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Agnieszka Holland: „Europa muss menschlich bleiben“

Preisgekrönt, erfolgreich und in ihrer Heimat Polen hochumstritten: Ein Gespräch mit der Starregisseurin über ihr Flüchtlingsdrama „Green Border“.
Starregisseurin Agnieszka Holland
Foto: IMAGO/Maria Laura Antonelli / Avalon; Adobe Stock; Montage: Stefanie Rielicke | Das Flüchtlingsdrama „Green Border“ der Starregisseurin Agnieszka Holland läuft seit Donnerstag in unseren Kinos.

Frau Holland, warum war es Ihnen wichtig, mit „Green Border“ einen Spielfilm über die Flüchtlingssituation an der polnisch-weißrussischen Grenze zu drehen?

Die Flüchtlingsfrage scheint mir eines der heißesten Themen unserer Zeit zu sein. Die Welle von Menschen, die nach Europa streben, hat große politische Veränderungen in Europa entfacht und dabei auch die Schwäche Europas aufgezeigt. Wladimir Putin wäre nicht er selbst, wenn er nicht erkannt hätte, dass der Flüchtlingsstrom der einfachste Weg ist, um die Europäische Union zu destabilisieren. Persönlich hat es mich direkt betroffen, als das Flüchtlingsdrama an der polnischen Grenze begann und die einzige Reaktion des Staates darin bestand, Gewalt als Antwort auf diesen Konflikt anzuwenden. Die Situation hat sich im moralischen und humanitären Sinne so dramatisch zugespitzt, dass es mir notwendig erschien, über all das zu berichten und der Problematik menschliche Identitäten, Stimmen und Gesichter zu geben.

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Wie würden Sie die damalige Situation in Polen beschreiben?

Die staatliche Propaganda hat die Flüchtlinge in der Öffentlichkeit als eine Art bewaffnete Masse von Pädophilen, Terroristen und Vergewaltigern hingestellt. Als Folge wurde das gesamte Grenzgebiet abgeriegelt, der Ausnahmezustand verhängt und sowohl den Medien als auch medizinischen oder humanitären Organisationen und Beobachtern der Zutritt zu dem Gebiet untersagt. Somit konnten völlig ungestraft Dinge geschehen, die in einem demokratischen Staat nicht vorkommen dürften. Den Grenzschützern wurde zudem befohlen, Flüchtlinge, die auf polnischem Territorium aufgegriffen wurden, unmittelbar nach Weißrussland abzuschieben oder sie durch „Push-Backs“ zurückzudrängen. Für die Flüchtlinge hatte das zur Folge, dass man sie damit oft der Folter auslieferte. So oder so eröffnet die Legalisierung von Gewalt als staatliche Antwort auf die Ausgrenzung von Menschen die Möglichkeit zu den schlimmsten menschlichen Gräueln und es schien mir, dass ich als Filmemacherin, Bürgerin und Künstlerin die Verantwortung habe, darüber zu sprechen. Ich wollte nicht das ganze politische Bild aufzeigen, denn dafür sind die Medien da. Ich wollte vielmehr erzählen, was das alles aus der Sicht betroffener Menschen und ihrer Schicksale bedeutet. 

Sie zeigen Ihren Film aus drei Perspektiven: Aus dem Blickwinkel einer geflüchteten Familie, aus der Sicht von den Grenzbeamten und aus der Perspektive der Aktivisten, die helfen wollen.

Wir hätten noch mehr Perspektiven aufzeigen können und haben auch darüber nachgedacht. Es gibt natürlich auch die weißrussische Seite, die politische Sicht und die Sichtweise der Menschen vor Ort, die sozusagen zu Geiseln dieser Situation geworden sind. Einige von ihnen helfen - ob öffentlich oder im Geheimen -, einige denunzieren oder erpressen sogar andere. Die meisten aber sind gleichgültig und tun so, als ob nichts wäre, obwohl es direkt vor ihrer Haustür passiert. Auch diese Perspektiven tauchen im Film auf, werden aber nur angerissen, sonst wäre die Geschichte, die wir erzählen wollten, in ihrer Wertigkeit nicht so kompakt und stark geworden, wie sie jetzt ist.

In einer Szene Ihres Films sieht man, wie Grenzschützern beigebracht wird, dass jeder Flüchtling ein möglicher Attentäter ist. Ängste kann man leicht schüren. Wie kann man sie aber auch wieder überwinden? Vor allem die Angst vor dem Fremden und Andersartigen? 

Solche Ängste sind etwas ganz Offensichtliches und sie haben ihre Gründe. Terroristische Anschläge, vor allem durch extreme islamistische Organisationen, sind eine schlimme Wirklichkeit. Soziale Spannungen zwischen Migranten und der Gesellschaft sind ebenfalls eine Tatsache. Multikulturelle Gesellschaften bieten viel Konfliktpotenzial, wenn es in der Bevölkerung um ungleiche Chancenverteilung geht, die zu Ghettoisierung führt. Letztendlich ist die Frage der Integration ein ungeheuer schwieriges Thema: Menschen wollen oft ihre Komfortzonen nicht aufgeben, was zu weiteren Spannungen führt und ein gefundenes Fressen für populistische oder rechtsextreme Politiker bietet. Das ist ein echtes Problem und man kann nicht so tun, als gäbe es das nicht, denn die Ängste der Menschen haben eine reale Grundlage. Integration ist eine große Herausforderung, aber wir müssen auch die Frage beantworten, was die Alternative ist.

