Drei Monate vor dem Start der WM 2026 in Amerika feiert das Kino schon einmal vorab die deutsche Weltmeisterschaft in Italien im Sommer 1990. Welcher Fan erinnert sich nicht daran? Die deutsche Fußballnationalmannschaft wurde nach 1954 und 1974 zum dritten Mal Weltmeister und erlebte eine der größten Sternstunden der deutschen Sportgeschichte. Ein Ereignis, das damals ganz Deutschland – in Ost wie West – elektrisierte, die Menschen in einen kollektiven Freudentaumel versetzte und eine Mannschaft unsterblich machte.
Unter Teamchef Franz Beckenbauer wuchsen Fußballikonen wie Lothar Matthäus, Andi Brehme, Jürgen Klinsmann, Rudi Völler, Bodo Illgner, Guido Buchwald, Pierre Littbarski, Andreas Möller, Karl-Heinz Riedle und Klaus Augenthaler über sich hinaus und schufen als WM-Helden ikonische Momente für die Fußball-Ewigkeit. Die legendären Duelle mit den Niederlanden, England und Jugoslawien sowie das emotionsgeladene Finale – ein Revanche-Spiel gegen Argentinien – bleiben unvergessliche Gänsehauterlebnisse.
Mehr als ein erfolgreiches Fußballturnier
Ob der umstrittene Platzverweis von Rudi Völler, der zuvor gleich zweimal vom niederländischen Spieler Frank Rijkaard angespuckt worden war, das aufopferungsvolle Spiel von Guido Buchwald gegen Diego Maradona oder Andi Brehmes entscheidendes Elfmetertor im Endspiel – bis heute ist die legendäre WM 1990 aus dem deutschen Fußballgedächtnis nicht wegzudenken.
Diese WM war jedoch weit mehr als nur ein erfolgreiches Fußballturnier. Einige Monate nach dem Mauerfall im November 1989 und kurz vor der deutschen Wiedervereinigung im Oktober 1990 entstand unter dem Jubel von Millionen Menschen aus Ost- und Westdeutschland ein neues deutsches Selbstbewusstsein. Der Sommer 1990 schenkte Deutschland nach Jahrzehnten der Teilung wieder ein neues Wir-Gefühl und wurde so zu einem Symbol der Hoffnung für unser Land.
Der neue Dokumentarfilm „Ein Sommer in Italien – WM 1990“ blickt nun, nach 36 Jahren, nostalgisch auf jenen Sommer zurück, in dem Kapitän Lothar Matthäus und seine Mitspieler ein Land im Aufbruch vereinten – mit starkem Teamgeist, grandiosen Leistungen und unerschütterlichem Zusammenhalt. Dieser WM-Mannschaft wurde nun ein würdiges Kino-Denkmal gesetzt.
Matthäus und Co.: Viele Ex-Weltmeister kommen zu Wort
Neben Matthäus kommen in der Dokumentation zahlreiche damalige Nationalspieler in aktuellen Interviews zu Wort und zeichnen ein lebendiges, emotionales und sehr persönliches Bild ihres gemeinsamen Erfolgsweges. Gestützt auf bislang unveröffentlichte Aufnahmen aus dem Innersten der Mannschaft – darunter private Filmaufnahmen von Sepp Maier, intime Einblicke der Spieler selbst und seltenes Archivmaterial der FIFA – eröffnet der Film einen Blick hinter die Kulissen eines Turniers, das weit über eine bloße Sportveranstaltung hinausging.
Es ist ein emotionaler Rückblick auf vier intensive Wochen, die Deutschland geprägt haben. Besonders bewegend wird es gegen Ende, wenn sich einige Spieler mit Tränen in den Augen an die vor zwei Jahren viel zu früh verstorbenen Andi Brehme und Franz Beckenbauer erinnern und deren Leistungen würdigen. „Ein Sommer in Italien – WM 1990“ ist eine aufschlussreiche, unterhaltsame und sehenswerte Dokumentation – sowohl für alle, die damals mit der deutschen Mannschaft mitgefiebert haben, als auch für nachwachsende Generationen. Ein Leinwandspektakel nicht nur für Fußballfans, und ein Familienfilm im Kino für die kommenden Ostertage.
Hoffentlich werden wir in ein paar Monaten ähnlich stolz auf die Leistung unserer Nationalelf bei der WM 2026 zurückblicken können. Momente der Einheit und des Wir-Gefühls täten unserem Land auch heute gut. Aber das steht auf einem anderen Blatt.
Der Autor ist Priester im Erzbistum Köln und schreibt über Film und Kunst.
„Ein Sommer in Italien – WM 1990“, Deutschland 2026, 93 Min., Regie: Vanessa Goll und Nadja Kölling, seit dem 19. März im Kino.
Genre: Dokumentarfilm
Bewertung: vier von fünf Sternen
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