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Agnieszka Hollands Flüchtlingsfilm „Green Border“: Ein Film, der aufwühlt

Polens Starregisseurin spricht über ihren preisgekrönten Film, emotionale Reaktionen und die Notwendigkeit, dass Europa menschlich und christlich bleibt.
Agnieszka Holland bei der Premiere ihres Films "Green Border".
Foto: IMAGO/Michaela Rihova (www.imago-images.de) | Agnieszka Holland bei der Premiere ihres Films "Green Border".

„Es schien mir, dass ich als Filmemacherin, Bürgerin und Künstlerin die Verantwortung habe, darüber zu sprechen“, sagt Polens Starregisseurin Agnieszka Holland im Gespräch mit der „Tagespost“ angesprochen auf die Motivation, ihren Film „Green Border“ zu drehen. Denn dieser Film setzt sich mit den Verhältnissen an der polnisch-belarussischen Grenze auseinander – und diese Verhältnisse sind laut Holland sowie zahlreicher Beobachter katastrophal.

Rund 50 Menschen kamen im polnisch-belarussischen Grenzgebiet zu Tode

Weswegen Holland, die seit 1981 in Paris lebt, mit der mittlerweile abgewählten PiS-Regierung und deren Gebaren während der Flüchtlingskrise in der kommenden Ausgabe der „Tagespost“ hart ins Gericht geht: „Die staatliche Propaganda hat die Flüchtlinge in der Öffentlichkeit als eine Art bewaffnete Masse von Pädophilen, Terroristen und Vergewaltigern hingestellt. Als Folge wurde das gesamte Grenzgebiet abgeriegelt, der Ausnahmezustand verhängt und sowohl den Medien als auch medizinischen oder humanitären Organisationen und Beobachtern der Zutritt zu dem Gebiet untersagt. Somit konnten völlig ungestraft Dinge geschehen, die in einem demokratischen Staat nicht vorkommen dürften.“ 

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Insgesamt 50 dokumentierte Tote sowie circa 300 Vermisste gibt es im Niemandsland zwischen Polen und Weißrussland zu beklagen – dieses Unrecht wollte beziehungsweise musste Holland gemeinsam mit ihrer Filmcrew aufarbeiten. Sie und ihr Team sprachen im Grenzgebiet von Polen und Belarus mit Beteiligten auf allen Seiten, Grenzschützern, Flüchtlingen, Menschenrechtsaktivisten und Ärzten. Für jede im Film gezeigte Situation gibt es ein Vorbild aus dem realen Leben. Auf dieser Grundlage entstand schließlich der Spielfilm mit seinen fiktionalen Charakteren, seinem dokumentarischen schwarz-weiß Stil und seiner multiperspektivischen Erzählweise.

Hocherfolgreich und hochumstritten

„Green Border“ wurde im September 2023 bei seiner Weltpremiere auf den Filmfestspielen von Venedig begeistert aufgenommen und mit dem Spezialpreis der Jury sowie sechs weiteren Preisen ausgezeichnet. Zu den weiteren internationalen Auszeichnungen zählen die Nominierungen zum Europäischen Filmpreis in den Kategorien Bester Film, Beste Regie und Bestes Drehbuch sowie die Publikumspreise auf den Festivals von La Roche-sur-Yon und Chicago. 

Derweil beschimpften führende Vertreter der PIS-Regierung mitten im polnischen Wahlkampf die Regisseurin als Nestbeschmutzerin und verglichen sie mit NS-Propagandaminister Joseph Goebbels. Sie wurde so massiv bedroht, dass sie zeitweilig unter Personenschutz stand – und die polnischen Kinos sollten auf Anweisung des Justizministers vor jeder Vorstellung des Films einen distanzierenden Spot zeigen.

Einsatz für besonnene Politik

„Green Border“ wurde dennoch oder vielleicht auch gerade deswegen zum zweitbesucherstärksten Film des letzten Jahres in Polen. Und Agniezska Holland betont gegenüber der „Tagespost“, dass sie darauf hofft, dass auch katholische Organisationen sich für eine besonnene Flüchtlingspolitik einsetzen: „Wenn das Potenzial für das Gute, das in uns Menschen steckt, durch die Regierenden und durch gesellschaftliche Autoritäten wie die Kirche unterstützt wird, ist es leichter, es zu manifestieren.“ DT/sta

Warum Agnieszka Holland die Ängste der Menschen vor „Überfremdung“ versteht, jedoch zu einer konstruktiven Integrationspolitik keine Alternative sieht, erfahren Sie in der kommenden Ausgabe der „Tagespost“.

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