Papst Franziskus hat mit seiner Reise nach Lampedusa 2013 den Blick der Weltöffentlichkeit auf das Elend der Flüchtlinge gelenkt und seitdem immer wieder deutliche Worte dafür gefunden, dass das Mittelmeer, als die Wiege der Zivilisation, immer mehr zum „Grab der Menschenwürde“ durch menschliche Gleichgültigkeit wird. Wird nicht auch die polnisch-weißrussische Grenze für viele zu einem Grab? Es gibt schließlich bereits mehr als 50 dokumentierte Tote und mehr als 300 Menschen, die bis heute noch vermisst werden. 

Das Mittelmeer weist natürlich eine andere Dimension auf, wenn man die Zahlen vergleicht. Es ist ein Massengrab, denn dort starben bereits zwischen 30.000 und 60.000 Menschen. Was die polnisch-weißrussische Grenze anbetrifft, so ist sie zwar grausam, aber nicht so gefährlich wie das Mittelmeer, weshalb die Menschen weiterhin mit allen Mitteln versuchen, diese Route zu nehmen. Wie man sehen kann, sind sie bereit, ihr Leben zu riskieren, um in unser „Paradies“ zu gelangen. Deshalb können auch alle Zäune nichts ausrichten. Die Entschlossenheit derer, die vor Krieg, Verfolgung, Elend oder Hunger fliehen, ist so groß, dass sie nichts aufhalten kann. Es sei denn, wir werden zu Massenmördern und bombardieren diese Boote oder stellen Maschinengewehre an unserer Grenze auf. Aber dann wären wir nicht mehr Europa, die Wiege des Christentums und der Menschenrechte.  

„Der erste Teil des Films ist aber auch wie ein
Abstieg in die weiteren Kreise der Hölle.
Wir dachten an Dantes „Göttliche Komödie“,
als wir diesen ersten Teil konstruierten.“

Sie erwähnten das Wort „Paradies“. Am Anfang von „Green Border“ zeigen Sie uns einen schönen, üppigen grünen Wald. Plötzlich verschwindet jedoch die Farbe und die Landschaft im Film wird schwarz-weiß und bleibt es auch bis zum Ende des Films. Es wirkt so, als hätte sich ein Schatten über das Paradies gelegt. Am Anfang der Bibel lesen wir, dass der paradiesische Garten Eden durch die Macht des Bösen ebenfalls verdunkelt wurde. Kann man den Beginn Ihres Films auch mit dieser religiösen Brille lesen?

Das ist mehr oder weniger die Symbolik der Szene, so kann man den Film durchaus lesen. Der erste Teil des Films ist aber auch wie ein Abstieg in die weiteren Kreise der Hölle. Wir dachten an Dantes „Göttliche Komödie“, als wir diesen ersten Teil konstruierten. Wir haben diesen Anfang mit dem Wald und mit der Flüchtlingsfamilie auf ihrem Flug nach Minsk gewählt, weil diese Reise für die Familie zunächst so aussah, als wären sie auf einer Art Wunderstraße, auf der man ins Paradies gelangen könnte. Später mussten sie aber feststellen, dass sie sich plötzlich mitten in der Hölle wiederfanden und es für sie immer tiefer hinabging.  

Ihr Film spielt im Oktober 2021. Wie hat sich die Situation an der polnisch-weißrussischen Grenze seither verändert? Hat Ihr Film etwas bewirkt und Einfluss genommen auf die Politik der EU oder die Einstellung der Menschen in Polen und Weißrussland? Wurde Ihr Film auch in Weißrussland gezeigt?

„Green Border“ wurde meines Wissens in Weißrussland nicht gezeigt, es sei denn über geheime Kanäle. Was die Situation in Polen angeht, so hatte der Film eine große Resonanz, auch ungewollt dank der damaligen Politiker von PiS, die uns auf sehr aggressive Weise angriffen und eine regelrechte Hasskampagne gegen uns gestartet haben. Das machte den Film natürlich erst recht populär und interessant („Green Border“ war 2023 der zweitmeistgesehene Film in Polen, Anm. der Redaktion). Ich denke schon, dass mein Film die Menschen für die Flüchtlingsproblematik sensibilisiert hat

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Wie lange das anhält, ist schwer zu sagen, aber die vielen Begegnungen, die ich mit Menschen durch den Film bisher hatte und das ungeheure Ausmaß der Reaktionen, sind mir bisher so noch nie begegnet. Das ging über alles hinaus, was ich kannte. Jetzt geht es vor allem darum, die neue Regierung in Polen dazu zu bringen, die grausamen Verordnungen der Vorgängerregierung abzuschaffen. Es geht nur langsam voran, aber wir werden in unseren Bemühungen nicht nachlassen. Mit „wir“ denke ich dabei an humanitäre Organisationen, an Anwälte, die für Menschenrechte eintreten, an die katholischen Organisationen, die an der Grenze aktiv sind und an alle Bürger, die sich an den Premierminister wenden können. Wir werden nicht ruhen, bis das geschieht. 

„Green Border“ endet mit dem Beginn des Ukraine-Krieges und damit, dass Polen seine Grenzen zur Ukraine weit öffnet und die dortigen ukrainischen Flüchtlinge mit der berühmten polnischen Gastfreundschaft bei sich aufnimmt. Weshalb werden solche Unterschiede zwischen Menschen und ihrer Herkunft gemacht?

Ich denke, dass Rassismus dabei eine Rolle spielt, aber ich glaube auch, dass die Menschen einfach zum größten Teil gerne gut und hilfsbereit zu anderen sind. Wenn das Potenzial für das Gute, das in uns Menschen steckt, durch die Regierenden und durch gesellschaftliche Autoritäten wie die Kirche unterstützt wird, ist es leichter, es zu manifestieren. Das Potenzial ist da, aber es muss auch unterstützt und gefördert werden.

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