Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Filmrezension

Netflix-Thriller „Der Killer“: Ein „eiskalter Engel“ auf amerikanisch

Starregisseur David Fincher und Hauptdarsteller Michael Fassbender erweisen so manchem Noir-Klassiker ihre Referenz. 
Michael Fassbender als namenloser Profikiller in einer Szene aus „The Killer“.
Foto: - (Netflix ©2023/Filmfest Venedig)

„Ich diene keinem Gott und keinem Land. Ich segle unter keiner Flagge. Wenn ich effektiv bin, dann nur aus einem einfachen Grund: Mir ist alles sch… egal! Die meisten Menschen weigern sich zu glauben, dass das gepriesene Jenseits nicht mehr ist als eine kalte, unendliche Leere. Aber ich akzeptiere es, zusammen mit der Freiheit, die aus dieser Wahrheit erwächst.“ Der Auftragskiller, der diese Sätze in „Der Killer“ in einem Gedankenmonolog aus dem Off zu Beginn des Films lakonisch aufsagt, trägt viele unterschiedliche Decknamen und wurde als Scharfschütze engagiert, um für seinen Auftraggeber einen Mann aus dem Weg zu räumen. Diese Tötungsmaschine folgt eisernen Regeln und ist ein absoluter Profi auf seinem Gebiet: Er hinterlässt an seinem Tatort keine Spuren und geht sehr methodisch und mit viel Geduld und akribischer Präzision an seine Arbeit. Nichts darf bei der Planung eines Mordes dem Zufall überlassen werden. 

David Finchers neuester Streich für Netflix

Wie ein Mantra wiederholt er immer wieder die gleichen Regeln: „Halte dich an deinen Plan“, „Antizipieren statt Improvisieren“, „Empathie ist eine Schwäche“. Zudem heißt es immer wieder für ihn: Auskundschaften, beobachten, warten und dann erst töten. Doch als plötzlich bei einem Auftrag in Paris etwas schiefläuft, wird seine geordnete Welt auf den Kopf gestellt und aus dem teilnahmslosen und unpersönlichen Töten wird ein persönlicher und kalkulierter Rachefeldzug. 
David Fincher gehört zu den wenigen Regisseuren, bei dem schon allein bei der Ankündigung eines neuen Films die Herzen vieler Filmfans höher schlagen. Denn man hofft insgeheim, dass er mit jedem neuen Werk an seine Kultklassiker wie „Sieben“ oder „Fight Club“ aus den 90er-Jahren oder wenigstens an maßgeblich von ihm auf den Weg gebrachte Netflix-Serienhighlights aus den 2010er-Jahren wie „House of Cards“ oder „Mindhunter“ anknüpfen kann. Kann der Film diese hohen Erwartungen erfüllen oder gar übertreffen? Bei „Der Killer“ merkt man jeder Szene an, dass es ein David-Fincher-Film ist, denn seine Handschrift ist in vielen Details deutlich zu erkennen: Es gibt die gleiche monotone Erzählstimme wie in „Fight Club“, die innere Gedankenmonologe widergibt. Es gibt den Protagonisten beziehungsweise Antagonisten, der keinen richtigen Namen hat. Und dann gibt es neben dem messerscharfen Schnitt und wohldurchdachten Kameraeinstellungen natürlich noch die ganzen nihilistischen Untertöne, die für Fincher-Filme so typisch sind. 

Eine französische Graphic Novel stand Pate

Die Handlung von „Der Killer“, die sehr frei auf dem französischen Comic „Le Tueur“ basiert, ist dabei minimal und folgt in sechs Kapiteln und einem Epilog dem generischen Muster einer B-Movie-Rachegeschichte, wie man sie schon dutzendfach gesehen hat. Das Besondere ist nicht was, sondern wie Fincher seine Geschichte erzählt: Durch Finchers „Mank“-Kameramann Erik Messerschmidt, den „Sieben“-Autor Andrew Kevin Walker sowie „Gone Girl“-Editor Kirk Baxter wird aus der vermeintlich simplen Grundstory nicht nur eine präzise Hommage an große Vorbilder wie dem von Jean-Pierre Melville inszenierten und von Alain Delon verkörperten „Eiskalten Engel“, sondern zugleich auch eine eiskalte Demaskierung des ganzen Killer-Genres. 

