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Weihnachtliche Grenzverschiebung mit Jesuskind

Das Jesuskind in Reispapier bei einer im SWR übertragenen Christmette hat für massive Empörung gesorgt. Das „Bedauern“ der Verantwortlichen greift zu kurz. Es geht um mehr als den guten Geschmack.
Kritik an umstrittener Jesusfigur
Foto: IMAGO / Bihlmayerfotografie | Über 1.400 kritische E-Mails sind zu der umstrittenen Jesusfigur beim federführenden SWR eingegangen.

Das Jesuskind, eingewickelt in feuchtes Reispapier wie eine vietnamesische Sommerrolle: Was als Kunstprojekt die ARD-Übertragung der Christmette aus Stuttgart bereichern sollte, hat sich nach anfänglichem Gegrummel samt BILD-Schlagzeile nun zum handfesten Skandal ausgeweitet.

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Denn drei Wochen nach Heiligabend wurde nun bekannt: Über 1.400 kritische E-Mails sind dazu beim federführenden SWR eingegangen. Eine ungeheure Zahl, wenn man bedenkt, dass sich dahinter eine weit größere Anzahl von Gläubigen und der Kirche nahestehenden Menschen verbirgt, die ähnlich schockiert oder empört reagiert haben dürften.

Distanzlosigkeit zum Mysterium der Heiligen Nacht

Verantwortlich war die katholische Rundfunkarbeit der Kirche beim SWR. Rundfunkpfarrer Thomas Steiger ist seit dem 1. Dezember 2021 als Senderbeauftragter für die Leitung zuständig. Der 61-jährige katholische Geistliche, nach eigener Darstellung ein begeisterter Opernfreund, Hobbykoch und Weintrinker, konnte an der Jesuskind-Darstellung während des Gottesdienstes in der Kirche Sankt Maria in Stuttgart nichts Anstößiges entdecken: „Die Krippe zeigt einen echten Menschen. Er liegt dort, elend, nackt und bloß.“ Die von vielen so wahrgenommene, entmenschlichte Darstellung des menschgewordenen Gottessohns mochte Steiger nicht nachvollziehen. Vielmehr sieht er im Reispapier-Säugling das Weihnachtswunder aufscheinen: „So radikal wird Gott Mensch; nah, berührbar, ohne Distanz, echt.“ Bedauern über die Verletzung religiöser Gefühle: ja. Eine Entschuldigung: nein. Weder vom ausstrahlenden SWR, dem Rundfunkbeauftragten oder dem Bistum selbst. Es ginge doch nur um Nähe.

Gerade diese Distanzlosigkeit zum Mysterium der Heiligen Nacht und seiner Feier ist es aber, die die Gläubigen so nachhaltig schockiert hat. Die heftigen Reaktionen von der kirchlichen Basis blieben mittlerweile auch oben nicht ohne Wirkung. Das sonst der Moderne durchaus zugeneigte Bistum Rottenburg-Stuttgart, bekannt durch ein beachtenswertes Programm von Vermittlung zeitgenössischer Kunst, schlägt sich auf die Seite der Kritiker. Es sei „deutlich geworden, dass die gewählte Form der Darstellung bei vielen Menschen Irritation, Unverständnis und Ärger ausgelöst hat – insbesondere an einem Hochfest wie Weihnachten.“ In dem Gottesdienst sei es auch zu „Abweichungen von der geltenden liturgischen Ordnung“ gekommen: „Die Form des Gottesdienstes ist freier gestaltet worden, als dies zulässig ist.“ In Zukunft will man vorsorgen: „„Abstimmungs- und Entscheidungsprozesse werden verbindlich geschärft, um sowohl der kirchlichen Verantwortung als auch der besonderen Sensibilität solcher Formate gerecht zu werden“.

Der gebührenfinanzierte SWR bleibt schmerzfrei

Der gebührenfinanzierte SWR, über den die Christmette ausgestrahlt wurde, bleibt weiter schmerzfrei und sieht Defizite eher bei den Katholiken, die die Kunst nicht verstehen: „Wir bedauern sehr, dass die Christmette an Heiligabend auf Missfallen gestoßen ist und Menschen sich dadurch in ihrem Glauben verletzt gefühlt haben.“ Im Umgang mit den Muslimen im Ländle erweist sich der SWR dagegen als ausgesprochen feinfühlig. Die Senderreihe „Islam in Deutschland“, abzurufen in der ARD Audiothek, nähert sich mit großer Sensibilität dem Glauben in der Nachfolge Mohammeds. Beispielhaft sei hier die Folge „Von der Vergebung“ angeführt.

Als Katholik möchte man im Blick auf die vom SWR ausgestrahlte Christmette den Verantwortlichen wünschen: Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. (Lukas 23, 34). Weiteren Grenzverschiebungen bei der freien Ausgestaltung von Übertragungen kirchlicher Feierlichkeiten ist jedoch entschieden entgegenzutreten. Das sind Christen über Konfessionsgrenzen hinweg ihrem Glauben schuldig. Und der Religionsfreiheit in unserem Land. Es geht um mehr als nur um den guten oder schlechten Geschmack.

Die Freiheit der Kunst ist davon nicht betroffen. Schon immer lebt die Kirche in der Glaubensvermittlung aus einem spannungsvollen Miteinander und Austausch mit den Künsten. Im Respekt voreinander erweist sich der Grad der Fruchtbarkeit dieser Beziehung.

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Henry C. Brinker

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