Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Correctiv-Doku über katholische Kirche

Die Kirchenvertreter erscheinen als zynische Potentaten einer „absolutistischen Monarchie“

Im Leipziger Szene-Kino „Luru“ wird eine neue Dokumentation des Recherchekollektivs Correctiv aufgeführt. Insbesondere Papst Benedikt wird dem linksgläubigen Publikum als Bösewicht präsentiert.
Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation
Foto: IMAGO/FAM14893 (www.imago-images.de) | Die Vorwürfe, die Correctiv gegen ihn erhebt, sind nicht neu: Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation.

Wer interessiert sich für Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in Zeiten, in denen die „Straße von Hormus“ gesperrt ist, die Ukraine „brennt“ und die AfD bei 20 Prozent steht? Diese Frage wirft der Correctiv-Seniorreporter Markus Bensmann selbst auf, nachdem er seine Dokumentation „Akten des Missbrauchs. Die Geschichte der organisierten Verbrechen im Vatikan“ am vergangenen Freitagabend im Leipziger „Luru-Kino“ erstmalig öffentlich präsentiert hatte.

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Dass Geschichten von klerikalen Missbrauchstätern und der Vertuschung ihrer Verbrechen durch katholische Bischöfe wenig Neuigkeitswert haben, ist Bensmann ebenso bewusst wie Correctiv-Chef David Schraven, der bei der Veranstaltung um Spenden warb. Das Thema „Verbrechen“ der katholischen Kirche zeigt besonders gut den Aufwand für die Correctiv-Recherchen, schließlich führen die Reisen rund um die Welt. Schon dies verdeutlicht, dass sich das Sendungsbewusstsein von Correctiv nicht auf den „Kampf gegen rechts“ beschränkt. Mit stolzgeschwellter Brust verkündet Bensmann, dass sein Film die Kirchendebatte „vom Kopf auf die Füße“ stellen werde. Bisher habe man nur die Rolle von Diözesen und Bischöfen untersucht, während Correctiv endlich den Vatikan ins Visier nehme.

Der Vatikan als allmächtige Schaltzentrale

Das Zentrum der katholischen Kirche inmitten Roms hält Bensmann für eine geradezu allmächtige Schaltzentrale. Einerseits vergleicht er den Vatikan mit einem kommunistischen Politbüro, andererseits mit einer „absolutistischen Monarchie“. Unerhört ist für ihn die Intransparenz dieses „Systems“, das die bei der Glaubenskongregation archivierten Akten über klerikalen Missbrauch in der ganzen Welt noch immer geheim halte. Dass dieses „System“ zusammenbrechen würde, wenn die Kirche „alles offenlegen“ müsste, ist die Botschaft der Doku.

Bensmann fand in dem Leipziger Szene-Kino in den Industriehallen der alten Baumwollspinnerei ein dankbares Publikum, dem so eine gewisse Abwechslung zu von Correctiv breit diskutierten Themen wie dem Rechtsextremismus in Ostdeutschland geboten wurde. Bezeichnenderweise wurde die Preview als „Uraufführung“ angekündigt. Tatsächlich soll aus der Doku nach Correctiv-Manier auch noch ein Theaterstück entstehen. So durchzieht ein theatralischer Blick auf die katholische Kirche den gesamten Film. Er passt zu einem Publikum, das schon Bilder der vatikanischen Mauern erschauern lassen. Wortmeldungen von Opfern klerikalen Missbrauchs gibt es nicht. Stark vertreten sind dagegen jüngere wie ältere Frauen, die sich dem (links)akademischen Milieu zuordnen lassen, das auch die Leipziger Buchmesse generell prägt, in deren Rahmen der Film gezeigt wird. Kenntnisse oder gar eigene Erfahrungen mit der katholischen Kirche können da nicht vorausgesetzt werden. 