Denn so ziemlich alles an diesem Killer lässt die Coolness anderer Genre-Figuren mit ihren Streichhölzern im Mundwinkel, stylischen Sonnenbrillen, schicken Hüten und maßgeschneiderten Anzügen vermissen: Wir blicken als Zuschauer vielmehr einem stets unauffällig gekleideten Killer einfach nur bei seiner Arbeit über die Schulter. Fincher zeigt dabei, wie unglaublich detailliert der Killer vorgeht, indem er seine Opfer und ihre Umgebung zuerst studiert, bevor er sie dann exekutiert - ganz gleich ob er sich grade in Paris, in der Dominikanischen Republik, New Orleans, Florida, New York oder Chicago aufhält. Einzelne Handgriffe, kleine Arbeitsschritte, exakte Planungen, das Verwischen von Spuren: seine ganze Methodik wird akribisch dargestellt und beleuchtet. Das kommt vor allem in der monotonen Eröffnungsszene deutlich zum Tragen, wo zwar über 20 Minuten lang zunächst nichts passiert, man aber als Zuschauer trotzdem angespannt darauf wartet, dass etwas passiert. Fincher spielt hier von Anfang an sehr gekonnt mit Erwartungshaltungen und aufbauender Spannung. 

Charismatischer Hauptdarsteller, schwache Nebenrollen

Der deutsch-irische Schauspielsuperstar Michael Fassbender („Prometheus“, „Inglorious Basterds“, „Shame“) ist dabei als „der Killer“ durch sein stoisches Schauspiel und sein Charisma perfekt geeignet für diese Art von Rolle. Nur ein Blick von ihm reicht oft schon aus, um den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen und zu fesseln. Seine kühle, emotionslose Art spiegelt sich im ganzen Film wieder: In seinem Spiel ereignet sich sehr viel unter der Oberfläche, versteckt hinter Routine und professioneller Paranoia. 

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Dafür wirken die Nebenfiguren in „Der Killer“ ein wenig zu klischeehaft und blass. Insbesondere der private Hintergrund des Auftragskillers wirkt erzähltechnisch etwas unterentwickelt. Es gibt zudem ein Spiel von Themen rund um Pragmatismus und Empathie, die vor allem besonders stark in einer Szene mit Gaststar Tilda Swinton zum Tragen kommen. Was sehr eindeutig heraussticht, ist aber das Sounddesign des Films: Hier waren erneut Finchers langjährige Weggefährten Trent Reznor und Atticus Ross (Oscar für „The Social Network“) von der Industrial-Band „Nine Inch Nails“ am Werk, die dem Film eine ganz eigene Geräuschkulisse verpasst haben, die immer wieder auf der Tonspur wachrüttelnde Kontrapunkte setzt. 

„The Smiths“ sorgen für musikalische Spannung

Besonders deutlich wird dies, wenn Michael Fassbenders Killer seine Musik-Playlist mit Songs der 1980er-Jahre-Indierock-Ikonen „The Smiths“ anschmeißt: Wir hören den Gesang von deren Sänger Morrissey erst leise in den Kopfhörern, bevor der Song dann plötzlich zum Soundtrack wird - eigentlich ein ganz üblicher Einsatz von diegetischer Filmmusik, doch dann wechselt es nach wenigen Sekunden zurück auf den gedämpften Kopfhörer-Sound. Dann erneut zurück auf den lauten Soundtrack und dies nicht etwa mit fließenden Übergängen, sondern mit harten, messerscharfen Schnitten, die körperlich fast schon weh tun – akustische Gewalt eben.

Auch gibt es, wie für Fincher typisch, mehrere plötzliche Ausbrüche von harter, äußerst physischer Leinwandgewalt: Insbesondere eine brachiale Zweikampfszene, die wahrscheinlich zu den besten Action-Choreografien des Jahres gehört, bleibt, in Kombination mit dem ungewöhnlichen Sounddesign, als inszenatorisches Highlight des Films im Kopf hängen. Darüber hinaus wird die andauernde Anspannung hier und da durch subtilen und teilweise skurrilen und für Fincher-Verhältnisse ungewöhnlichen Humor, gebrochen. Was zu einigen Lachern, in einem ansonsten sehr ernsten und zynischen Film führt. 

„Der Killer“ läuft momentan noch in ausgewählten Kinos und ist seit dem 10. November beim Streamingdienst Netflix zu sehen.

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Norbert Fink

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