentierte im Jahr 1950 im Rahmen der Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik das erste öffentlich als bedeutsam anerkannte Werk des jungen Venezianers, die Variazioni canonice sulla serie dell'op. 41 di A. Schönberg. Es beinhaltet ein „Ode an Napoleon“ benannten Hexachord und deutet bereits auf das ausgeprägte politische Engagement hin, das Nonos Leben kennzeichnen würde. Der junge Musiker war während des Zweiten Weltkrieges Mitglied im italienischen Widerstand gewesen und trat 1952 in die kommunistische Partei Italiens ein, für die er auf regionaler Ebene tätig war. Wenngleich politisches Engagement von einigen Vertretern der zeitgenössischen Musik wie Henri Pousseur oder Hans Werner Henze in diesen Jahren stark befürwortet, von anderen wie Pierre Boulez oder Karlheinz Stockhausen ebenso engagiert abgelehnt wurde, erwies Nonos Positionierung sich nicht als hemmend für seine gemeinsam mit den beiden Letzteren eingenommene Rolle als führender Vertreter der Neuen Musik. Darmstadt, über Jahrzehnte hinweg der Schmelztiegel und der Motivationsmittelpunkt für die Entstehung und Aufführung Neuer Musik wurde schulbildend und war ein Ort, der sich auch für die Präsentation von Nonos Werken als maßgebliche Verbreitungsplattform erwies. Darmstadt verzeichnet die Uraufführungen von Nonos „Tre epitaffi per Federico Garcá Lorca“, für „La Victoire de Guernica“, in dem er ebenso wie Pablo Picasso in seinem gleichnamigen Bild die Grauen des Krieges anprangerte oder für das Liebeslied, das er 1954 für Nuria Schönberg schrieb. Nono hatte die Tochter seines Komponistenkollegen Arnold Schönberg ein Jahr zuvor bei der Uraufführung von dessen Oper „Moses und Aron“ in Hamburg kennengelernt. Die beiden heirateten zwei Jahre später.

Musik an der Grenze des Hörbaren, Erträglichen

Seit der erfolgreichen Aufführung von „Il canto sospeso“ für Solostimmen, Chor und Orchester gilt Nono weltweit als Nachfolger Weberns. Der Grund für diese Einschätzung ist die von Musikwissenschaftlern in seinen Kompositionen konstatierte Verbindung von bis an die Grenzen auskomponiertem Avantgarde-Stil und emotional-moralischem Ausdruck, wie Christoph Flamm in seinem Vorwort zur Ausgabe des Werkes betont. Dass beide, an die Grenze getriebener avantgardistischer und emotional-moralischer Ausdruck als Gegensätze und deren Verbindung, als schwer erreichbar gilt, ist in sich interessant. Wenn dem so ist, verweist dies auf die Annahme, dass avantgardistische Ausdrucksformen dem Axiom der unbegrenzten Freiheit unterliegen, deren Folgen zwangsläufig unmoralisch sind. Aber diese Gedanken wurden dank des festen Glaubens an die unveröffentlichten Axiome wohl eher selten diskutiert. Stattdessen stritt man sich um das Wort-Ton-Verhältnis in Nonos Werken. Auch dies ist von großem Interesse, denn die Bildung von sinnvollen Sätzen unterliegt zwangsläufig Gesetzmäßigkeiten, deren Entgrenzung die Avantgarde sich wiederum zum Ziel gesetzt hatte.

Nono wehrte sich daher auch vehement, als Stockhausen ihm unterstellte, der reichen Bedeutung der von ihm vertonten Worte mehr Gewicht beigemessen zu haben als den von ihm gesetzten Tönen und ging sogar so weit, zu behaupten, dies sei „falsch und irreführend und er habe weder die phonetische Behandlung des Textes noch den mehr oder weniger differenzierten Grad der Verständlichkeit des Textes und seiner Bedeutung im Sinn gehabt, als er ihn komponierte“. Damit bekennt Nono sich zur absoluten Freiheit des musikalischen Ausdrucks, der auch dann Geltung hat, wenn ein Text verwendet wird. Praktisch bedeutet dies, dass der Text nicht beachtet werden darf und man dem ihm innewohnenden Ausdruck und Sinn beim Komponieren keine Aufmerksamkeit schenken darf. Das wiederum ist sowohl unmöglich als auch sinnlos, aber darüber konnte man mit den Vertretern der Darmstädter Schule nur schwer streiten. Ihre Überzeugungen waren dafür zu stark ausgebildet. Nicht vorwerfen kann man ihnen hingegen, dass sie ihren Primat der Grenzerfahrung beim Komponieren vernachlässigten. Nonos Musik befindet sich oft an der Grenze des Hörbaren, sprich des Erträglichen. Wer sich mit seinen Werken beschäftigen will, kann dies neben zahlreichen Einspielungen im 1990 von seiner Frau Nuria errichteten Archivio Luigi Nono auf der Guidecca in Venedig tun. Es befand sich zunächst in der Privatwohnung der Nonos und ist seit Herbst 2006 im ehemaligen Giudecca Kloster Santi Cosma e Damiano zu finden. In Groningen empfiehlt sich der Besuch des von Heiner Müller kreierten raumplastischen Environments als intermedialem Gedenkort.

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