Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Filmrezension

Liebe, Gnade, Tod und Erlösung

Paolo Sorrentinos Thriller „La Grazia“ erzeugt Spannung aus Gewissensarbeit. Toni Servillo spielt mit ruhiger Wucht den Präsidenten.
In den letzten Monaten seiner Amtszeit soll der italienische Staatspräsident Mariano De Santis (Toni Servillo) zwei Begnadigungen prüfen. Besondere Zweifel hegt er an der Frage, ob er das Sterbehilfe-Gesetz unterschreiben soll. Seine Tochter und Assistentin Dorotea (Anna Ferzetti) drängt auf seine Unterschrift.
Foto: Andrea Pirrello | In den letzten Monaten seiner Amtszeit soll der italienische Staatspräsident Mariano De Santis (Toni Servillo) zwei Begnadigungen prüfen.

„La Grazia“, die Gnade: Paolo Sorrentinos neues Werk nimmt im Titel den Inhalt vorweg. Der italienische Staatspräsident Mariano De Santis (Toni Servillo) muss in den letzten Monaten seiner Amtszeit zwei Gnadenanträge prüfen. Zwei verurteilte Mörder, zwei Aktenstapel, zwei Fälle, die sich jeder schnellen Moral verweigern. Einer tötete die eigene, schwerkranke Frau; eine Frau ihren gewalttätigen Ehemann. Das sind Fälle, die den Satz „Es ist kompliziert“ nicht als Ausrede erscheinen lassen: Wo endet das Recht, wo beginnt die individuelle Entscheidung?

Mariano De Santis ist Jurist, Strafrechtsprofessor, eine Figur aus jener italienischen Tradition moralischer Autorität, die sich gern als Haltung übersetzt: Würde des Amtes, dunkler Anzug, maßvolle Stimme. Man nennt ihn „Cemento armato“, Stahlbeton. Das ist weniger ein Spitzname als eine anthropologische Diagnose. De Santis ist das Produkt einer Kultur, die Disziplin mit Charakter verwechselt und Verfahren mit Wahrheit. Ausgerechnet im „weißen Semester“, in der Schlussphase seiner Amtszeit, in der die Macht schon den Odem des Vergangenen atmet, muss er über zwei Gnadenakte entscheiden und zugleich ein Sterbehilfe-Gesetz passieren lassen. Diesen Gesetzestext lässt er immer wieder überarbeiten – nicht, weil er sich in Nuancen verliert, sondern weil er die Entscheidung als Zumutung erlebt.

Heimliche Zigaretten

De Santis’ Tochter Dorotea (Anna Ferzetti), Juristin und zugleich Kabinettschefin, Pflegerin und Korrektorin, hält den Betrieb am Laufen – und den Vater am Leben. Sie achtet auf seine eine Lunge, seine heimlichen Zigaretten, seine Ernährung – alles wie im Altenheim. Vor allem aber drängt sie auf seine Unterschrift unter ein Sterbehilfe-Gesetz. „Wem gehören unsere Tage?“, fragt sie – und trifft damit den Nerv des Films: Die moderne Politik ist voll von Zuständigkeiten, aber arm an Verantwortung und Entscheidungskraft.

Sorrentino setzt dieses Drama in Architektur gewordenen Selbstbeherrschungsräumen um: Quirinalssäle, Kasernen, Gänge, in denen jeder Schritt nach Protokoll klingt. Und doch ist „La Grazia“ kein kalter Film. Sein Zentrum liegt im Privaten, das sich der Präsident, dieser katholische Staatsmann, jahrzehntelang als Nebensache eingerichtet hat – bis es ihn nun erdrückt. De Santis ist Witwer. Seine Frau Aurora starb vor acht Jahren, und er spricht zu ihr, als sei Erinnerung eine liturgische Handlung. Seine Sätze klingen wie Gebete, die nicht erhört werden wollen: Das Leben ohne dich begeistert mich nicht mehr; wenn ich mich erinnere, sterbe ich. In diese Trauer mischt sich ein altes Gift: ein Verrat vor vierzig Jahren, den er nicht verzeiht, gerade weil er nicht mehr zu reparieren ist. Die große Frage des Films lautet deshalb nicht nur: Wen begnadigt man? Sondern: Kann man auch selbst begnadigt werden – von der Vergangenheit, vom eigenen Stolz, von der Illusion, Kontrolle sei gleichbedeutend mit Würde?

Auf dem Weg dorthin erlaubt sich Sorrentino seine bekannten Extravaganzen, aber sie wirken diesmal wie gezielte Nadelstiche in die voluminöse Schwere des Amtes. Rap-Musik im Palast, ein Papst mit Rasta-Frisur und Motorrad, surrealistische Gags zwischen dem Unbegründeten und dem hypermodern Kalten. Eine Freundin, Kunstkritikerin Coco Valori (Milvia Marigliano), schleudert Spitzen wie glitzernde Pfeile – bis der Präsident alles gleichgültig ignoriert.

Ein zentraler Satz des Filmes lautet, Gnade sei „die Schönheit des Zweifels“ („la bellezza del dubbio“). So wird Sterbehilfe – nach langem Zögern – als Akt der „Milde“ verbrämt, durchgesetzt von einem gezielt katholisch gezeichneten Politiker, der sogar nach päpstlicher Orientierung sucht. Dennoch ist „La Grazia“ ein erstaunlich leichter Film über schwere Dinge: über Sterben und Schuld, Gesetz und Liebe, Macht und Trauer. Getragen wird er von Toni Servillo, einer in voraufgegangenen Rollen bereits bewährten Präsidentenfigur. Sein Blick, sein Tonfall und sein Schweigen verraten mehr als jedes Wort. In einer Nebenrolle als litauische Botschafterin ist die Dessauerin Alexandra Gottschlich zu sehen. Der Film, der in Venedig die Filmfestspiele eröffnete und auch auf dem New York Film Festival gezeigt wurde, könnte für die deutsche TV-Schauspielerin zum Karrieresprungbrett werden.

„La Grazia“, Italien 2025, 133 Min. Regie: Paolo Sorrentino, im Kino ab dem 19. März.


Der Autor ist Historiker und schreibt aus Berlin zu Film und Kultur

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