So erklärt die Reporterin Anna Kassin den Zuschauern, dass die Kirche ein eigenes Rechtssystem habe. Im kanonischen Recht würde Missbrauch darin nicht als Angriff auf die Würde von Kindern, sondern als Verstoß gegen das Sechste Gebot betrachtet. Jede ihrer Aussagen zeigt, wie schwer das „System“ Kirche für sie zu verstehen ist. In der Diskussion erklärt sie, dass die Aufklärung des Missbrauchs auch dadurch erschwert werde, dass viele Menschen „auch Positives“ mit der Kirche verbinden und sie verteidigen würden. Den Zuschauern versucht sie, Szenen aus dem Film verständlicher zu machen, die Demonstrationen gegen einen Journalisten zeigen, der die Namen von Missbrauchstätern öffentlich gemacht hatte. Ihre Spekulationen zu einer weltweiten Zahl von Missbrauchsopfern der Kirche in Millionenhöhe bezweifelt hier niemand, ebenso wenig die Behauptung, dass nicht Einzeltäter, sondern „Netzwerke“ für die Verbrechen verantwortlich seien.

Der Vorwurf: Ratzinger hat beim Opferschutz versagt

Beständig wird insinuiert, dass bis heute die Leiden der Opfer ignoriert und die Täter geschützt würden. Und für diesen Täterschutz sei jahrzehntelang Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation und als Papst Benedikt XVI. verantwortlich gewesen.

Nirgends geht der Film jedoch darauf ein, dass Joseph Ratzinger schon als Präfekt der Glaubenskongregation Hunderte Priester laisierte, unzählige Missbrauchsopfer traf und Bischöfe zur Aufklärung anhielt. Dass mehrere Diözesen, vor allem in den USA, hohe Entschädigungszahlungen leisteten, wird ebenfalls mit keinem Wort erwähnt. Stattdessen wird insinuiert, dass es eine Art privates Geheimarchiv Ratzingers zu Missbrauchsfällen geben müsse, das vor der Öffentlichkeit verborgen werde, um seine Nachsicht mit Missbrauchstätern zu verschleiern. Belegen soll dies eine fehlende Protokollnummer in einem Dokument, das bereits 2023 der Bayerische Rundfunk skandalisiert hatte: der „Traubensafterlaubnis“ aus dem Jahr 1986 für den Priester H., der sich in den Diözesen Essen und München an Minderjährigen vergangen hatte. 

Diese „Traubensafterlaubnis“ ist der Dreh- und Angelpunkt des Ratzinger-Bashings des Films. Ein von Joseph Ratzinger unterschriebener Brief der Glaubenskongregation erlaubte im Jahr 1986 dem damals bereits strafrechtlich verurteilten Priester Peter H., die heilige Messe mit Traubensaft zu zelebrieren. Hier unterstellt Bensmann, dass Peter H. die „Traubensafterlaubnis“ bekam, damit er nicht betrunken Übergriffe begehe. Unerwähnt bleibt, dass der Priester in dieser Zeit nicht (mehr) in der Pfarrseelsorge eingesetzt wurde. Dass Priester zur täglichen Zelebration der heiligen Messe verpflichtet sind, dürften im Publikum die wenigsten wissen.

Dem Publikum wird Wesentliches nicht erklärt

Erklärt wird das auch nicht, und so wird ein Publikum manipuliert, dem die Riten ebenso wie alle Verwaltungsabläufe in der Kirche völlig fremd sind. Es ist ein empfindsames Publikum, das aufrichtig Anteil nimmt am traurigen Schicksal des Opfers Andreas P., der drogenabhängig wurde und derzeit in Haft sitzt. Gezeigt wird, wie er im Gerichtssaal seinem Peiniger Peter H. gegenüber sitzt, dessen Taten verjährt sind. Natürlich ist das Publikum empört. Gerne berichtet Bensmann davon, was die Arbeit an der Recherche „mit ihm gemacht“ habe und wie er den Kontakt zu Andreas P. pflege, ihn im Gefängnis besuche. So wird er für das Publikum zu einer Lichtgestalt, während die Vertreter der Kirche, allen voran Benedikt XVI., als zynische Potentaten einer „absolutistischen Monarchie“ erscheinen. 

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Stefan Fuchs

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